Ermordet von einer CIA-Splittergruppe? Zum Tod von Herbert Amry vor 40 Jahren in Athen

Vor 40 Jahren, in den Morgenstunden des 12. Juli 1985, starb Herbert Amry an einem Herzinfarkt. Der Tod des Diplomaten ist bis heute Anlass für Spekulationen. Kurz zuvor hatte er noch zu den Hintergründen der „Noricum“-Waffenaffäre recherchiert. Offizielle Dokumente lassen wenig Raum für Verschwörungstheorien. Erst 2024 ließ Ex-Innenminister Karl Blecha mit der Aussage aufhorchen, dass Amry von einer „CIA-Splittergruppe“ ermordet worden sein dürfte.

Athen, sieben Uhr abends am 11. Juli 1985: In seiner Residenz gibt der österreichische Botschafter Herbert Amry seinen Abschiedsempfang. Der 46jährige ist zu einem Karrieresprung ins Wiener Außenamt rückberufen worden. Über 200 Gäste sind gekommen – griechische Regierungsmitglieder, Diplomaten anderer Länder und Auslandsösterreicher. Es wird 23 Uhr bis alle gegangen sind. Dann setzt sich Amry noch mit einem Mitarbeiter zusammen.

Man trinkt zwei Flaschen kaltes Bier, denn die Temperaturen in dieser Nacht sind subtropisch. Amry legt sich schließlich gemeinsam mit seiner Gattin schlafen. Er las im Bett noch etwas, als er plötzlich im Bereich der linken Schulter Schmerzen verspürte. Eine starke Übelkeit kam hinzu. Bald konnte Amry nur mehr kurz und schnell atmen, woraufhin seine Gattin mit Erste-Hilfe-Maßnahmen begann.

In einem staatspolizeilichen Bericht heißt es: „Er [Amry] sagte noch zu seiner Frau, dass er mit seinem Herz Probleme habe und sie rasch einen Arzt verständigen möge,“ Frau Amry verständigte telefonisch den Vertrauensarzt der Botschaft. Als sie zurückkam, war ihr Gatte aus dem Bett gefallen und bewusstlos. Der bald eingetroffene Arzt veranlasste eine sofortige Einlieferung ins Krankenhaus: „Es passierten dabei insofern mehrere Pannen, nämlich kam die Rettung sehr spät und wurde der Krankentransport mit einem alten und offenen Auto durchgeführt, so dass man die Beine ‚herausbaumeln‘ sah. Nach Eintreffen im Krankenhaus wurde Dr. Amry an die Herz-Lungenmaschine angeschlossen, jedoch diese startete erst beim dritten Versuch. Der Arzt teilte mit, dass Dr. Amry bereits klinisch tot war, als er ihn in der Residenz untersucht hatte. Er habe dies aber nicht der Gattin gesagt“, so der Bericht.

„Iran sei Vertragspartner, daher Zahler und Empfänger“

Der plötzliche Tod von Herbert Amry war in jeder Hinsicht brisant: Das lag zunächst am Verstorbenen selbst. Amry war ein langjähriger enger Mitarbeiter von Bruno Kreisky, Leiter der Dienstrechtsabteilung des Außenministeriums, Generalkonsul in Istanbul und österreichischer Botschafter in Beirut (1978–1981) und danach in Athen. Immer wieder hatte Amry besonders heikle Missionen betreut: So hatte er zwischen 1983 und 1985 einen arabisch-israelischen Gefangenenaustausch verhandelt.

Nur knapp eine Woche vor seinem Tod wurde Amry in eine „große“ Sache verwickelt: Am 5. Juli 1985 kam der österreichische Handelsgesandte in sein Büro und berichtete darüber, dass ein iranischer Waffenhändler namens Hadji Dai bei ihm interveniert habe. Und zwar wegen einer ausgebliebenen Vermittlungsprovision für die Lieferung österreichischer Kanonen und Munition an eine japanische Firma (in Wirklichkeit handelte es sich um ein iranisches Beschaffungsunternehmen).

Dai drohte das Geschäft zu hintertreiben, wenn ihm und „seiner Gruppe“ die Summe nicht bezahlt würde. Amry galt als Gegner des Waffenexports und hegte schon seit 1984 den Verdacht, dass die verstaatlichte VOEST Waffen gesetzeswidrig in den Nahen Osten lieferte. Aufgrund der neuen Informationen begann Amry nachzuforschen und gelangte immer zur Ansicht, dass der Iran das Bestimmungsland des Kriegsmaterials war – und zwar über den Scheinadressaten Libyen.

