Das „charmanteste und individuellste 5 Sterne Hotel in Kitzbühel“ – so beschreibt sich das Hotel Tennerhof selbst. Und das berechtigterweise. Es liegt an der Skiabfahrt vom Kitzbüheler Horn mit Aussicht auf die weltbekannte Streif. Aber auch für Gäste, die nicht primär am Sport- und Unterhaltungsangebot interessiert sind, kann das Tennerhof mit einer Besonderheit aufwarten. Hinter der Tür Nr. 9 im ersten Stock befindet sich das „Doppelzimmer James Bond“ – und das deswegen, weil Ian Fleming, der Autor der James Bond-Romanreihe, hier vor 100 Jahren mehrere Monate gewohnt hat. Flemings Lebensweg blieb untrennbar mit Kitzbühel verbunden – insofern ist das Hotel Tennerhof der perfekte Ausgangspunkt für eine Entdeckungsreise in Sachen Spionage- und Literaturgeschichte.
Ian Fleming hat zwischen 1953 und 1966 insgesamt 12 Romane und zwei Kurzgeschichten geschrieben, in denen James Bond die Hauptrolle spielt. Der fiktive Agent des britischen Auslandsgeheimdienst MI6 wurde ganz wesentlich von Flemings Erinnerung an seine eigene Zeit beim Marinegeheimdienst während des 2. Weltkrieges inspiriert.
Lange bevor Fleming als Autor weltberühmt wurde, verbrachte er im Sommer 1926 drei Monate am Tennerhof – gefolgt von einem knapp sechsmonatigen Aufenthalt von Herbst 1927 bis Frühling 1928. Er war damals 18. bzw. 19 Jahre alt. Der Grund, warum es den aus einer wohlhabenden Familie stammenden Fleming in der Zwischenkriegszeit ausgerechnet nach Kitzbühel verschlagen hatte, war seine unglückliche Jugend.

Der 1908 geborene Fleming hatte seinen Vater Valentine 1917 im 1. Weltkrieg verloren. Als Teenager stand er im Schatten seines erfolgreichen Bruders Peter, während ihm selbst nichts gelang. Weder am Eliteinternat Eton noch an der Militärakademie Sandhurst konnte sich Fleming halten. Eine Prüfung sollte über die Aufnahme ins britische Außenministerium entscheiden. Um dafür die Sprachkenntnisse zu schärfen, traf Flemings dominante Mutter die Entscheidung, das „schwarze Schaf“ in eine besondere Bildungseinrichtung zu schicken: Eine englische Privatschule, die erst im Winter 1924 ihre Pforten in Kitzbühel geöffnet hatte.

Diese „Tennerhofschule“ war zunächst für drei Monate in der Villa Waldschütz unterhalb des Hahnenkamms untergebracht. Relativ bald entschieden sich die Gründer und Betreiber aber für den größeren Tennerhof auf der gegenüberliegenden Südseite von Kitzbühel. Die Schule sollte bis Juni 1929 Bestand haben. Dann wurde das Gebäude in der zweiten Jahreshälfte 1929 von Charlotte Schmidt – nach ihrer Verehelichung Pasquali di Compostellato – erworben und in eine Pension und später zum heutigen Luxushotel umgewandelt.

Der Spion und die Literatin
Die Tennerhofschule war das gemeinsame Projekt eines außergewöhnlichen Paars: Er war Spion, sie Literatin. Die Rede ist von Ernan Forbes Dennis (1884-1972) und Phyllis Bottome (1882-1963). Als Enkel eines schottischen Generals, hatte Ernan im Auslandsgeheimdienst Secret Intelligence Service (SIS, besser bekannt als MI6) Karriere gemacht. Phyllis wiederum hatte es als Autodidaktin zur renommierten Autorin gebracht.
Als sie 1963 im Alter von 79 Jahren starb, würdigte ein Nachruf in der New York Times ihr umfangreiches Werk: „Miss Bottome, die bereits als Teenager ihr erstes Buch schrieb, war eine äußerst produktive Schriftstellerin. Sie verfasste 34 Romane, darunter die beiden gefeierten und erfolgreichen Verfilmungen ‚Private Worlds‘ und ‚The Mortal Storm‘. Darüber hinaus veröffentlichte sie sechs Kurzgeschichtensammlungen und eine Biografie über [Alfed] Adler, den Begründer einer der drei wichtigsten frühen Schulen der Psychoanalyse.“
Phyllis litt an Tuberkulose, weshalb sie ab ihrem 20. Lebensjahr mehrere Winter in Lungenheilanstalten wie Davos und St. Moritz verbrachte. Dort lernt sie 1904 ihren späteren Ehemann Ernan kennen, den sie 1917 in Paris ehelichte. Kurz nach Ende des 1. Weltkriegs wurde Ernan Stationsleiter in Wien, wo der MI6 einen seiner wichtigsten Stützpunkte in Europa betrieb. Zwecks Tarnung waren Ernans Mitarbeiter mit Pass- und Visaangelegenheiten betraut.

