Terroristen auf Abwegen

Sonntag, 1. Juli 1984: Neun pakistanische Terroristen versammeln sich nacheinander im Zimmer 218 des Hotel Imperial. Hier wohnt seit zwei Tagen ihr Anführer, der 23jährige John Barry Cann. Die Männer bewaffnen sich und legen rote Stirnbänder an. Das soll verhindern, dass sie sich im zu erwartenden Chaos nicht gegenseitig erschießen. Die Terroristen haben es auf einen Empfang der kanadischen Botschaft für Händler des Automobilkonzerns Ford abgesehen. Insgesamt 58 Personen sind eingeladen – und zwar in einen Saal ein paar Stockwerke tiefer.

Das Hotel Imperial wäre beinahe Schauplatz einer Geiselnahme geworden
(Quelle: Marek Śliwecki/Wikimedia Commons)

Um 18.45 Uhr geht Cann zum Erkunden alleine voraus. Im Pattere stößt er auf eine Tafel mit der Aufschrift „Reception“ und einem senkrecht nach oben zeigenden Pfeil. Cann den Hinweis falsch: Anstatt weiter geradeaus zu gehen, kehrt er in den 1. Stock zurück, wo sich ebenfalls Empfangsräumlichkeiten befinden. Dort steht er jedoch völlig unerwartet vor verschlossenen Türen.

Darüber gehörig aus der Fassung gebracht, setzt sich Cann zunächst einmal an die Hotelbar und konsumiert einen doppelten Whisky: „Ich saß an einem Tisch mit einem freien Blick zur Rezeption und beobachtete das Kommen von Gästen. Mir fielen aber nur zwei Paare in Abendkleidung auf.“ Cann war der Meinung, dass die „für uns interessante Veranstaltung abgesagt worden war“:

„Etwa gegen 20.00 Uhr ging ich wieder die Stiege nach oben in mein Zimmer und sah den vorher erwähnten Saal noch immer verschlossen.“

Während man sich auf dem Zimmer über das weitere Vorgehen berät, öffnet Cann das Fenster, weil die Luft stickig geworden ist. Da fällt ihm eine Menschenansammlung vor einem Veranstaltungsgebäude auf. Es handelt sich um den nur wenige Meter entfernten Musikvereinssaal. Die vielen gut gekleideten Leute lassen Cann vermuten, „dass es sich vielleicht um ‚unsere‘ kanadische Veranstaltung handeln könne“. Alleine geht er daraufhin nach unten und fragt zwei dort stehende Mädchen, ob dies eine „kanadische Veranstaltung“ ist. Wiederum Fehlanzeige: Es handle sich um ein „Konzert“. Schließlich hält Cann noch gemeinsam mit einem Kameraden vor der kanadischen Botschaft Nachschau: „Auch dort war keine Gesellschaft zu sehen.“

Später vor Gericht bekundete Cann fast verzweifelt:

„Wenn Sie mich heute fragen, wo die Gesellschaft, die wir überfallen wollten, wirklich war, ich weiß es nicht.“

Dabei war es „ausschließlich“ dem Missverständnis mit der „Deutung des senkrechten Pfeiles“ zu verdanken, „dass der Überfall […] nicht durchgeführt wurde“, stellte die Abteilung I (Staatspolizei) fest.

Cann war der Meinung, der Pfeil auf dem Schild weise nach oben – anstatt nach rückwärts hin zum Marmorsaal

Die Terroristen wissen nicht mehr weiter. Gegen 22 Uhr brechen sie ihr Vorhaben endgültig ab und verteilen sich auf drei kleine Hotels im 6., 7. und 15. Bezirk. Hier wollen sie weitere Instruktionen abwarten. Aber dazu kam es nicht mehr. In einem der Hotels hatte man längst Verdacht geschöpft. Davon verständigte Staatspolizisten führten anschließend einen überfallsartigen Zugriff durch, wie sich ein ehemaliger Terrorfahnder erinnert:

„Meine Leute sind dort reingegangen, die wollten noch aufspringen, hatten aber Chance mehr zu entkommen.“

In einem Bericht zu den Ermittlungen heißt es:

„In einem ersten befragenden Gespräch verwickelten sich die fünf Personen in eklatante Widersprüche. Sie gaben ihre Geburtsdaten falsch an und auf ihre Berufe angesprochen erhielten wir äußerst fragwürdige Auskünfte. Während des Gesprächs wurden die fünf Personen zunehmend nervös und [es] wurde eine genaue Nachschau in der Wohnung gehalten. In verschiedenen Taschen und Koffern wurden daraufhin Faustfeuerwaffen, Maschinenpistolen, Eierhandgranaten, Sprengstoff (soweit dies äußerlich zu vermuten war) und Munition aufgefunden.“

Außenansicht des Hotelzimmers, in dem der Zugriff erfolgte

Das Arsenal bestand aus drei Beretta-Maschinenpistolen, sieben Pistolen, fünf Handgranaten, mehrere Hundert Schuss Munition sowie zwei Päckchen mit jeweils einem halben Kilogramm Sprengstoff. Ebenfalls gefunden wurde Schuhpaste zum Schwärzen der Gesichter und Stricke zum Fesseln der Geiseln.