In vier streng geheimen Fernschreiben an das Außenministerium, die zwischen 5. und 11. Juli 1985 übermittelt wurde, teilte Amry seine Ergebnisse mit. Im ersten Telex meinte er noch kryptisch, dass „ein zweiter Schiffsuntergang a la Lucona wäre sicherlich unerfreulich“. Das letzte Schreiben war schon erstaunlich präzise: „Was das Geschäft selbst anlange, sie dieses ein solches mit dem Iran, es sei mit dem Iran verhandelt worden und die Lieferung gehe dorthin. […] Libyen scheine weder als Zahler auf noch bekomme es die Ware. Iran sei Vertragspartner, daher Zahler und Empfänger.“

Amry hatte nicht nur mit dem VOEST-Vertreter in Griechenland gesprochen, sondern am 10. Juli 1985 auch mit dem Waffenhändler Dai, der den Stein ins Rollen gebracht hatte: „Dabei habe ihm Dai seinen Provisionsanspruch zu erklären versucht und zusätzlich versprochen, die ihm (Dai) für die Richtigkeit seiner Angaben zur Verfügung stehenden Unterlagen (Papiere, Notizen, etc.) in einer für den 12. 7. 1985 vereinbarten weiteren Unterredung auszufolgen. Dazu ist es aber durch den plötzlichen Tod Dr. Amry’s nicht mehr gekommen“, fasste Staatspolizeichef Anton Schulz später zusammen.

Hintergrund: „Noricum“-Skandal

Zwei Jahre bevor der sogenannte „Noricum-Skandal“ öffentlich ausgebreitet wurde, hatte Amry bereits einige der wichtigsten Fakten geklärt. Doch sein Tod führte dazu, dass die Spuren nicht konsequent verfolgt wurden und das Waffengeschäft weiterlief. Begonnen hatte alles 1981: Jordanien hatte bei der VOEST-Tochter Noricum 200 GHN-45-Haubitzen, 221 Ersatzrohre, 5 Lafetten und 700.000 Granaten geordert. Die Waffen gingen aber in Wirklichkeit in den Irak, der 1980 das Nachbarland Iran angegriffen hatte. Dieser erste Golfkrieg sollte bis 1988 dauern. Die GHN 45 (Gun Howitzer Noricum) war in diesem Konflikt von besonderem Interesse, weil sie mit einer Reichweite von 39 km die Schussweiten sämtlicher Konkurrenzprodukte übertraf.

Nach entsprechenden Drohungen erwirkten iranische Unterhändler 1983, dass auch ihre Seite beliefert wurden – und zwar mit 200 GHN-45-Haubitzen im Wert von 16 Milliarden Schilling. Weil der Export in kriegsführende Länder nach dem österreichischen Kriegsmaterialexportgesetz verboten war, fand man eine andere Lösung, indem Libyen zum Schein als „Endverbraucher“ fungierte.

Als Amry mit seinen Fernschreiben Alarm schlug, kam das zur Unzeit: Bei der VOEST, dem Flaggschiff der verstaatlichten Industrie, zeichneten sich fünf Milliarden Schilling Miese rund um das US-amerikanische Stahlwerk Bayou ab – ebenso wie Spekulationsverluste der Tochter Intertrading. Für das Irangeschäft wiederum waren bereits ein Großteil der 800 Millionen Schilling an Provisionen geflossen und ein Performance-Bond zugunsten des Iran eröffnet worden (sprich eine Pönale-Verpflichtung über 340 Millionen Schilling im Falle der Nicht-Erfüllung). In einem Artikel fürprofilbrachte Herbert Langsner die damalige Situation für das Management auf den Punkt: „Das Geschäft [mit dem Iran] durfte einfach nicht platzen.“

Amrys hektisch zusammengetragene Informationen bewirkten daher auch nur einen kurzfristigen Lieferstopp. Das libysche Endverbraucherzertifikat wurde als ausreichend betrachtet und das Iran-Geschäft ging ab 16. Juli 1985 weiter.

Allerdings platzte einige Wochen nach Amrys Tod die Geheimhaltung: Ende August 1985 hatten Reporter des Magazins „Basta“ im jugoslawischen Hafen Kardeljevo in einem angeblich für Libyen bestimmten GHN-45-Container Gebrauchsanweisungen in Persisch gefunden. Das Innenministerium zog nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Jänner 1986 die Exportgenehmigung für Libyen zurück.

