„Augenblicklicher Tod“: Krimi um Karl Lütgendorf

Freitagvormittag, 9. Oktober 1981: Nichts deutet darauf hin, dass Karl Ferdinand Freiherr von Lütgendorf nur mehr wenige Stunden zu leben hat. Es ist ein Tag wie jeder andere. In seinem Bauernhaus in Schwarzau am Gebirge (NÖ) liest er wie gewohnt nach dem Frühstück eine Stunde Zeitung. Dann fährt er zu einem kürzlich erworbenen Anwesen und ist zu Mittag wieder zurück. Lütgendorf zahlt einem Angestellten den Lohn aus, unterschreibt einige Lieferscheine und zieht sich anschließend in sein Zimmer zurück.

Gegen 13 Uhr sagt ihm seine Frau Emilie, dass das Mittagessen fertig sei. Doch Lütgendorf verlässt wortlos das Haus, steigt wieder in seinen Lada Taiga und fährt weg. Seine Frau denkt sich noch nichts und glaubt, er würde in die Ortschaft fahren, um aufzutanken. In der Zwischenzeit kommt der Stiefvater mit dem Enkel nach Hause. Sie haben Lütgendorf nicht in Schwarzau gesehen. Er war offenbar auf dem Güterweg in die andere Richtung unterwegs. Nun macht sich Emilie Sorgen, ihrem Mann könne das Benzin ausgegangen sein. Also fährt sie ihm mit dem PKW des Schwiegervaters nach. Nach ungefähr vier Kilometer Wegstrecke sieht sie den Geländewagen auf einem Wendeplatz stehen.

Der Motor ist abgestellt, beide Türen sind geschlossen, die rechte verriegelt. Am Lenkersitz sitzt der 67jährige Lütgendorf – nach vorne gesackt, aus Gesicht, Nase und Ohren blutend. In der rechten Hand hält er einen Smith & Wesson-Revolver, auf dem Beifahrersitz liegen der Hut und die Revolvertasche. So steht es in einem Informationsschreiben des Innenministeriums vom 11. Oktober 1981.

Das Dokument ist Teil eines Konvoluts zum Fall Lütgendorf im Wiener Staatsarchiv. Im Unterschied zu den umfangreichen Unterlagen samt Fotos, durch die sich die Kommissare „Bibi“ Fellner und Moritz Eisner im „Tatort“ wühlen, handelt es sich aber real nur um wenige Seiten. Erkenntnisse daraus wiederlegen zumindest einige der seit Jahrzehnten grassierenden Verschwörungstheorien, auch wenn viele Fragen offenbleiben.

Das beginnt bei den genauen Todesumständen. In Skandalchroniken, Medienberichten wie zuletzt in der Presse und im „Tatort“ war die Rede davon, der tote Lütgendorf hätte die Waffe verdächtigerweise in der linken Hand gehabt, obwohl er Rechtshänder war.

Doch das stimmt so nicht.

Ein Aktenvermerk eines Richters am Landesgericht Wien, der über die ersten Ermittlungsergebnisse informiert wurden, notierte:

„Waffe bei Auffindung der Leiche in der rechten Hand, leicht geöffnet, L[ütgendorf] Rechtshänder. Abgabe des Schusses: Laut Schusshandbestimmung mit beiden Händen.“

Dort habe man „ausgeprägte Schmauchspuren“ festgestellt,
„rechts mehr“. Es liege „eindeutig Selbstmord vor“, heißt es in einer Nachtragsmeldung.

Zum selben Befunde gelangte auch der Pathologe: Lütgendorf hatte einen Teil des Laufs in den Mund eingeführt und dann abgedrückt. Die Wirkung des so abgefeuerten Hohlspitzgeschoss war furchtbar:

„Der Einschuss befand sich im Bereiche der Rachenhinterwand, der anschließende Schusskanal verlief von hier ausgehend bis in die Nackenweichteile. Anteile des zersplitterten Projektils fanden sich in der Mundhöhle, insbesondere aber am Ende des Schusskanals.“

Das Projektil hatte schließlich den ersten und zweiten Halswirbel völlig zertrümmert, was zum augenblicklichen Tod führte. „In Würdigung aller Umstände des Falles handelt es sich um einen Selbstmord“, schloss der Experte.

