„Pflicht, zu helfen“: Zur Rolle der extremen Rechte im Südtirol-Terrorismus

Der Ende der 1950er Jahre gegründete Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) hatte sich der Forderung nach Selbstbestimmung verschrieben. Um die Öffentlichkeit auf die Diskriminierung der deutschsprachigen Minderheit in Italien aufmerksam zu machen, verübte der BAS ab Anfang 1961 „demonstrative“ Bombenanschläge. Im „Hinterland“ Österreich wurde der „Südtiroler Freiheitskampf“ bald von deutschnationaler und rechtsextremer Seite aktiv unterstützt. Deutsche und österreichische Burschenschaftler verübten einige der ersten gegen Zivilisten gerichteten Attentate. Darüber hinaus waren sie international vernetzt – das legen neue Dokumente aus dem Wiener Staatsarchiv offen.

Anfang September 1961 neun österreichische Studenten der Verbindungen Olympia und Brixia sowie drei deutsche Studenten von der Erlanger Germania eine Anschlagswelle in mehreren italienischen Städten. Angestiftet dazu hatte sie der Innsbrucker Universitätsdozent Norbert Burger, der über Jahrzehnte eine Schlüsselfigur des österreichischen Rechtsextremismus war.

Intern als „Operation Panik“ bezeichnet, wurde diese wegen des jugendlichen Alters der Beteiligten als „Kinderkreuzzug“ bekannt: Am 8. und 9. September 1961 sollten drei Kommandos Koffer mit Molotowcocktails, die mittels Säurezünder explodieren würden, in die Gepäckaufbewahrung der Bahnhöfe mehrerer italienischer Großstädte schmuggeln. Das gelang nur in Trient/Trento, Rovereto und Verona. Schäden wurden glücklicherweise kaum verursacht. Einer der Trupps wurde auf dem Weg zum Bahnhof von Trient verhaftet, nachdem eine Brandflasche im Auto explodiert war. Auch in Rom ging eine Flasche vorzeitig hoch und verletzte den beteiligten Studenten Helmut Wintersberger schwer.

Es gab noch weitere Aktionen, die mit dieser Anschlagserie in Verbindung standen: Schon Ende August 1961 hatte ein BAS-Trupp bei St. Martin im Passeiertal auf eine Carabinieri-Patrouille das Feuer eröffnet und einen Masten gesprengt. Der nächste Vorstoß erfolgte einen Monat später: Diesmal waren neben den BAS-Leuten Georg „Jörg“ Klotz und Luis Amplatz der Burger-Vertraute Peter Kienesberger sowie die Studenten Herbert Fritz und Helmuth Hülsner mit dabei. Sie schossen „absichtlich über die Köpfe“ der Wachmannschaft des Kraftwerks in Rabenstein im Sarntal. Anschließend ging die Gruppe ins Passeiertal und versuchte dort drei Masten zu sprengen, was nur in einem Fall gelang.

Kontakte zu Otto Skorzeny

Bei der Wiener Bundesregierung läuteten wegen dieser Entwicklung die Alarmglocken – denn es ergaben sich Hinweise, dass die in Südtirol aktiven Rechtsextremisten international vernetzt waren. In der Sitzung des Ministerrats vom 12. September 1961 mahnte Außenminister Bruno Kreisky (SPÖ):

„Ich bin überzeugt, dass der Radikalismus nicht nachlassen wird, wenn die Verhandlungen wieder evasiv geführt werden, wird er wieder wachsen. Die Nachrichten sagen, dass die Verhörmethoden sich sehr verschärft haben. […] Die Täter der letzten Terrorakte sind zum Teil aus Österreich gekommen. […] In Südtirol ist es ein öffentliches Geheimnis, dass eine Schießerei in Passei von einer Gruppe durchgeführt wurde, die sich nach Österreich zurückgezogen hat; natürlich sind alle Gruppen in der Sache verwickelt. Ehemalige Nazi, Kommunisten und alle, die Unruhe haben wollen.“