Nach dem staatsanwaltschaftlichen Prüfbericht gab es auch später noch eine Reihe teilweise genehmigter, dann wieder zurückgezogener, großteils aber realisierter Noricum-Kanonengeschäfte mit dem Iran – mittels gefälschte Papiere für Brasilien, Argentinien und Thailand. Am 11. März 1987 verließ die letzte Tranche von 18.000 Granaten für den Iran Österreich – damit hatte die VOEST unter den Augen der verantwortlichen Ministerien insgesamt 140 Kanonen, 120 Kanonenrohre und 80.000 Granaten an den Iran geliefert. Fragen nach politischer und strafrechtlicher Verantwortung wurden im Rahmen eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses (1989/90) bzw. mehrerer Prozesse gegen Verstaatlichte-Manager und Ex-Politiker (1991-1993) geklärt.

„Eindeutig Tod durch Herzversagen“

Dass Amry ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt verstorben war, als er Wiener Regierungsstellen über den sich abzeichnenden „Riesenskandal“ zu alarmieren versuchte, macht die Angelegenheit sofort verdächtig. Dokumente aus dem Noricum-Gerichtsverfahren lassen jedoch wenig Raum für Vermutungen, Amry könnte gezielt zum Schweigen gebracht worden sein. Nachdem bereits Anfang August 1985 in „Journalistenkreisen“ solche Gerüchte kursierten, hatte Staatspolizeichef Schulz am 9. August 1985 „W“, einen erfahrenen Beamten, damit beauftragt, „die erforderlichen Ermittlungen durchzuführen“.

Nach Rücksprache mit dem Außenamt erstellte jener Beamte einen Bericht, der folgendermaßen schloss: „Betreffend der Todesart stellte der Arzt eindeutig Tod durch Herzversagen infolge eines Herzinfarktes fest. Keinesfalls konnten irgendwelche Symptome einer Vergiftung oder sonstigen Einwirkung, die auf einen gewaltsamen Tod schließen lassen würden, vorgefunden werden. Von einer Obduktion wurde nach Rücksprache mit Frau Amry Abstand genommen. Es bestand auch, wie schon erwähnt, keinerlei Grund, am natürlichen Ableben des Dr. Amry zu zweifeln. Nach der Überführung nach Wien, wurde der Leichnam des Dr. Amry der Feuerbestattung zugeführt, so dass eine etwaige Exhumierung zwecks nachträglicher Autopsie von vornherein ausfällt.“

Ebenfalls am 9. August 1985 sprach Innenminister Karl Blecha zwei Stunden mit Amrys Witwe und deren Tochter: „Beide Frauen haben dezidiert erklärt, dass es nicht den geringsten Beweis für ein Fremdverschulden beim Tod Dr. Herbert Amrys gäbe. Sie seien überzeugt, dass Herbert Amry einem Herzversagen erlegen ist, da er in den letzten Monaten häufig über Herzbeschwerden geklagt und ihnen die feste Absicht mitgeteilt habe, sofort nach seiner Rückkehr nach Wien eine gründliche Durchuntersuchung bei einem Herzspezialisten vornehmen zu wollen.“ Frau Amry erklärte auch, warum sie einer Obduktion nicht zugestimmt hatte: „Da dachte ich daran, dass fremde Menschen an meinem Herbert herumschnipseln werden, der eben unter meinen Händen gestorben war, und sagte nein.“

Der Vertrauensarzt, der Amry zuletzt behandelt hatte, schickte Anfang September 1985 ein vertrauliches Schreiben an die österreichische Botschaft: „Nach Bewertung aller o.a. Fakten komme ich zu dem Ergebnis beim Ableben von Herrn Dr. Amry es sich um einen sog. Plötzlichen Herztod, vermutlich infolge eines ausgedehnten Myocard-Infarkts handelt. Das gesamte Bild des Toten bzw. der Umstände gab nicht den geringsten Anlass, an eine ‚unnatürliche‘ Todesursache zu denken.“

Weiters erinnerte sich der Verwaltungsattaché der Athener Botschaft, dass sich Amry im Mai 1985 wegen „häufiger Herzbeschwerden“ Untersuchungen unterzogen hatte: „Der Arzt erstellte ein EKG und veranlasste auch ein Herzröntgen, deren Ergebnisse ihn veranlassten, auch ein Herzröntgen deren Ergebnisse ihn veranlassten, Dr. Amry dringend eine Bypass-Operation zu empfehlen.“

Ermordet von einer CIA-Splittergruppe?

2023 überraschte der mittlerweile 92jährige Blecha mit einem Statement in der ORF-Dokumentation „Die Akte Noricum“: Amry sei von einer CIA-Splittergruppe ermordet worden. Man habe angenommen, dass es „im CIA eine uns feindlich gesinnte Gruppe gegeben hat und die hat den Herbert Amry aufs Korn genommen gehabt“. Der natürliche Tod sei vorgeschoben worden, um keinen Konflikt mit den USA zu riskieren: „Man hat die Angst gehabt, dass hier Verwerfungen mit den USA entstehen, die besondere negative Auswirkungen haben.“

Die kryptische Aussage steht im völligen Gegensatz zu allem, was Blecha bislang zu dem Fall verlautbart hat. Ein Mordkomplott des US-amerikanischen Geheimdiensts gegen einen österreichischen Spitzendiplomaten ist kaum vorstellbar. Tatsächlich tobte aber rund um den Golfkrieg damals ein harter Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen Konsortien von Waffenhändlern, die teils von Insidern aus dem US-Geheimdienstapparat unterstützt wurden.

