Fritz Buchta und die „Schwarze Schnur“

1951 gründete ein Gruppe Wiener Jugendlicher nach dem Vorbild der HJ den Geheimbund „Schwarze Schnur“. Schon bald ging man dazu über, Anschläge zu unternehmen: Gegen Lokale der KPÖ und antifaschistische Filmvorführungen. Auch war geplant, im Kriegsfall zwischen Ost und West in den Partisanenkampf überzugehen. Treibende Kraft war der damals 17jährige Sprengstoffbastler Fritz Buchta, der noch 1958 in einen ungewöhnlichen Raubmord verwickelt werden sollte.

Zwischen 14. und 21. August 1951 kam es zu einer Serie von acht Anschlägen mit Brandsätzen gegen Lokale der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) im 2., 3., 9. und 20. Wiener Gemeindebezirk. Nennenswerte Schäden entstanden dadurch nicht, „da meistens nur der Farbanstrich der Türe […] beschädigt wurde“. Ähnliche Anschläge waren 1934-38 von Angehörigen der damals illegalen NSDAP in Österreich „vielfach“ durchgeführt worden. Anders als von den Tätern beabsichtigt, war es zu keiner Detonation gekommen, sondern nur zu einer gesteigerten Verbrennung ohne Sprengfähigkeit: „Durch die bei der Zündung entstehende Temperatur von ca. 600-700° C bestand jedoch Brandgefahr.“ Am 30. Juli, am 1. und 12. August 1951 wurden dann jeweils gegen Ende der Nachmittagsvorstellung antifaschistischer „Defafilme“ („Die Sonnenbrücke“, „Die letzte Heuer“) in insgesamt drei Kinosälen Reizstoffpräparate verschüttet. Die Folge waren Unterbrechungen und Verzögerungen der Vorstellungen, weil die Kinosäle entlüftet werden mussten: „Zu Panikerscheinungen unter den Zuschauern ist es aber dank ihres disziplinierten Verhaltens in keinem Falle gekommen.“

Brand in der Haidgasse

Zur Aufklärung kam es, nachdem am 8. September 1951 durch Selbstentzündung von Chemikalien in einer Wohnung in der Haidgasse 10 in Wien-Leopoldstadt ein Brand ausgebrochen war. Im Verlauf der Erhebungen zur Ursache ergaben sich Verdachtsmomente gegen den 17jährigen Sohn des Wohnungsinhabers, den Chemiestudenten Friedrich (Fritz) Buchta. Für den 22. September 1951 wurden Vater und Sohn zur Auskunftserteilung vorgeladen:

„Ein Verdacht der Täterschaft für die Verübung der in Rede stehenden Anschläge lag weder gegen den Vater noch gegen den Sohn vor. Dies umso weniger, als das Bezirkspolizeikommissariat Leopoldstadt diese Explosion letzten Endes nur als einen Unfall befunden hatte.“

Im Verlauf der Befragung gab Buchta seine Vorliebe für Experimente mit Schwarzpulver und anderen Chemikalien zu. Wegen der Experimente war er bereits „mehrfach“ aufgefallen und 1950 von einem Senat des Jugendgerichtshofs zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Nach mehrstündigem Verhör, „das unter Beachtung der Bestimmungen des Jugendgerichtsgesetzes, in weiterer Folge unter Zuziehung des Schieß- und Sprengmittelsachverständigen durchgeführt wurde, gestand Fritz Buchta jun. die Verübung von 6 Anschlägen vor KPÖ-Lokalen.“ Buchta räumte weiters ein, die drei Tränengas-Anschläge auf die Kinos verübt zu haben.

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Heutige Ansicht der Wohnadresse Buchtas (Quelle: Autor)

„Überzeugter Antikommunist“

Buchtas Vater war seit 1945 Mitglied der KPÖ, im Rahmen der USIA (Verwaltung des sowjetischen Eigentums in Österreich) beschäftigt und als „überzeugter Anhänger der kommunistischen Idee bekannt“. Sein Sohn dagegen war am 8. September 1949 dem Verband der Unabhängigen (VdU), Gebiet Donaustadt, beigetreten. Im Zuge der Bundespräsidentenwahl 1951 war Buchta wegen unbefugten Plakatierens und Stimmzettel-Verteilens polizeilich perlustriert worden.