Laut Justizminister Christian Broda (SPÖ) hatte dabei ein „Untergebener von Skorzeny“ eine wichtige Rolle gespielt. Otto Skorzeny war der ehemalige Kommandeur der SS-Spezialkräfte gewesen und befand sich nunmehr im spanischen Exil. Sein Ex-Kamerad Helmut Riedl hatte Burgers Anhang im Zillertal in der Handhabung von Sprengstoff ausgebildet. Er selbst sagte dazu aus:

„Im Spätherbst 1959 ist an mich eine Person herangetreten, deren Namen ich nennen kann [es handelte sich um Burger], und ersuchte mich, ihr mitzuteilen, ob ich Sprengstoffsachverständige wüsste, die geeignet wären, Südtiroler Burschen im Sprengwesen einer Kurzausbildung zu unterziehen. Ich selbst war nicht in der Lage, geeignete Personen namhaft zu machen, weshalb ich mich bereit erklärte, zumal ich über die entsprechende Ausbildung verfüge […], die Ausbildung von Südtiroler Burschen zu übernehmen.“

Riedl hatte eine außergewöhnliche Vorgeschichte: Nach dem Verbot der NSDAP in Österreich im Juni 1933 war er nach Deutschland geflüchtet, wo er innerhalb der österreichischen Legion eine SS-Ausbildung erhielt. Seinen akademischen Abschluss machte er an der Forsthochschule bei Dresden. Während des Zweiten Weltkriegs versah Riedl den Dienst laut eigener Angabe „bei der Abwehr – mit dem letzten Dienstgrad Oberleutnant.“ Nach 1945 war er Forstreferent beim Waldverband Tirol.

Vor Gericht bekundete Riedl 1965, warum man mit Bomben das „Weltgewissen“ auf Südtirol aufmerksam machen wollte: „Es sollte die Forderung der Südtiroler nach Autonomie akustisch untermauern. Ein Volk muss bis zum äußersten entschlossen sein, wenn es etwas erreichen will. Auf Zypern oder in Algerien ist es genauso gewesen.“ Riedl bekam den Bezugsschein für den Sprengstoff von einem ihm persönlich bekannten Hauptmann einer Bundesheer-Pioniereinheit in Schwaz/Tirol: „Für mich war es eine Pflicht, den Südtirolern zu helfen.“

Was Skorzenys Rolle betrifft, so blieb er bis zum seinem Tod 1975 eine Anlaufstelle für Rechtsextremisten, darunter Burger. Broda klärte diesbezüglich den Ministerrat auf:

„Die Verbindungen von Burger gehen bis zu Skorzeny in Madrid. […] Skorzeny hat dann Burger weitergewiesen zu deutschen oder belgischen Quellen von Sprengstoffmaterial. Darüber haben die deutschen Behörden seit Monaten Kenntnis gehabt. Uns haben sie im August in Kenntnis gesetzt. Jetzt bekommen wir Niederschriften, die aus dem April stammen.“

Ein paar Monate später wusste Broda mehr zu berichten:

„Der Vorgang war folgender: Burger ist an Skorzeny in Madrid gewiesen worden. Dann hat sich Burger mit einer Visitkarte des Skorzeny nach Belgien begeben und hat dort durch eine Mittelsperson über den Ankauf von Sprengstoffen verhandelt. Von dort wurde er nach der Bundesrepublik weiter verwiesen. Also, dass es Zusammenhänge gibt, die von der OAS [Organisation de l’armée secrète] nach Belgien und in die Bundesrepublik führen und hievon ausstrahlen, das war nicht zu bezweifeln.“