Auszug aus einer Fernschrift an das Innenministerium vom 10. Oktober 1981

Ob es nun tatsächlich ein Freitod war, ist bis heute umstritten. Ein Abschiedsbrief wurde nicht, ein Motiv konnte „nicht erhoben“ werden, wie aus neuen Dokumenten hervorgeht. Die Behörden hatten nicht weiter ermittelt. Ein Bericht der Sicherheitsdirektion Niederösterreich vermerkt lediglich, dass hinsichtlich der Vermögensverhältnisse „und auch betr. eines Motivs für den Selbstmord“ keine Erhebungen durchgeführt wurden, „da es sich einwandfrei um einen Selbstmord handelt.“ Der Revolver war noch mit fünf Patronen geladen, der Hammer war auf die eine leere Hülse geklickt. Und wie die Gattin angab, hatte Lütgendorf „die Gewohnheit, eine Faustfeuerwaffe in seinem Fahrzeug mitzuführen“. Er sei überhaupt „im Besitz eines ganzen Waffenarsenals“ gewesen.

Der aus altem Adel stammende Lütgendorf war eine schillernde, aber auch dubiose Figur. Als einziger Sohn des k.u.k.-Militärkommandanten von Brünn hatte auch er eine militärische Karriere eingeschlagen. Nach Ausbruch des 2. Weltkriegs wurde Lütgendorf im norwegischen Narvik schwer verwundet. Wieder genesen machte er bei der Feindaufklärung Dienst – zuletzt ab Februar 1945 in der Generalstabsabteilung Fremde Heere Ost. Sein Vorgesetzter dort war Reinhard Gehlen, der sich mit dem gesammelten Wissen zur Roten Armee alsbald den Amerikanern anbot.

Im Sommer 1945 wurden Gehlen, Lütgendorf und sechs weitere Offiziere, die sogenannte Bolero-Gruppe, unter strengster Geheimhaltung in die USA geflogen. Bis Mitte November 1945 bereitete man die mitgebrachten Materialen aus den vergangenen Kriegsjahren auf. Ergebnis war eine 716 Seiten starke Studie. Danach wurde unter anderem eine Schlachtordnung der Roten Armee in Europa erstellt – vor dem Hintergrund des aufziehenden Kalten Krieges waren das für die USA wichtige Erkenntnisse. Denn während des Krieges hatte man den damaligen Verbündeten Sowjetunion nicht aufgeklärt.

Die „Bolero-Gruppe“ war fast ein Jahr zusammen in den USA. Doch unmittelbar nach der Rückkehr, als es darum ging, die Aufbauarbeit für den späteren Bundesnachrichtendienst (BND) anzugehen, war Lütgendorf nicht mehr dabei. Er hatte einen der US-Offiziere einen „Wiener Saujuden“ genannt. Das war ebenso bezeichnend wie töricht, weil die Unterkunft in Fort Hunt (US-Bundesstaat Virginia) abgehört wurde. Gehlen wurde nahegelegt, sich von Lütgendorf zu drängen, was dieser auch tat. Der Geschasste kehrte nach Österreich zurück, während Gehlen den BND aufbaute und bis 1968 dessen erster Präsident blieb.

Lütgendorf dagegen diente im Bundesheer und brachte es zum Brigadier und Leiter der Gruppe Ausbildung. 1971 dinierte er gerade mit Schweizer Offizieren im Sacher, als ihn der Maitre de plaisir zum Telefon rief. Als Lütgendorf zurückkam, verkündete er:

„Meine Herren, ich möchte Ihnen mitteilen, dass mir der Herr Bundeskanzler angeboten hat, das Verteidigungsministerium zu übernehmen; ich habe angenommen.“

Bruno Kreisky hatte den parteilosen Lütgendorf gekürt, damit dieser die versprochene Heeresreform umsetzte. Das gelang auch, aber der knorrige Lütgendorf fiel immer wieder mit markigen Sagern auf: 1971 sprach Lütgendorf Abgeordneten das Recht ab, seine Verteidigungspolitik zu kritisieren, weil sie „über keine Generalstabsausbildung“ verfügten. Als sich Kreisky 1973 für seine Entscheidung, das Transitlager für osteuropäische Juden in Schönau zu schließen, kritisiert wurde, meinte Lütgendorf: „Das sind doch alles Zeitungen, die in jüdischen Händen sind.“