Der Sohn sei „ebenso überzeugter Antikommunist, wie sein Vater überzeugter Kommunist ist. Er wollte nach seinen Ausführungen beweisen, dass es in Wien aktive Gegner der KPÖ gibt.“

Die Mittel zur Beschaffung der für die Anschläge notwendigen Chemikalien hatte Buchta aus seinem Taschengeld bestritten:

„Die bei diesen Anschlägen verwendeten Blechdosen stammten aus einer Musterkollektion seines Vaters, die dieser in seiner Wohnung hat. Zur Herstellung des Brandsatzes verwendete Buchta nach eigenen Angaben selbst hergestelltes Schwarzpulver, bestehend aus Kalisalpeter, Schwefel, Kohlenstoff und Bruchteilen von Kaliumchlorat. Die von ihm verwendeten Blechbüchsen haben eine Höhe von 9 cm und wurden zu 4/5 mit der angeführten Mischung gefüllt. Das restliche Fünftel wurde mit einer Mischung aus Kaliumchlorat und Schwefel ausgefüllt. Um die Entzündung zu bewerkstelligen, versah Buchta die Öffnung mit einem in Phosphorlösung getauchten Wattebausch, der nach Verdunsten die Lösung automatisch zum Brennen und damit das Schwarzpulver zur Entzündung brachte.“

Es hatte nur deswegen nicht die beabsichtigte Sprengwirkung gegeben, „weil das als Explosivstoff verwendete Chemikaliengemisch noch nicht wirkungsvoll genug gestaltet war, dies insbesondere in Hinblick darauf, dass die Sprengbüchsenöffnung zu groß dimensioniert war, sodass dem Sprengstoff in dieser Anwendungsart der sprengfähige Charakter fehlte“.

Treffen im „Zum großen Mohren“

Buchta hatte nicht allein gehandelt: Bis Oktober 1951 befanden sich insgesamt 11 Personen in Haft – wegen Verdachts des Verstoßes gegen Bestimmungen des Verbotsgesetzes, des Staatsschutzgesetzes sowie des Sprengstoffgesetzes. Während es sich fast durchwegs um Jugendliche handelte, stach der 31jährige Bezirksleiter des VdU, Franz L., hervor. Seit 1950, insbesondere aber zur Zeit der Bundespräsidentenwahl im Mai 1951 hatten Buchta und einige seiner Bekannten mit dem Gedanken gespielt, eine Jugendorganisation zu gründen. Ziel sei insbesondere eine Art „vormilitärischer Ausbildung“ gewesen – „wie intensive Sportausbildung, Geländeübungen, Kleinkaliberschießen und dgl. mehr, mit einer gewissen Einstellung gegen den Kommunismus“. Buchta war hier „führend“ tätig gewesen und trug die Idee Landsteiner vor. Dieser lud im Mai 1951 zu einem Treffen mit sieben Teilnehmern ins Gasthaus „Zum großen Mohren“ in Wien-Leopoldstadt. Landsteiner sprach zunächst von der Möglichkeit, eine Gruppe innerhalb der unpolitischen Pfadfinder aufzustellen. Einer der anwesenden Jugendlichen, Arno S., entwickelte dagegen die Idee eines selbstständigen Geheimbunds, was schließlich die Zustimmung aller Anwesenden fand. S. trat infolge auch als Anführer auf. Man kleidete sich verbandsmäßig – mit ausgemusterten amerikanischen Schiffchen und organisierte sich nach militärischen Grundsätzen.