Das Arsenal der Terroristen

Über ihre Komplizen schwiegen sich die Festgenommenen aus. Aber die Staatspolizisten hatten einen Trumpf in der Hand: Ein Fotoapparat war sichergestellt worden und die Bilder wurden umgehend entwickelt – zu sehen bekamen die Ermittler Schnappschüsse wie von einer Urlaubsreise:

„Die haben sich zusammen in Rom fotografiert, in Mailand, so glaube ich, und in Wien. Auf den Fotos waren jedenfalls neun Personen zu sehen und wir haben zum Suchen angefangen.“

Einen weiteren Hinweis lieferte ein Zettel mit zwei Telefonnummern von benachbarten Pensionen. Auf einem Zettel standen die Telefonnummern der anderen Unterkünfte. Innerhalb weniger Stunden konnten so die restlichen Terroristen verhaftet werden. Die Verhöre gestalteten sich zäh. Die Männer, zwischen 22 und 38 Jahre alt, waren ein bunter Haufen: Bauern, Handwerker und Studenten. Wirkliche Erfahrung hatte nur einer von ihnen, nämlich Cann.

Es handelte sich um Anhänger der Pakistan Peoples Party (PPP). Deren Führer Zulfikar Ali Bhutto war zwischen 1973 und 1977 Premierminister gewesen, ehe er von General Zia-ul-Haq gestürzt wurde. Zwei Jahre später richtete man ihn hin. Während die politische Führung der PPP Bhuttos Tochter Benazir übernahm, organisierten seine Söhne Shahnawaz und Murtaza einen Untergrundkampf gegen das Militärregime. Dabei wurden sie von Syrien, Libyen und der PLO unterstützt. Murtaza war die eigentliche Triebkraft des Widerstands. Sein Biograf und früherer Mitarbeiter, Raja Anwar, hat ihn wenig schmeichelhaft als „terrorist prince“ charakterisiert, als jemanden, der ständig immer neue Aktionen plante, deren Ausführung aber anderen überließ und sich selbst in Sicherheit brachte.

Zulfikar Ali Bhutto (Quelle: Wikimedia Commons)

So war es dann auch im Falle der geplanten Geiselnahme in Wien. Diese sollte die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Situation in Pakistan lenken. Ende Mai 1984: versammelten sich die Mitglieder des Kommandos – allesamt Angehörige von Murtazas Untergrundorganisation Al-Zulfikar – in Damaskus, wo sich auch das Hauptquartier für die Aktivitäten gegen Zias Regime befand. Anschließend reiste man in drei Gruppen getrennt per Schiff über Griechenland nach Ancona bzw. Rom. Dort sollte am 12. Juni 1984 eigentlich die philippinische Botschaft überfallen werden. Aber die Sicherheitsmaßnahmen waren zu engmaschig. Also rückte nach einer entsprechenden Order Murtazas Wien ins Visier.

Dafür gab es einen Grund, wie Cann vor Gericht angab: „Österreich ist kein Polizeistaat.“ Das wurde bei westeuropäischen Behörden damals übrigens ähnlich gesehen, vor allem was den Schutz von Botschaften anging. „Trotz aller Anstrengungen der Polizei gelten die Überwachungsmaßnahmen im Gegensatz zu anderen Ländern als mangelhaft“, hieß es im „Kurier“ süffisant. Innenminister Karl Blecha versuchte solcher Kritik den Wind gleich aus den Segeln zu nehmen:

„Der Terrorismus ist eine Erscheinung unserer Zeit, die in freien, demokratischen Staaten nicht so bekämpft werden kann, wie in Diktaturen.“

In Wien kamen die Pakistans wiederum in Dreiergruppen zwischen Mitte und Ende Juni per Bahn an. Erst hier erhielten sie die Waffen. Und zwar traf sich Cann am 29. Juni 1984 am Westbahnhof mit einem Kontaktmann, der ihm nach einer Taxifahrt zum Hotel Intercontinental einen Samsonite-Koffer übergab. Bei dieser Gelegenheit soll Cann auch zum ersten Mal über das konkrete Aktionsziel, die „kanadische Gesellschaft“ im Imperial, informiert worden sein.