Es gibt keine Belege dafür, dass Phyllis auch als Spionin tätig war, aber sie wusste um die Rolle Ernans. Infolge der Wirren nach Kriegsende hatte dieser keine leichte Aufgabe vor sich, wie Phyllis in ihrer Biografie schrieb: „Das Büro war immer noch sehr unterbesetzt; aber schließlich gelang es meinem Mann, Alymer Macartney als seinen Assistenten, den Passbeamten, zu gewinnen, der sich gründliche Deutschkenntnisse und ein außergewöhnliches Verständnis für die angespannte Atmosphäre sowohl in Mitteleuropa als auch auf dem Balkan aneignete. Alymer wurde bald ein enger Freund von uns und bereicherte das Büro, indem er als unsere zweite Sekretärin eine ehemalige Helferin von ihm aus Prag vorschlug, Miss Margery Bates, die für ihre geschickte und verantwortungsvolle Spionageabwehrarbeit in der Schweiz als Sergeant-Major Bill bekannt war.“
Phyllis und Ernan wohnten zunächst in einem Hinterhof der Barnabitengasse und dann in unmittelbarer Nähe der Votivkirche. So sehr vor allem Phyllis die Zeit in Wien schätzte, ihre Gesundheit blieb angegriffen. Deshalb begab sich das Paar zunächst im Oktober 1923 in das durch die Höhenlage geeignete Mösern bei Telfs und anschließend nach Kitzbühel.
Ernan fungierte weiterhin als Vizekonsul in Tirol. Aufgrund seiner Kontakte zum britischen Außenministerium und weil ein Diplom als Deutschlehrer von der Universität London hatte, war es naheliegend eine Sprachschule zu eröffnen. Diese baute Nachwuchs für den diplomatischen Dienst auf. Und selbstverständlich unterhielt Ernan weiter Verbindung zum Geheimdienst und war so in der Lage, Schüler zu empfehlen, die er für geeignet hielt.
Wie bereits erwähnt startete das Schulprojekt 1924/25. Damals war Kitzbühel bereits ein internationaler Wintersportort. Gleichzeitig stellte der Arlberg-Express die notwendige Anbindung für die betuchte Kundschaft sicher.
Phyllis nannte die Tennerhofschule rückblickend ein „Lebensexperiment“: „Die Villa Tennerhof lag in einem Apfelgarten an den unteren Hängen des Kitzbüheler Horns und sollte für die nächsten drei Jahre unser Zuhause sein. Es ist schwierig, im Rückblick auf einen so langen Zeitraum zu sagen, ob unser Lebensexperiment ein Erfolg oder ein Misserfolg war. Diese vier Jahre in Kitzbühel haben sich tief in unser Leben und in das Leben anderer eingebrannt.“