Waffen aus dem Kamptal

Das Vorbild für die so entstandene „Schwarze Schnur“ war „zweifellos“ die Hitlerjugend (HJ), die Jugend- und Nachwuchsorganisation der NSDAP. Einer der Jugendlichen hatte ein eigenes Ausbildungsprogramm entworfen:

„Vorgesehen wären neben der ständigen körperlichen Ertüchtigung Schießübungen, Geländeübungen usw. gewesen. Auch wäre beabsichtigt gewesen, im Falle eines Krieges zwischen Ost und West eine Partisanengruppe aufzustellen. In diesem Falle hätten sie auch versucht, sich Waffen zu verschaffen.“

Buchta selbst hatte vorgeschlagen, sich diese Waffen in Maiersch bei Gars am Kamp zu verschaffen – dort waren in Laufgräben nach Kriegsende Munition, Panzerfäuste und Sturmkarabiner von der ansässigen Bevölkerung in Laufgräben verschüttet worden. Diese wollte man bergen, konservieren und anschließend wieder eingraben. Es fehlte jedoch ein Beweis dafür, dass ein formeller Auftrag zur Herbeischaffung der Waffen aus dem Kamptal erteilt worden war.

Die „Schwarze Schnur“ wurde zu keinem Zeitpunkt polizeilich angemeldet, sondern war auf die Dauer als „illegale geheime Verbindung“ gedacht. Während einer Bootsfahrt auf der Alten Donau am 29. Juli 1951 soll Buchta als „Zweck der ‚illegalen‘ Organisation auch die Verübung von Anschlägen auf Filme mit antinationalsozialistischem Charakter angeführt“ haben. Es soll auch noch weitergehende Pläne gegeben haben, das Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Gestapo am Morzinplatz zu zerstören. Buchta und ein weiterer Jugendlicher wollten an einem Juniabend 1951 Salzsäure auf dem Gedenkstein ausgießen. Aber weil zu viele Passanten wegen einer Gewerkschaftsfeier auf dem Rathausplatz vorbeikamen, ließen sie ihr Vorhaben fallen.

„Planmäßig und schlagartig“ Anschläge begehen

Von den Anschlägen Buchtas gegen die KPÖ-Lokale hingegen soll nur ein Gruppenmitglied im Vorhinein Bescheid gewusst haben. Nachdem Buchta davon erzählt hatte, wurde von einer Wiederholung zunächst abgesehen. Für künftige Aktionen sollte Buchta aber Böller herstellen, um mit diesem Arsenal im kommenden Jahr „planmäßig und schlagartig“ Anschläge ausführen zu können. Die Verhaftung Buchtas machte diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Er wurde am 27. Juni 1952 wegen Verwendung von Reizgasen und Verbrechens gegen das Sprengstoffgesetz zu zwei Jahren strengen Arrests verurteilt. Von der Anklage wegen Geheimbündelei wurde er hingegen freigesprochen. Die übrigen sechs Mitangeklagten, darunter L. und S., wurden am 14. Mai 1953 von der Anklage nach dem Staatsschutzgesetz bzw. wegen der Anschläge vor den KP-Lokalen freigesprochen.

Giftiges „Krampuspaket“

Es lohnt sich, die weitere Entwicklung Buchtas zu beleuchten: 1957 lernte er eine Modezeichnerin kennen, allerdings wurde die Beziehung bald wieder gelöst. Als die Frau Anfang Dezember 1957 in der Lungenheilstätte Baumgartnerhöhe behandelt wurde, erhielt sie von Buchta ein „Krampuspaket“, das Bonbons enthielt. Nach deren Genuss zeigten sich bei ihr schwere Vergiftungssymptome – Buchta gab in dem daraufhin eingeleiteten Strafverfahren an, sich einen „blöden Spaß“ geleistet zu haben, indem er die Süßigkeiten mit einem Abführmittel präparierte. Tatsächlich enthielten die Nougatbonbons ein „schweres Gift“. Buchtas Erklärung, bei der Füllung der Bonbonmasse einer Verwechslung aufgesessen zu sein, war nicht widerlegbar. Er wurde zu einer viermonatigen Arreststrafe verurteilt, die durch die Untersuchungshaft bereits verbüßt war.

