Menschenraub bei der Votivkirche

Vor 42 Jahren verschwand ein sowjetischer Überläufer vor der Votivkirche in Wien und wurde nicht mehr gesehen. Nicholas George Shadrin war dem KGB in die Falle gegangen. Offiziell ist der Fall bis heute ungeklärt. Und er verdeutlicht, dass Wien keineswegs eine „gemütliche“ Stadt der Spione war – sondern, dass der Kalte Krieg gerade auch hier mit aller Härte und Verschlagenheit ausgetragen wurde. Nicht umsonst sollen Ost-Spitzel in den Reihen des österreichischen Sicherheitsapparats in das Verschwinden von Shadrin involviert gewesen sein.

Anfang Dezember 1975 werden die 15 Mitarbeiter der CIA-Station Wien in volle Alarmbereitschaft versetzt. Alle Dienstfreistellungen und Urlaube vor Weihnachten werden widerrufen. Eine hochbrisante Operation steht bevor: Unter Aufsicht seiner CIA-Führungsoffizierin soll der sowjetische Überläufer Nicholas George Shadrin seine Kontaktleute beim KGB treffen. Und welcher Treffpunkt scheint dafür besser geeignet, als eine der Frontstädte des Kalten Krieges – Wien.

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Schauplatz von Shadrins Verschwinden: Die Wiener Votivkirche (Quelle: Autor)

Der damals 47jährige Shadrin hieß eigentlich Nikolai Fedorovich Artamonov und war Fregattenkapitän bei der sowjetischen Kriegsmarine gewesen. 1959 floh er nach Schweden und wurde an die CIA weitergereicht. Schon ein Jahr später sagte der Überläufer öffentlich vor einem Ausschuss über Anti-Amerikanische Aktivitäten aus und klagte die UdSSR an. Er wurde Konsulent beim Marinenachrichtendienst und später in den Defense Intelligence Agency aufgenommen. 1965 erhielt der nunmehrige Nicholas George Shadrin die US-Staatsbürgerschaft.

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Shadrin in einem Medienbericht 1985

Doch 1967 flog seine Tarnung auf. Zwei KGB-Leute wandten sich an Shadrin, um ihn zum Doppelagenten zu machen. Er berichtete dem FBI davon und man kam überein, dass er zum Schein auf das Angebot eingehen würde. Shadrin sollte den KGB mit wertlosen „Spielmaterial“ anfüttern. Das geschah im Rahmen mehrerer diskreter Treffen in Kanada und Europa. Im Dezember 1975 war zum zweiten Mal Wien an der Reihe. Alles sollte wie ein Shopping-Trip des Ehepaars Shadrin aussehen.

Die CIA-Führungsoffizierin Cynthia Hausman und ihre Kollegen hielten sich im Hintergrund. Wien war eine Hochburg des KGB. Eine Observation Shadrins wurde als zu risikoreich angesehen. Er war auf sich allein gestellt. Später bedauerte Ex-CIA-Direktor Richard Helms diese Vorgangsweise:

„Der schlimmste Fehler war, Shadrin diese Reise in eine Stadt wie Wien zu erlauben, wo der KGB alles leicht kontrollieren konnte.“

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Eine Meldung von 1985 kritisiert die Wahl von Wien als Treffpunkt
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Wien, „Schlangennest der internationalen Spionage“, Transkript US-Radiobericht (1986)

Das Verhängnis nahm seinen Lauf: Am Abend des 20. Dezember 1975 nahm Shadrin ein Taxi vom Hotel Bristol zur Votivkirche. Dort sollte er zwei KGB-Offiziere treffen. William Corson, Susan und Joseph Trento schilderten in „Maulwürfe. Die geheimen Kriege des KGB gegen die USA“ (1989) was geschah:

„Die Taxifahrt vom Hotel zur Votivkirche dauerte trotz des abendlichen Berufsverkehrs nur zehn Minuten. Shadrin kannte die Kirche von mehreren Besuchen. Von der Stelle am Rand des Parks aus, wo das Taxi ihn absetzte, überquerte Shadrin die Straße und ging zum Fuß der flachen Treppen, die zum Eingang der riesigen, düsteren neugotischen Kathedrale hinaufführen. Der Schneefall hatte schon vor einer Weile aufgehört, und die Luft hatte eine fast angenehme Temperatur. Shadrin erklomm die Treppe, stellte sich mit dem Rücken an die Bronzetüren der Kirche und spähte von seinem leicht erhöhten Aussichtspunkt aus die Straße hinab. […] Ungefähr acht Minuten, nachdem Shardin eingetroffen war, fuhr eine viertürige dunkle Limousine vor. Der Beifahrer stieß seine Tür auf, sodass die Innenbeleuchtung des Wagens anging. […] Shadrin ging die Stufen hinunter und kletterte vorsichtig auf den Rücksitz des Wagens. Die Limousine fuhr an und fädelte sich in den abendlichen Wiener Verkehr ein.“

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Einer der Zugänge zur Votivkirche (Quelle: Autor)

Seitdem Shadrin in den Wagen gestiegen ist, hat man nie wieder etwas von ihm gehört. Laut den Autoren Corson und Trenton war Shadrin wieder in die Sowjetunion „abgesprungen“. Im Alberner Hafen habe ihn ein Schiff aufgenommen und in den Ostblock gebracht. Doch diese Version gilt mittlerweile als überholt.

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Shadrins Verschwinden war ein Desaster für die CIA. Seine Ehefrau versuchte jahrzehntelang Gewissheit zu bekommen

1994 behauptete der ehemalige KGB-General Oleg Kalugin in seinen Memoiren, dass Shadrin in eine Falle getappt sei. Der KGB habe von Anfang an die Absicht verfolgt, ihn wieder in die Hände zu bekommen. Spitzel innerhalb der österreichischen Polizei hätten mitgeteilt, dass von Shadrins US-amerikanischen Begleitern keine Gefahr drohte. Diese hätten sich in ihren Hotels „eingebunkert“.

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Oleg Kalugin 1992 (Quelle: Wikimedia Commons)

Kurz nachdem Shadrin bei der Votivkirche zugestiegen sei, habe auf dem Rücksitz ein Handgemenge begonnen. Mit der Injektion eines hochwirksamen Betäubungsmittels wurde Shadrin schließlich ruhig gestellt. Dann fuhren die beiden KGB-Männer mit ihrem Opfer zur österreichisch-tschechischen Grenze, wo ein „Empfangskomitee“ wartete. Doch Shadrin war in der Zwischenzeit verstorben. Die Dosis des Sedativs sei zu hoch gewesen.

Somit war die Operation ein Fehlschlag. Es gab keine Gelegenheit mehr, von Shadrins Wissen über die US-Nachrichtendienste zu profitieren. Der tote Überläufer wurde unter einem Alias in einem Moskauer Friedhof verscharrt. Offiziell bleibt Shadrins Verschwinden ein Rätsel des Kalten Krieges.

PS: Dass nur einen Tag nach Shadrins Verschwinden der Terrorist „Carlos“ die Wiener OPEC-Zentrale überfallen sollte, ist einer dieser Zufälle, die zum Nachdenken anregen.