Mord per Blasrohr: Die Blutspur der „Roten Hand“

Es ist bis heute einer der spektakulärsten Kriminalfälle in der Geschichte der Schweizer Metropole Genf: Am Donnerstagnachmittag, 19. September 1957, fährt ein Mann den Aufzug zu seiner Wohnung in der Cour de Rive Nr. 16 hoch. Es handelt sich um den 55jährigen Marcel Leopold. Er hat nur mehr wenige Augenblicke zu leben. 

Kaum ist Leopold in der dritten Etage angekommen, trifft ihn ein 15 cm langer Stahlbolzen von der linken Seite her in die Brust. Lunge und Aorta werden durchbohrt, was zu massiven inneren Blutungen führt. Leopold schafft es gerade noch, an der Türe zu klingeln. Als seine Frau öffnet, stammelt er noch, dass er „vergiftet“ worden sei und bricht zusammen. Wenige Sekunden später ist er tot.

Vor 60 Jahren erschütterte eine Serie spektakuläre Mordfälle zahlreiche westeuropäische Länder. Es handelte sich um Auswüchse des Algerienkriegs (1954-1962), die bis nach Österreich ausstrahlten.

Der Mordfall Leopold gibt Rätsel auf: Die Waffe mit der der Bolzen abgefeuert wurde, wird später ein Stockwerk tiefer gefunden, verborgen unter einer Fußmatte. Es ist eine Fahrradpumpe, die jemand mit viel Geschick in eine Art Blasrohr umfunktioniert hat. Von daher rühren die Gerüchte in der Boulevardpresse, wonach Leopold von einem in Curare getränkten Pfeil getroffen wurde. Die Untersuchungen ergaben aber, dass das Geschoss nicht vergiftet gewesen war.

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Genf ist bis heute ein Umschlagplatz des internationalen Waffenhandels (Foto: Autor)

Granaten an Mao geliefert

In den letzten drei Monaten seines Lebens hatte Leopold zahlreiche Drohbriefe erhalten. Denn er war in eine hochbrisante Angelegenheit verwickelt: Waffenbeschaffung für die algerische Befreiungsfront (FLN), die seit 1952 für die Unabhängigkeit von Frankreich kämpfte. In diesen Belangen hatte Leopold schon viel Erfahrung gesammelt. Aus einer jüdischen Genfer Uhrmacherfamilie stammend hatte er 25 Jahre in China gelebt und dort während des Bürgerkriegs Granaten an beide Parteien geliefert: An General Chiang Kai-shek und an die Truppen des kommunistischen Revolutionärs Mao Zedong. Die Geschäfte, darunter auch mit Glückspiel, liefen so gut, dass Leopold 1938 in Tianjin ein futuristisches Hochhaus baute, das noch heute bestehende „Leopold Building“. Beispielsweise wandte sich Leopold 1948 an US-Stellen, um Möglichkeiten für den Bezug von Waffen und Munition auszuloten. Link

Nach der kommunistischen Machtübernahme (1949) war es mit dem Glück vorbei: Leopolds Eigentum beschlagnahmt und er selbst für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis gesperrt. 1954 kehrte er ruiniert nach Genf zurück. Von daher ist es nachvollziehbar, dass er alles auf eine Karte setzte und sich in ein letztes Abenteuer verwickelte.

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Was von Marcel Leopold geblieben ist: Das 1938 gebaute Leopold Building in Tianjin (Quelle: Wikimedia Commons)

Die algerischen Rebellen waren dringend auf Waffen und andere Logistik angewiesen. Sie bezogen diese zunächst aus den Maghreb-Staaten Tunesien, Marokko und Ägypten, die ihre Sache unterstützten. Doch es handelte sich um veraltetes Kriegsgerät, weshalb die FLN eine Modernisierung ihres Arsenals anstrebte. Panzerfäuste, Dynamit, Schnellfeuergewehre, Maschinenpistolen und Granatwerfer, all das sollten westeuropäische Waffenhändler besorgen. Einer davon war Leopold, ein anderer sein Landsmann Georges Geitser. Auch der starb einen gewaltsamen Tod in Genf: Er wurde am 9. September 1957 von einem Unbekannten erstochen, nur wenige Tage vor dem Attentat auf Leopold.