„Sei nicht blöd“

1958 lernte Buchta während einer 14tägigen Haft im Wiener Polizeigefangenenhaus wegen Autodiebstahls den gleichfalls eine kurze Strafe absitzenden Walter Paschinger kennen. Dieser erzählte Buchta von einem noch vor dem Haftantritt erfolgten PKW-Verkauf, der ihm 15.000 Schilling eingebracht habe. Am 22. November 1958 borgte sich Paschinger den Wagen nochmals aus, um mit Buchta in den sogenannten Steinschleißboden, einen Auwald bei Spillern, zu fahren – wie Paschinger noch tags zuvor einem Freund und seiner Mutter mitteilte. Sie wollten eine dort deponierte „Erfindung“ Buchtas bergen – Kunstharz zur Beseitigung von Karosserieschäden. Paschinger soll eine finanzielle Beteiligung in Aussicht gestellt worden sein.

Nach der Darstellung Buchtas ging es um ein Waffengeschäft, zu dem die Initiative von Paschinger ausgegangen sei. Diesem wollte er den Erlös aus dem Verkauf leihen – was von der Polizei als unglaubwürdig eingestuft wurde, da Paschinger über genügend Mittel, Buchta dagegen über keine Ersparnisse verfügte. Bei der Entleerung des Depots, das Buchta im Herbst 1958 angelegt hatte, soll es zu einem tragischen Unfall gekommen sein. Während des Auspackens habe Paschinger eine Schnellfeuerpistole FN in die Hand genommen und „unabsichtlich“ gegen Buchta gerichtet, wobei dieser „ein Klicken“ wahrgenommen haben will:

„Mit den Worten ‚ habe er Walter Paschinger die Waffe aus der Hand genommen und ohne etwas zu denken, den Hammer der Pistole aufgezogen und die Pistole abgezogen, da seiner Meinung die Waffe ungeladen gewesen wäre. Völlig unerwartet habe sich ein Schuss gelöst, der Paschinger in die Mitte der Stirn traf und rückwärts zu Boden streckte.“

Die Konservierung einer geladenen Waffe war an sich auszuschließen – und nur eine von vielen Unstimmigkeiten in den Behauptungen Buchtas. Da Paschinger an diesem Tag den Restbetrag von 11.000 Schilling aus dem Autoverkauf erhalten hatte, war für die Staatsanwaltschaft ein Motiv gegeben – nämlich, dass sich Buchta „in den Besitz dieses Geldbetrages, den Paschinger bei sich führen musste, setzen wollte.“

Buchta konnte bereits am 23. November 1958 wegen Verdachts des Raubmords verhaftet werden. Da er Paschinger seinen richtigen Namen, Beschäftigung und Adresse gesagt und dieser die Informationen geteilt hatte, war die Polizei Buchta rasch auf die Spur gekommen. In seiner Wohnung fanden die Beamten eine Maschinenpistole, mehrere Pistolen und Munition. „Vertraulich“ wurde weiters in Erfahrung gebracht, „dass der Beschuldigte vor einiger Zeit mit Waffen Schießübungen im sogenannten ‚Schirach-Bunker‘ [Gaugefechtsstand am Wilhelminenberg, Wien] durchführte“.

Die Leiche des bis dahin verschwundenen Paschinger wurde schließlich Ende April 1959 gefunden, nachdem Buchta zunächst irreführende Angaben gemacht und zu seiner Entlastung noch einen dritten Mann ins Spiel gebracht hatte – einen gewissen „Leo“, der für einen östlichen Geheimdienst tätig sei. Die zahlreichen Ungereimtheiten und Widersprüche, die auch die Ermittlungen nicht ausräumen konnten, mögen dazu beigetragen haben, dass Buchta am 14. Juni 1960 in einem Indizienprozess vom Vorwurf des Raubmordes freigesprochen, aber wegen Vergehens gegen das Waffengesetz und wegen Diebstahls zu vier Jahren „schweren, verschärften Kerker“ verurteilt wurde.

HINWEIS: Auszug aus „WERWÖLFE“, GEHEIMBÜNDLER UND SÜDTIROL-„BUMSER“: DIE ANFÄNGE DES RECHTSTERRORISMUS IN ÖSTERREICH, erscheint Anfang Jänner 2017 im Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies (JIPSS).