Murtaza flog noch kurz nach Wien, um seine Männer, einen nach dem anderen, zu treffen. In einem Nordsee-Fischlokal händigte er jeweils 2.000 Schilling aus. Dann sagte er: „Wir treffen uns wieder in Kuba“ – weil man dorthin mit den Geiseln ausfliegen wollte. Weitere Anweisungen wurden von der Staatspolizei auf Mikrofilmen gefunden, die in den Schuhen der Pakistanis versteckt waren.

Demnach hätten unter den Geiseln anwesende Franzosen, Schweizer und Schweden freigelassen werden sollen, während Personen aus Pakistan und Südafrika (dem damaligen Apartheidregime) erschossen worden wären. Auf der Todesliste standen weiters noch Geiseln aus Zaire, Bangladesch, Indonesien, Sri Lanka und Philippinen – weil deren Exekution zwar Schrecken und zusätzlichen Druck erzeugt hätte, aber gleichzeitig politisch ungefährlicher gewesen wäre – anders als der Tod von Staatsbürgern der USA oder Saudi-Arabiens, wie Cann im Verhör aufklärte. 

Jedenfalls sollte so von der österreichischen Regierung das Ausfliegen erzwungen werden. Konkret war geplant gewesen, im Anschluss an die Geiselnahme vor dem Hotel eine Ansprache zu halten und die Forderungen bekannt zu geben:

Wir verlangen von der österreichischen Regierung, sich mit folgendem einverstanden zu erklären: 1.) sich jeglicher Herausforderung zu enthalten, denn dies würde zu einem Blutbad unter unseren Geiseln führen, […]. 2.) morgen um 08.00 Uhr, Ortszeit, eine Boeing 707 (mit drei Mann Besatzung), beladen mit 73.000 kg Treibstoff und bereit, vom Internationalen Wiener Flughafen abzufliegen, bereitzustellen. 3.) Morgen, um 07.00 Uhr, Ortszeit, sollen zwei Busse […] vor unserem Haus zu unserer Verfügung sein, um uns und unsere Geiseln bis genau zu den Einstiegstiegen des Flugzeuges zu bringen. 4.) Jegliche Verzögerung wird die Leben unserer Geiseln gefährden.“

Ein Aufruf stand am Schluss:

„Für die Freiheit und Demokratie in Pakistan.“

Mit den Geiseln wollte man anschließend nach Havanna ausfliegen. Dort wären die Geiseln dann gegen 200 Gefangene in Pakistan ausgetauscht worden. Zumindest stellten sich das die Terroristen so vor. „Hätten wir keinen Erfolg gehabt, so hätten wir alle wieder freigelassen“, meinte Cann vor Gericht. Das rief bei den Mitangeklagten so viel Schmunzeln hervor, dass der vorsitzende Richter ermahnte: „Das letzte Wort hat das Gericht, und das wird vielleicht nicht so lustig sein.“

Offenbar waren die Terroristen bei der Planung davon ausgegangen, eine Riege hochkarätiger Diplomaten in ihre Hände zu bekommen. Auch in diesem Punkt hatte man sich geirrt. Wie der Betreuer der Ford-Reisegruppe in Wien aussagte, war es ein Empfang für „biedere Fordhändler“ gewesen: „Die wichtigste Person war nur der Präsident Harrigan von Ford Motor Canada.“

Am 28. März 1985 wurden die Terroristen wegen versuchter erpresserischer Entführung und Ansammlung von Kampfmitteln schuldig gesprochen. Cann erhielt 13 Jahre, sein Stellvertreter Lias Khan eine 11jährige Freiheitsstrafe. Die übrigen sieben wurden zu je sieben Jahren verurteilt. 1989 wurden acht der Pakistanis vorzeitig entlassen. Zwei von ihnen blieben in Österreich. Lediglich Cann war noch bis 1993 in Haft – zurück in Pakistan musste er wegen eines anderen Falls noch zwei weitere Jahre absitzen.

Der eigentliche Mastermind hingegen blieb ungeschoren. Eine schon eingeleitete Fahndung nach Murtazar wurde unterbunden. 1993 – nachdem General Zia bei einem Flugzeugabsturz ums Leben getötet und seine Schwester Benazir Premierministerin geworden war – konnte Murtazar wieder zurück nach Pakistan zurück.

Drei Jahre später wurde er unter ungeklärten Umständen von der Polizei erschossen. Dem Bhutto-Clan blieb eine weitere Tragödie nicht erspart: 2007 starb auch Benazir bei einem Attentat islamistischer Terroristen. Und Pakistan wird zunehmend als „gescheiterter Staat“ angesehen, in dem Gewalt, Korruption und Menschenrechtsverletzungen epidemische Ausmaße angenommen haben.

Hinweis: Gekürzte Version ist am 14. 2. 2019 in der Furche erschienen.