„Keiner von uns glaubte an autoritäre Behandlung“
Die Tennerhofschule verstand sich als Bildungsanstalt für männliche Jugendliche der englischen Oberschicht. Der Lehrplan beinhaltete vor allem Sprachen und Literatur (Deutsch, Französisch, Russisch) sowie persönlichkeitsbildende Elemente (Sport und Musik). Das pädagogische Konzept dahinter war ausgesprochen fortschrittlich und integrierte Ideen der Individualpsychologie von Alfred Adler, dessen offizielle Biografin Phyllis werden sollte. Sie selbst stellte den Alltag in der Tennerhofschule so dar:
„Keiner von uns glaubte an autoritäre Behandlung. Wir stellten keine festgelegten Regeln auf, aber es war selbstverständlich, dass die Jungen pünktlich zu den Mahlzeiten erscheinen sollten, und da sie immer wie Gäste behandelt wurden, verhielten sie sich auch wie Gäste. Sie arbeiteten vom Frühstück bis zum Mittagessen und verbrachten die Zeit zwischen Mittagessen und einem späten Tee im Freien mit aktiven Sportarten. Nach dem Tee bereiteten sie bis zum Abendessen vor, was sie für den nächsten Tag brauchten. Jeder von ihnen hatte sein eigenes Zimmer, und zwischen den Mahlzeiten war der große Speisesaal das Wohnzimmer der Jungen. Hier hatten sie einen großen Tisch für Tischtennis und ihr Grammophon. Diejenigen, die diese Vorliebe nicht teilten, arbeiteten ungestört in ihren eigenen Zimmern. Aber meistens kamen sie nach dem Abendessen in mein Arbeitszimmer und spielten bis zum Schlafengehen Karten.“
Passend zum kommunalen Charakter lebte das Ehepaar unter den Schülern: „Wir hatten uns entschieden, als Familie zusammenzuleben und entflohen so den Vor- und Nachteilen in Wirklichkeit eine zu sein. Für mich waren die Jungen ein ständiges Interesse. Ich war so erzogen worden, dass ich meine Hauptaufgabe und meinen Platz in unserer sechsköpfigen Familie darin sah, meinen jüngeren Bruder zu unterhalten und mich um ihn zu kümmern. Nun hatte ich mehrere jüngere Brüder zu unterhalten. Wenn ich sie unterhalten konnte, tat ich es, und ich glaube, ich war in dieser Hinsicht so etwas wie eine Expertin. Später erkannte ich jedoch, dass ich meinem Mann bei der Idee, eine Schule zu leiten, eher im Weg, stand als half. Als Haushälterin hatte ich Glück, war aber nicht besonders geschickt. Ich hatte erstklassiges Material in den Bäuerinnen, die für uns arbeiteten; und alle österreichischen Frauen haben eine Veranlagung zum Kochen.“
Mitunter gab es brenzlige Situationen mit den Jungen: „Wenn sie krank waren, pflegte ich sie, da es in Kitzbühel keine ausgebildete Krankenschwester gab; unser Arzt war zwar ein guter Knocheneinrichter, aber kein Experte in der Medizin. Einmal, als ein Junge mit einem tuberkulösen Knie hohes Fieber hatte, bestand der Arzt darauf, dass das Bein sofort amputiert werden müsse, noch bevor die Zustimmung seiner verwitweten Mutter in England eingeholt werden konnte. Da wir keine andere Meinung einholen konnten, mussten wir uns auf unser eigenes Urteil verlassen und bestanden auf einer 24-stündigen Verzögerung, während wir versuchten, das Fieber des Jungen zu senken. Dies gelang uns, indem wir ihn 24 Stunden lang mit Eiswasser badeten. Daraufhin willigte der Arzt ein, die Amputation zu verschieben, die sich als völlig unnötig erwies; der Junge konnte sogar im nächsten Krieg zur Armee gehen.“
Ernan und Phyllis blieben vielen ihrer Schüler freundschaftlich verbunden. Im Jahr 1962 schrieb Phyllis: „Bis auf zwei leben alle noch, daher fühle ich mich nicht befugt, ihre Namen oder ihre Taten zu erwähnen. Fünf von ihnen wurden Berufsschriftsteller; mindestens zwei von ihnen sind berühmt. Ich bin froh zu denken, dass sie alle in ihren gewählten Bereichen erfolgreich waren; und dass alle geheiratet haben und die meisten von ihnen Familien gegründet haben. Ich verdanke dem Leben viel, aber die Schuld gegenüber unserem Leben in Tirol und allem, was es brachte und nahm, ist eine der größten. Diese vier Jahre, die ich in täglichem und lebhaftem Austausch mit jungen Menschen verbrachte, haben mir die Moderne auf eine Weise nahegebracht, wie es nichts anderes hätte tun können.“

„Leidenschaftlicher Liebhaber der Tiroler“
Mit den „berühmten“ Schülern gemeint waren die Schriftsteller Ralph Arnold und eben Ian Fleming. Für letzteren war Kitzbühel eine prägende Erfahrung. In der Tennerhofschule hatte er eine europäische Bildung vermittelt bekommen, vor allem aber fand er Orientierung und konnte so seine Energie besser kanalisieren. „Kitzbühel war in gewisser Weise Teil seiner Welt, denn abgesehen von allem anderen vereinfachte es sein Leben“, erinnerte sich Ernan, der für Fleming ein Ersatzvater gewesen war. Dazwischen war viel passiert. Denn zunächst wirkte Fleming auf Ernan „sehr arrogant, sehr Etonianisch, sehr leicht reizbar… Es war fast unmöglich, durch seine Abwehr zu durchbrechen.“