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Bericht in der Arbeiter-Zeitung vom 21. 9. 1957 (Quelle: arbeiter-zeitung.at)

Vendetta gegen Waffenhändler

Die Mordfälle sind Teil einer mehrjährigen brutalen Vendetta gegen Lieferanten der FLN: Neben der Schweiz war vor allem die Bundesrepublik Deutschland betroffen. Acht spektakulär durchgeführte Anschläge forderten Ende der 1950er Jahre und Anfang der 1960er Jahre mindestens sechs Todesopfer. Praktisch alle Fälle wurden damals ungelöst zu den Akten gelegt. Zwischen 1956/57 wurden alleine zwei Sprengstoffattentate gegen den in Hamburg ansässigen Waffenhändler Otto Schlüter durchgeführt. Dieser überlebte beide Explosionen, dafür starben seine Mutter und ein Geschäftspartner.

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Bildbericht zum Puchert Attentat aus Der Spiegel, Nr. 10/1960

Schlüter zog sich daraufhin zurück, aber seinen Part übernahm der aus St. Petersburg stammende Baltendeutsche Georg Puchert. Auch dieser geriet ins Fadenkreuz: Zuerst flogen zwei seiner Kutter im Hafen von Tanger in die Luft. Dann, am 3. März 1959, ging eine Haftladung in Frankfurt am Main hoch, als Puchert den Motor seines sandgrauen Mercedes 190 anließ. Puchert brach über dem Lenkrad zusammen, berichtete damals der Spiegel:

„Sein Oberkörper drückt auf die Hupe und löst damit einen Dauerton aus, der erst verstummt, als man den tödlich Verletzten mit abgerissenem Bein und zerfetztem Unterleib vom Lenkrad zurückzieht.“

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Bildbericht zum Puchert Attentat aus Der Spiegel, Nr. 10/1960

Bei einem ähnlichen Attentat 1960 in München wurde Wilhelm Beißner, ein ehemaliger SS-Offizier mit Verbindungen zum Bundesnachrichtendienst (BND), schwer verletzt. Im Jahr darauf wurde der Besitzer einer Rüstungsfirma, Walter Heck, vor seiner Karlsruher Wohnung niedergeschossen. Weitere Mordaktionen richteten sich gegen vier Funktionäre der FLN – allen voran wurde Ameladane Aït Ahcène, der inoffizielle Vertreter der algerischen Auslandsregierung, 1958 in Bonn aus einem fahrenden Auto heraus angeschossen. Er verstarb Monate später in einem tunesischen Krankenhaus.

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In der Genfer Rue Grand wurde der afrikanische Revolutionär Felix-Roland Moumié 1960 Opfer eines Giftmords, der der Roten Hand zugeschrieben wird (Foto: Autor)

„Es steht für Blut“

Wer war nun verantwortlich für diesen „Schattenkrieg“? Eine mysteriöse Organisation namens Main Rouge (Rote Hand) brüstete sich öffentlich damit. Die „Hand der Fatima“ gilt im islamischen Volksglauben eigentlich als Glücksbringer und schützt vor dem „bösen Blick“. Während des Algerienkriegs wurde das magische Symbol auf zynische Weise umgedeutet: „Unser Emblem ist rot: es steht für Blut …“ Die Aussage stammt aus einem Interview, das ein Mitglied der „Roten Hand“ 1959 der Daily Mail gab. Darin erklärte der Mann, seine Organisation sei gegründet worden, „um es den Terroristen auf ihre Weise heimzuzahlen“.

Im April 1960 meldete sich noch eine weitere mysteriöse Organisation, der ultrarechte Geheimbund Catena (Kette), zu Wort. Bei einer Pressekonferenz in Versailles gab ein einarmiger Colonel an, man habe es sich zur Aufgabe gemacht, die „Überflutung des christlichen Abendlands durch die Barbarei“ zu verhindern. All das war eine Charade, um die Presse auf falsche Fährten zu lenken. Tatsächlich steckte der französische Auslandsgeheimdienst Service de Documentation Extérieure et de Contre-Espionage (SDECE) mit seiner Spezialeinheit Action Service hinter der Menschenjagd. Das Büro 24, geleitet von einem gewissen Colonel „Lamy“, habe sich jeder Waffe aus dem „007-Arsenal“ bedient, um die Operation Homo (für „Mord“) voranzutreiben. Das Hauptoperationsgebiet lag in Nordafrika, allerdings ist über die dortigen Vorkommnisse wenig bekannt.