„Es zittern die morschen Knochen“

Das Netzwerk Burgers flog am 12. November 1961 auf: Um 1.00 früh waren zwei Studenten vor dem Haus Opernring 17 in der Wiener Innenstadt von einem Sicherheitswachebeamten „abgemahnt“ worden. Die beiden hatten zuvor „in lautem Ton“ das NS-Propagandalied „Es zittern die morschen Knochen“ gesungen und damit den Protest von Passanten herausgefordert. Während sich Roman P. danach ruhig verhielt, provozierte Herbert Fritz weiter und konnte erst „nach Eintreffen von Sukkurs und Androhung von Brachialgewalt“ in ein Wachzimmer überstellt werden. Dort beschimpfte er die Beamten als „dreckige Kommunistenschweine“; es kam zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf Fritz unter anderem dem Wachzimmerkommandanten in den Ringfinger biss. Mit Fritz und P. war noch ein dritter Student verhaftet worden, der später hinzugekommen war und sich in die Amtshandlung eingemengt hatte.

Alle drei waren Mitglieder der Olympia und hatten unmittelbar vor dem Vorfall an einer Veranstaltung dieser Burschenschaft teilgenommen. Der Amtsarzt konnte lediglich eine leichte Alkoholisierung feststellen. Fritz hatte dem BHJ angehört „und hatte Kontakt mit dem Täter der Anschläge gegen das Parlament und die italienische Botschaft in Wien, Günther Kümel“. 1959 will Fritz als „aktiver Olympe“ erstmals mit Burger zusammengetroffen sein:

„Das war vorerst kein persönlicher Kontakt. Bereits seit meiner Mittelschulzeit hatte ich mein Interesse für Südtirol entdeckt und war dies auch irgendwie ausschlaggebend für meine spätere, einschlägige Tätigkeit.“

Er selbst habe an Schmieraktionen in Wien und Flugblattaktionen in Südtirol teilgenommen. Vor allem aber räumte er ein, im September 1961 an dem „Sprengtrupp“-Unternehmen im Passeiertal beteiligt gewesen zu sein. Bei Fritz wurde weiters ein Brief vorgefunden, der zahlreiche Kontakte auflistete. Zweck des Schreibens: „In Österreich Gruppen aufzuziehen, die, wenn die Aktionen in Südtirol einsetzen werden, in Österreich sofort mit Schmieraktionen zu beginnen.“ In allen Bundesländern hatte man entsprechende Gruppen organisieren wollen. Und es waren „konkrete Pläne“ für eine Befreiung Wintersbergers aus italienischer Haft gewälzt worden: „Falls die Sache gelingt, bekommen wir 20.000 S.“

Die Olympia, der Burger und einige der verhafteten Attentäter angehört hatten, per 1. Dezember 1961 aufgelöst. Im Zuge der Erhebungen hatte man festgestellt, dass sich 12 Mitglieder „außerhalb der Statuten und in Verletzung der österreichischen Gesetze betätigt“ hätten. Aus der hohen Zahl müsse „der Schluß gezogen werden, daß der Verein selbst die organisatorische Grundlage für diese Tätigkeit geboten“ habe. 1973 sollte sich die Olympia neu konstituieren.

„Einen italienischen Offizier auf gut 2000 m sicher abknallen“

1963 wurde ein Haftbefehl gegen Burger erwirkt, nachdem ein Sprengstoff-Transport am Brenner aufgeflogen war und es sich herausstellte, dass er den beiden Verhafteten zuvor Unterschlupf gewährt hatte. Nach zwischenzeitlicher Freilassung auf Kaution und gegen Gelöbnis setzte sich Burger nach München ab. Bevor die deutschen Behörden sein weiteres Schicksal klären konnten, wurde Burger „völlig überraschend“ am 22. Juni 1964 in Klagenfurt verhaftet. Ein deutscher Fernsehjournalist, Peter Knips, der im Dienst des italienischen Geheimdiensts stand, hatte Burger nach Südtirol locken wollen.