Der Irak wurde vor allem von Frankreich (28 %) und der Sowjetunion (47 %) aufgerüstet. China war der Hauptlieferant für den Iran (über 50 %). Darüber hinaus traten mit Brasilien, Nordkorea und Ägypten neue Exporteure im Nahen Osten auf den Plan. Die USA hatten zwar ein Embargo verhängt, belieferten den Iran aber selbst insgeheim 1985-1986 mit Panzerabwehrwaffen und Bodenluftraketen. Gewinne aus den Waffengeschäften flossen an die „Contras“ zur Unterstützung ihres Kampfes gegen die linksgerichtete Regierung Nicaraguas (Iran-Contra-Affäre).

Einer dieser Kanäle verlief von Israel über den Waffenhändler Manucher Ghorbanifar in den Iran. Eine weitere Nachschublinie verband eine Wiener Firma mit dem demselben jugoslawischen Hafen, von dem aus auch die Noricum-Haubitzen verschifft wurden. In der Zelinkagasse Nr. 2 war bis Ende 1985 die Alkastronic aktiv, die von dem Waffenhändler Monzer al-Kassar in Kooperation dem polnischen Militärgeheimdienst betrieben wurde, der auf diese Weise Ostblockwaffen verkaufen wollte.

Ehemaliger Firmensitz der Alkastronic

Am 10. Dezember 1985 kam es zu einer Hausdurchsuchung. Anhand der sichergestellten Unterlagen kam man zum Schluss, dass die Alkastronic „hauptsächlich in der Vermittlung von Waffengeschäften tätig ist“: „Der Transport ging meistens auf dem Landweg nach Jugoslawien zum Verladehafen Kardeljevo [sic!] und von dort per Schiff zum Zielort. Ein Großteil der Lieferungen ging in den Iran, wobei dies jedoch durch ein anderes Abnehmerland verschleiert wurde.“

Dass die Noricum in diesem Spiel mitmischte, wurde in den USA nachweislich kritisch gesehen. Ein teilweise freigegebenes CIA-Analysepapier vom 9. Mai 1986 hielt fest: „Austrian press revelations and US pressure [sic!], […], have forced the Austrian Government to halt shipment of the remaining howitzers. Iran has attempted to cover up the sale and is concerned about further deliveries. It has suffered at least a temporary setback in establishing the kind of long-term supply relationship it wants with Western countries and private Companies.“

Die CIA kam zum Schluss, dass österreichische Firmen entgegen anderslautender Bekundungen Wege gefunden hätten, Waffen in Konfliktgebiete zu liefern: „Austrian Companies have regularly offered to find third parties to issue an end user certificate in dealing with Iran. In addition to Libya, they have suggested Algeria and Turkey as possible third parties.“

Innenminister Blecha habe aufgrund von US-Druck die Lieferung von 100 Haubitzen ausgesetzt. Öffentlich dagegen habe die Regierung bestritten, von irgendeinem schmutzigen Deal etwas gewusst zu haben, was die CIA-Analyse in Zweifel zog: „In our view, Austrian officials may well have been unaware of the details of the transaction, probably because they were willing to look the other way. This sentiment is apparently shared by many Austrians.“

Angesichts der hier ausgedrückten kritischen Haltung zu den VOEST-Waffengeschäften ist es schwer vorstellbar, dass ausgerechnet Amry ins Fadenkreuz der CIA geraten sein soll. Denkbar ist aber, dass der Botschafter mit seinen Nachforschungen die Kreise mächtiger privater Interessen gestört hat. Ein starkes Motiv hätte freilich auch der Iran gehabt. Für beide Versionen spricht, dass Journalisten-Recherchen zufolge bei der Catering-Firma, die den Botschaftsempfang betreute, einen Tag vor dem Event eine Kraft ausgetauscht worden, die dann nach dem 12. Juli 1985 „nie wieder aufgetaucht“ sei. Das würde zu anderen Mutmaßungen passen, wonach Amry mit Digitalis vergiftet wurde. Dieser Wirkstoff löst Übelkeit und Herzrhythmusstörungen aus.

Letztlich bleibt der Tod Amrys auch nach 40 Jahren rätselhaft.