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Mysteriöser Oberst Mercier, angeblicher Drahtzieher der Roten Hand (Quelle: Der Spiegel, Nr. 10/1960)

„Feinde des Staates liquidieren“

Laut dem früheren Berater des Premierministers Constantin Melnik sollen alleine 1960 135 Menschen vom Action Service getötet worden sein, wofür es aber keine Belege gibt. Melnik erinnerte sich 1996:

„Im kleinen Kreis wurde bestimmt, wer liquidiert werden musste. Ich selbst habe die Namen der Zielpersonen dem Geheimdienst übergeben.“

Skrupel empfand er auch Jahrzehnte danach nicht:

„Es gibt Situationen, da müssen Feinde des Staates liquidiert werden. Gestern wie heute.“

So sollen während des Falklandkrieges (1982) mehrere europäische Waffenhändler, die die argentinische Junta belieferten, liquidiert worden sein. Es war eine Art „Freundschaftsdienst“ von Präsident Francois Mitterrand für seine britische Amtskollegin Margaret Thatcher.

Während des Algerienkrieges zielte alles darauf ab, die auswärtigen „Schutzhäfen“ der FLN zu neutralisieren. Solche Rückzugsgebiete sind seit jeher zentraler Bestandteil der klassischen Guerillakriegs-Doktrin. Hier verfügt man über die notwendige Bewegungsfreiheit und relative Sicherheit für Diplomatie, Propaganda, Fundraising, Rekrutierung und Beschaffung von Kriegsmaterial. Ohne diese Lebenslinien ist es praktisch unmöglich, eine Aufstandsbewegung aufrechtzuerhalten. Wie bereits erwähnt, waren die Maghrebstaaten für die FLN die primären Schutzhäfen.

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In Westeuropa etablierte man zunächst in der Schweiz und Belgien kleinere Basen. Diese lagen unmittelbar an der Grenze zu Festland-Frankreich mit seiner großen algerischen Community. Doch zwischen 1954 und 1958 sollte die BRD zum logistischen und operationellen Hauptquartier werden. Von dort flossen Gelder und Material ins eigentliche Kriegsgebiet. Der SDECE wollte das unbedingt unterbinden, notfalls mit Mord und Totschlag.

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Die Blutspur der Roten Hand (Quelle: Der Spiegel, Nr. 10/1960)

Keine Gentlemen-Methoden

Das Ergebnis war kontraproduktiv. Die FLN wich einfach auf Lieferungen aus dem chinesisch-sowjetischen Machtbereich aus, die nicht so leicht vereitelt werden konnten. Der SDECE spielte sogar dem Feind sogar in die Hände: Erstens, weil mit der Verlagerung des Algerienkrieges nach Europa der Druck auf Paris stieg, sich mit den Rebellen zu einigen. Und zweitens, weil die Mordaktionen die Empörung über Terrorakte der FLN konterkarierten. Selbst Präsident Charles de Gaulle mokierte sich darüber, dass die Methoden seiner Agenten unter Gentlemen „unwürdig“ seien. Vor allem aber konnten die schmutzigen Methoden nichts daran ändern, dass Algerien 1962 unabhängig wurde.

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General de Gaulle 1959 (Quelle: Wikimedia Commons)

„Algerien-Solidarität“ in Österreich

Österreich blieb von der Kampagne des SDECE verschont. Das bedeutet aber nicht, dass das Land keine Rolle als Begegnungs- und Fluchtort für die FLN spielte, im Gegenteil: Der Nachfolger des ermordeten Ahcène, Khemais Dakhlaoui, reiste nach Wien zu einer Audienz bei Kardinal Franz König. Sein Stellvertreter Mouloud Nait Belkacem begleitete 1960 eine Delegation der Jugendorganisation der Freien Demokratischen Partei (FDP) durch Österreich. Im Rahmen dieser Good-Will-Tour hielt er Vorträge an der Universität Wien, in Eisenstadt, Klagenfurt und Salzburg, wo er den Standpunkt der FLN darlegte.