Monate später war Fleming wie ausgewechselt. Der junge Mann war nicht mehr mit dem melancholischen Einzelgänger zu vergleichen, der England 1927 in Ungnade verlassen hatte. „Für alle, die ihn kannten, war er in Kitzbühel genau das Gegenteil – fröhlich, unbeschwert, überaus glücklich, ein Mensch voller Lebendigkeit und Ausstrahlung. Überhaupt nicht wie ein Engländer.“ So erinnerte sich die gebürtige Deutsche Lisi Jokl an Fleming. Sie war eine der wenigen lokalen Bekanntschaften, die ihm ein Leben lang verbunden blieb und dafür im Testament mit 500 Pfund bedacht wurde.
Fleming selbst bezeichnete sich als „leidenschaftlichen Liebhaber der Tiroler“: „Ich bin seit jener frühen Zeit unzählige Male nach Tirol zurückgekehrt, und ich fühle mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass sie meine Lieblingsmenschen auf der ganzen Welt sind.“ Hier mischen sich aber auch ambivalente Aspekte hinein. Phyllis Biographin Pam Hirsch zufolge soll Fleming eines der Hausmädchen am Tennerhof geschwängert haben. Belegen lässt sich das nicht. Es kam aber zu einer schwerwiegenden Konfrontation mit Phyllis und Ernan, in deren Verlauf ein Verweis im Raum stand. Fleming soll dann unter Tränen um Verzeihung gebeten haben, woraufhin ihm der weitere Aufenthalt gestattet wurde.
Fleming findet zum Schreiben
Das machte sich bezahlt. Denn Fleming fand in der Tennerhof-Schule durch viel Ermutigung zum Schreiben. An den Texten wurden dann beim Abendessen in gemeinsamen Runden weiter gefeilt. Flemings Erstling war die (unveröffentlichte) Kurzgeschichte Death, on Two Occasions (1927), die er speziell für Phyllis verfasste. Die Handlung nahm Bezug auf reale Ereignisse, die sich rund um das Kitzbühler Schloss Lebenberg im Jahr 1927 abgespielt hatten. Damals war die Besitzerin Paula von Lamberg bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Den Wagen gesteuert hatte ihr Kurzzeitgatte, Graf Franz Schlik, der dadurch zum Alleinerben der Liegenschaften wurde, was die Gerüchteküche entsprechend anheizte.
Fleming ließ sich davon für seinen Text inspirieren. Dieser enthält bereits Stil- und Spannungselemente, die auch Flemings späteren James Bond-Stoff auszeichnen, wie der Kitzbüheler Literaturexperte Karl Prieler festhält: „Der sadistische Graf treibt auf dem Schloss sein Unwesen. Er macht Jagd auf Menschen, die er dort quält, foltert und ermordet. Sein letztes Opfer ist eine noch jugendliche Jungfrau. Er bemerkt nicht, dass diese an Lepra leidet und wird seinerseits von der grausamen Krankheit angesteckt. Die Geschichte endet damit, dass der Graf im Endstadium der Seuche, geplagt von unerträglichen Schmerzen, langsam dem Tod entgegenvegetiert.“
1929 wieder zurück in England, wurde zunächst einmal nichts aus Flemings angepeilter Karriere im diplomatischen Dienst. Aber er startete anderswertig durch – zunächst als Journalist und dann ab 1939 als engster Mitarbeiter des Leiters des Marinenachrichtendiensts, Admiral John Godfrey. Bis Kriegsende leistete Fleming einen unschätzbaren Beitrag dazu, dass die Alliierten siegreich blieben.
Das große emotionale Loch, in das er danach stürzte, zu füllen, dauerte lange. 25 Jahre nachdem Fleming in der Tennerhofschule mit Fiktion experimentiert hatte, wechselte er ganz ins literarische Fach: Auf seinem Landsitz Goldeneye auf Jamika tippte er am 15. Februar 1952 die ersten Sätze einer Geschichte, die zum ersten James Bond-Roman Casino Royale werden sollte. Auf diese Weise lenkte er sich von seiner Nervosität angesichts der bevorstehenden Hochzeit mit Ann O’Neill ab, die bereits mit dem gemeinsamen Sohn Caspar schwanger war. So begann einer der größten Erfolge der Literaturgeschichte. Flemings Romane sollten sich weltweit über 100 Millionen Mal verkaufen. Für ihn bedeutete das aber auch, von nun an im Schatten der eigenen Kreation zu stehen.