Nachträglich stellte sich heraus, dass der Verteidigungsminister seinem Freund Udo Proksch und dessen Verein CUM militärische Waffen und Geräte geliehen hatte. Konkret wurden Proksch die Truppenübungsplätze Hochfilzen und Bruckneudorf, das notwendige Personal und Sprengstoff für „Sprengversuche“ kostenlos zur Verfügung gestellt. Lütgendorf war selbst im Vorstand des 1975 gegründeten Vereins CUM. Das Kürzel stand für Verein zur Förderung ziviler und militärischer Bestrebungen hinsichtlich der Forschungs- und Entwicklungsarbeit auf dem Gebiet des Umweltschutzes. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss schloss Ende der 1980er Jahre, dass CUM gegründet worden war, „weil es für LÜTGENDORF problemloser war, militärische Waffen und Geräte an einen Verein als an eine Privatperson zu verleihen, die noch dazu in Zusammenhang mit illegalen Waffengeschäften erwähnt worden war.“

Ein Großteil des geliehenen TNT wurde abgezweigt und kam anderweitig zum Einsatz: Bei der Versenkung des Frachters Lucona samt der mit 31 Millionen Schweizer Franken versicherten Schrott-Fracht im Jahr 1977. Damit nicht genug: Der Untersuchungsausschuss sah den „Verdacht einer noch engeren Verflechtung des ehemaligen Bundesministers für Landesverteidigung mit dem Straffall LUCONA“ gegeben. Der Ex-Verteidigungsminister besaß nicht nur Akten von Prokschs Firma Zapata, es ergab sich auch, „dass Karl Lütgendorf nach Eintritt des Versicherungsfalles mehrmals sowohl in der Schweiz als auch in Österreich mit Repräsentanten der an dem Versicherungsfall beteiligten Firmen zusammentraf.“

Zu Lebzeiten zum Verhängnis wurde Lütgendorf eine andere Causa: Am 3. Dezember 1976 wurde eine Lieferung von 600 Steyr-Mannlicher-Scharfschützengewehren (SSG) sowie 399.600 Schuss Munition vom Zoll aufgehalten. Offizieller Absender war der Waffenhändler Alois Weichselbaumer, der die Munition leihweise aus Beständen des Bundesheeres erhalten hatte. Man veranlasste die Umstempelung des Frachtbriefes auf „Heeresbeschaffungsamt“, woraufhin die 555 Kisten Österreich per Bahn in Richtung Jugoslawien verließen. Gesetzlich vorgeschriebene Bewilligungen wurden so umgangen. Denn Ziel war offenbar gewesen, einen Teil des Kriegsmaterial abzuzweigen und nach Syrien zu liefern, das zu diesem Zeitpunkt in den libanesischen Bürgerkrieg verstrickt war.

Eine besondere Beziehung verband Lütgendorf mit dem syrischen Verteidigungsminister Mustafa Tlas (Mitte) – (Quelle: The Online Museum of Syrian History/Wikimedia Commons)

Dazu kam es nicht. Ende März 1977 wurden die Kisten zurückgestellt. Zu diesem Zeitpunkt steckte Lütgendorf bis zum Hals in Problemen: Obwohl sein Name 30mal in Weichselbaumers Gästebuch stand, versuchte der Minister, das fast 15jähriges Naheverhältnis zu dem Waffenhändler und Bordellbesitzer zu leugnen. Schließlich blieb kein anderer Ausweg, als am 31. Mai 1977 zurückzutreten. Kreisky soll den Abschied fast zärtlich quittiert haben: „Schad is.“ Im Ministerrat meinte der Bundeskanzler, „dass halbe Wahrheiten viel schwerer zu vertreten sind als ganze Wahrheiten, und das es Kleinigkeiten sind, die in der Politik eine große Rolle spielen können. Wie bei Lütgendorf z. B. dieses Munitionsereignis“.

Das Strafverfahren gegen Lütgendorf und Weichselbaumer wurde 1978 eingestellt. Man hielt dem Ex-Minister zugute, dass er „unwiderlegbar“ die Absicht verfolgt habe, „durch die Förderung der Exportbemühungen zunächst kurzfristig die Auftragslage im Waffenwerk Steyr zu verbessern und in weiterer Folge eine seiner Meinung nach für eine wirksame österreichische Landesverteidigung unbedingt notwendige eigene österreichische Waffenentwicklung und Waffenproduktion aufzubauen, […].“

Dieser Rolle widmete sich Lütgendorf nun als Privatmann. Für die Waffenindustrie war er im Nahen Osten als Geschäftsvermittler unterwegs. Lütgendorf war im Aufsichtsrat von Steyr-Daimler-Puch, das mit dem Jagdpanzer „Kürassier“ einen Exportschlager in petto hatte. 1978 wurden 108 Stück nach Marokko verkauft, weitere Lieferungen wurden im Jahr darauf gestoppt. In diesem Zusammenhang gibt es ein interessantes Dokument der für Auslandsspionage zuständigen Hauptverwaltung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit. Es ist im Grunde nur eine kryptische Inhaltsangabe zu einer Information, die nach der „Wende“ 1989 vernichtet wurde. Lütgendorf wird darin genannt – ebenso wie der Hinweis „Waffenlieferungen Österreichs an Marokko“.