Knips hatte Anfang 1964 für das bayerische Fernsehen eine Reportage über den Südtirolkonflikt gedreht. Im Zuge dessen interviewte er nicht nur Landeshauptmann Silvio Magnago, sondern ließ sich auch von einer BAS-Gruppe – darunter Burger – die Sprengung eines Strommasts demonstrieren. In Bozen sprach Knips mit dem Leiter der politischen Abteilung der dortigen Quästur, Giovanni Peternell. Während eines anschließenden Aufenthalts in Rom setzte sich Knips erneut mit Peternell in Verbindung und vereinbarte für den 2. Juni 1964 eine Unterredung:

„Das Fazit dieser Aussprache mit Dr. Peternell war, dass mir erklärt wurde, dass es im Interesse des italienischen Geheimdienstes läge, dass ich weiter mit Dr. Burger Kontakt halte und mich nach Möglichkeit an seine Fersen hefte.“

Knips nahm daraufhin wieder mit Burger in Innsbruck Verbindung auf – und erhielt ein ähnliches Angebot, wie zuvor von italienischer Seite: Nämlich, „in Südtirol aktiv zu werden sowie für den BAS ein Magazin für Sprengstoffe […] einzurichten.“ Knips sagte „natürlich“ zu. Weiter heißt es in der Niederschrift:

„Bei dieser Gelegenheit erklärte mir Burger auch, dass er dringend NATO-Sturmgewehre benötigen würde. Er sagte auch, er hätte eine Stelle in München, wo er Aussicht habe, derartige Gewehre zu bekommen, da er, wie er sagte, es satt habe, die Leute mit verschiedenen Kalibern und Waffen herumlaufen zu lassen. Auf meine Frage, weshalb es ausgerechnet NATO-Sturmgewehre sein müssten, sagte Dr. Burger, dass diese Waffe wegen der ausgezeichneten Zielsicherheit und Schussleistung bei seinen ‚Truppen‘ sehr beliebt wären. Diese seien vor allem dazu geeignet, die italienischen Carabinieri zu demoralisieren, da man mit einem gezielten Schuss einen italienischen Offizier auf gut 2000 m sicher abknallen könne.“

Nun stellte sich heraus, dass Burger zuvor im Mai und Juni 1964 ein oder zwei Maschinenpistolen, einige Pistolen sowie 20 Kilo Donarit mit der Absicht beschafft hatte, „damit Sprengstoffanschläge durchzuführen oder andere hiezu in Stand zu setzen“. Noch Ende Mai 1964 hatte er gemeinsam mit acht weiteren Personen auf einer Alm nahe seinem Wohnort in Kirchberg am Wechsel Waffen und Sprengstoff vor dem geplanten Einsatz in Südtirol „ausprobiert“. 1967 wurde Burger gemeinsam mit 14 weiteren Angeklagten von einem Linzer Geschworenengericht freigesprochen. Ein Jahr später fasste er dann doch acht Monate aus. Man setzte ihn prompt auf freien Fuß, weil die Strafe durch die Untersuchungshaft bereits verbüßt war.

„Beharrlicher Kämpfer für Deutschlands Ehre“

Seiner Überzeugung blieb Burger treu – noch 1967 gab er gegenüber dem Spiegel an, dass Attentate in Südtirol „notwendiger denn je“ seien: „Weil es eine echte Südtirol-Lösung nur aus einer Krisensituation heraus geben wird. Nicht Österreich allein, Gesamteuropa muss sich mit den Verhältnissen in der Provinz Bozen beschäftigen.“

1967 gründete Burger die Nationaldemokratische Partei (NDP), deren Programm im Wesentlichen mit dem Zielen der NSDAP übereinstimmte, wie der Verfassungsgerichtshof später feststellte. Bis zur behördlichen Auflösung 1988 war die NDP ein zentrales Sammelbecken der Rechten. Burger verstarb 1992 – nicht ohne als „aufrechter Mann“ und „beharrlicher Kämpfer für Deutschlands Ehre“ gewürdigt zu werden.

HINWEIS: Auszug aus „WERWÖLFE“, GEHEIMBÜNDLER UND SÜDTIROL-„BUMSER“: DIE ANFÄNGE DES RECHTSTERRORISMUS IN ÖSTERREICH, erscheint Anfang Jänner 2017 im Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies (JIPSS).