Die „Algerien-Solidarität“ fand in Österreich begeisterte Anhänger, vor allem in den Reihen der Sozialdemokratie. Beispielsweise reiste der spätere Innenminister Karl Blecha als Delegierter der Sozialistischen Jugend-Internationale 1958 nach Tunis und besuchte ein FLN-Ausbildungslager an der Grenze zu Algerien. Unter anderem fälschte man Liebesbriefe, um deutschsprachige Fremdenlegionäre zum desertieren zu bewegen. Aber auch von Seiten der Rechten gab es Unterstützung: So verfasste der ehemalige SS-Untersturmführer und nach Kriegsende kurzzeitige US-Agent Erich Kernmayer zwei Bücher gegen die französische Algerien-Politik. Anfang 1961 wurde der FLN-Repräsentant Belkacem sogar für zwei bis drei Wochen in einer Wiener Pension versteckt, weil die deutsche Justiz damals gegen die Organisation vorging.

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1960 brachte der Österreicher Kurt Meisel die „Rote Hand“ als Krimi in die Kinos (Quelle: http://www.cinema.de/film/die-rote-hand,1320961.html)

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Waffen aus Österreich?

Wurde auch Waffennachschub über Österreich organisiert? Hinweise darauf finden sich im 2016 erschienen Buch der Historikerin Mathilde von Bülow zur FLN-Präsenz in der BRD (West Germany, Cold War Europe and the Algerian War). Der bereits erwähnte Händler Schlüter habe sein Geschäftsmodell auf Mauser-Gewehren und dazugehöriger Munition aufgebaut, die er aus Weltkriegs-Beständen in Belgien und in Österreich bezog. In staatspolizeilichen Akten findet sich dazu keine Information. Allerdings wird ein früherer Österreich-Aufenthalt Schlüters erwähnt.

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Eintrag zu Otto Schlüter in einem Stapo-Dokument von 1961

Allerdings gewann man 1961 anlässlich eines am Flughafen Schwechat aufgeflogenen Schmuggels die Erkenntnis,

„dass westliche Firmen laufend im Osten Waffen aufkaufen und diese sodann zum Teil auch über Österreich nach politischen Brennpunkten wie Angola, Algerien [sic!] etc. bringen lassen. Die Herkunft wird in der Regel dann dadurch verschleiert, dass die Waffen in Österreich umgeladen werden und als Absender dann eben ein Zwischenhändler aufscheint, der seinen Sitz in einem westlichen Staat hat.“

In der Salzburger Rainerstraße 25, so wurde registriert, hatte die Firma International Armament Cooperation des berüchtigten US-Waffenhändlers Samuel Cummings von November 1960 bis Mai 1961 ein Büro unterhalten. Cummings zog aber nach Monaco weiter und gab als Grund die „zu hohe Besteuerung“ in Österreich an.

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Ebenfalls 1961 versetzte der Kaufmann Adolf Kotucs die Sicherheitsbehörden kurzzeitig in Aufregung: Er behauptete, 1959 von einer in Vorarlberg ansässigen Gruppe ehemaliger SS-Offiziere beauftragt worden zu sein, die FLN „auf geheimen Wegen“ mit Zeitzündern aus US-amerikanischen Überschussgütern zu beliefern. Als er später von dem Geschäft nichts mehr wissen wollte, sollen ihn FLN-Leute in Frankfurt am Main auf offener Straße mit einer Pistole bedroht haben. Kotucs gab auch zu Protokoll,

„dass mir aus verlässlichen Quellen bekannt ist, dass bisher viele Lieferanten und Verbindungsleute zu den Algeriern, nachdem sie ihre Aufträge erledigt hatten, nächstens nur einen Bruchteil der Kaufsumme erhielten und zum Zeitpunkt der restlichen Auszahlung längst ermordet oder verschwunden waren“.

Tatsächlich dürfte es sich bei dem damals 70jährigen Kotucs um einen Betrüger gehandelt haben, der seinen Partnern hohe Spesengeldern abverlangte, ohne dass es je zu einem Geschäftsabschluss kam. Um Eindruck zu schinden, hatte er behauptet, dass seine Cousine Sekretärin beim Wiener Polizeipräsident Josef Holaubek sei und er deshalb „alles“ erfahre.