Jagdpanzer Kürassier im Heeresgeschichtlichen Museum (Quelle: Untertillertaler/Wikimedia Commons)

So diskret Lütgendorf vorging, irgendwann holte ihn seine Tätigkeit ein. Im Februar 1981 beschrieb ein Journalist im deutschen Magazin Transatlantik seine „Streifzüge durch den Heroin- und Waffenbasar“. Einmal habe ihm ein Agent der US-amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) ein Foto gezeigt: Es zeigte einen damals berüchtigten libanesischen Waffenhändler auf einem Empfang in der deutschen Botschaft in Beirut. Neben diesem Sami El Khoury abgebildet war jemand, der dem Journalisten bekannt vorkam: „Tatsächlich, das war einmal Österreichs Verteidigungsminister.“ Lütgendorf soll über diesen Artikel erbost gewesen sein – Proksch soll ihn beruhigt haben: „Des Blattl liest bei uns eh kaner.“ Obwohl er die Existenz des Fotos nicht bestritt, brachte Lütgendorf schließlich Klage ein. Die erste Verhandlung vor Gericht war ausgerechnet für den 10. Oktober 1981 angesetzt – dem Tag nach der Auffindung von Lütgendorfs Leiche.

Bis heute reißen die Spekulationen nicht ab, der Ex-Minister könnte ermordet worden sein. Einer seiner Söhne erinnerte sich, dass Lütgendorf beim Hören einer Radiomeldung am 6. Oktober 1981 bleich geworden sei. Der ägyptische Präsident Sadat war ermordet worden. Lütgendorf soll daraufhin gesagt haben, „er wäre der nächste“. Sadat allerdings wurde von radikalen Islamisten erschossen – ein Zusammenhang scheint jedenfalls nicht gegeben. Von Verschwörungstheoretikern oft ins Feld geführt wird auch, dass der Rückstoß Lütgendorf die Waffe aus der Hand hätte reißen müssen. Aber dafür gibt es laut dem Pathologen Hans Bankl, der den Fall nochmals aufrollte, eine schlüssige Erklärung: In der beengten Fahrzeugkabine habe Lütgendorf den Revolver der Einfachheit halber mit beiden Händen vor der Brust gehalten und den Kopf darüber gebeugt. Durch das Abstützen auf den Oberschenkeln wurde der Rückstoß gemindert und die Waffe nicht weggeschleudert.

Fragezeichen freilich bleiben: Obwohl Lütgendorf als verschuldet galt, wurden auf einem Schweizer Konto rund vier Millionen Schilling aus unbekannter Quelle gefunden. Im Dezember 1981 brachte Emilie Lütgendorf die Summe in zwei Tranchen im Koffer nach Österreich. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit unter den Erben. Aufschluss darüber, woher das Geld stammte ergab sich nicht – auch nicht, als die Witwe am 1. Februar 1982 von einer Reise nach Damaskus zurückkehrte und kontrolliert wurde. Grund war ein zweimaliger anonymer Telefonanruf, wonach sie Drogen schmuggeln würde.

Man fand aber nur „einige wertvolle Teppiche“, die zwecks Verzollung zurückgehalten wurden. In Damaskus war Emilie Lütgendorf übrigens aufgrund einer offiziellen Einladung des syrischen Verteidigungsministers Mustafa Tlas gewesen, eines guten Bekannten und Geschäftspartner ihres verstorbenen Mannes. Im Oktober 1986 reiste Emilie Lütgendorf noch einmal nach Damaskus. Zwei Jahre später äußerte sie sich in einem Interview zu den mysteriösen Millionen: „Es waren Provisionsgelder.“ Auf Nachfrage, ob diese für Waffengeschäfte geflossen seien, hieß es aber nur lapidar: „Das weiß ich nicht“.

HINWEIS: Gekürzte Version ist in profil Nr. 4/2019 unter dem Titel „Krimi um Karl Lütgendorf“ erschienen.

MEHR LESEN: „Macht’s es unter der Tuchent“: Die Waffengeschäfte der österreichischen Verstaatlichten Industrie und der Noricum-Skandal, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 1/2016.