Bemerkenswerterweise hatte Flemings Mentorin Phyllis schon im Jahr 1946 einen eigenen Spionageroman veröffentlicht, der bereits viel vorwegnahm. Die Hauptfigur von The Lifeline ist der 36jährige schwarzhaarige Mark Chalmers, der tief hinter feindlichen Linien in Nazideutschland operiert. Darüber hinaus ist er Bergsportler, ein Kenner von gutem Essen und Wein und hat Erfolg bei den Frauen. Auch finden sich die dieselben ausführlichen Schilderungen körperlicher Folter, die Fleming sowohl in Death, on Two Occasions als auch in seinen späteren Romanen einwebte.
Die Parallelen zu James Bond sind so offensichtlich, dass schon debattiert wurde, ob nicht in Wirklichkeit Phyllis den Superagenten erfunden habe. So ist bekannt, dass Fleming von Bottome ein Exemplar von The Lifeline geschenkt bekam, als sie 1947 auf Jamaika besuchte. Der Geheimdiensthistoriker Nigel West ist überzeugt: „Phyllis Bottome schrieb über Ian Fleming, als sie Mark Chalmers schuf. Und es ist klar, dass Ian Fleming Mark Chalmers als das Vorbild für 007 heranzog – er eignete sich sich selbst wieder an.“ Für die Phyllis-Expertin Hirsch war es weniger kompliziert: Wenn dann sei der „Schriftsteller Ian Fleming“ quasi eine Schöpfung seiner Lehrerin Phyllis gewesen.
Die Agentenzentrale in den Alpen
Nach Kitzbühel war Fleming immer wieder gerne zurückgekehrt. Zwischen 1935 und 1939 war er vor allem während der Sommermonate regelmäßig da. Bei einem dieser Aufenthalte begegnete er dem britischen Aristokraten und Geheimagenten Conrad O’Brien-ffrench, der von Kitzbühel aus ein Informantennetzwerk führte. Der weltgewandte und athletische O’Brien-ffrench gilt nicht umsonst als eines der Vorbilder für James Bond. Er hatte sich 1932/1933 als Inhaber einer Reiseagentur für englischsprachige Touristen in Kitzbühel niedergelassen. Tyrolean Tourswar allerdings nur eine Fassade für O’Brien-ffrenchs Aufklärungsmissionen, die sich bis in den süddeutschen Raum und nach Italien erstreckten. Der deutsche Einmarsch in Österreich (1938), dessen erste Anzeichen O’Brien-ffrench noch rückgemeldet hatte, zwang ihn schließlich zur Flucht.

Kitzbühel sei damals überhaupt eine „Agentenzentrale in den Alpen“ gewesen, so der deutsche Historiker Ulrich Lehner. Die Gründe dafür waren mannigfaltig. Zunächst einmal war Kitzbühel überschaubar: „Während sich in Wien die Beobachtung einer Zielpersonen angesichts zahlloser Nachtklubs und regem Verkehrsaufkommen schwierig gestaltete, konnte man jemand in Kitzbühel problemlos überwachen und ihm sogar zu Fuß in die wenigen Lokale folgen. Außerdem war die Atmosphäre dort eine ganz andere. Alle Welt kam schließlich zum Urlaub nach Kitzbühel. […] Und niemand ahnte, dass der Geheimdienst sich ein so paradiesisch verschlafenes Städtchen, in dem jeder jeden zumindest vom Sehen her kannte, als Stützpunkt auserkoren hatte.“

Einmal besuchte selbst der spätere Direktor von MI5 und MI6, Dick White, Kitzbühel. Und innerhalb der Reihen von MI6 waren einige passionierte Wintersportler wie Peter Lunn, der bei den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen den 12. Platz in der Kombination belegte – oder Nicholas Elliott, der 1963 seinen Freund und Kollegen Kim Philby in Beirut damit konfrontierte, dass er als Verräter entlarvt worden war.
„Ich liebe diesen Ort“
Das Geheimdient-Flair von Kitzbühel fand Eingang in Flemings James Bond-Romanwelt. Er erwähnte seinen Sehnsuchtsort sowohl in der posthum veröffentlichten Kurzgeschichte Octopussy (1966) als auch im Roman On her Majesty‘s Secret Service (1963): Darin schlägt Bond seiner kürzlich Angetrauten vor, die Flitterwochen in Kitzbühel zu verbringen: „I love that place.“

Nicht nur an dieser Stelle sprach Fleming durch seine Romanfigur. 1958 machte er wieder in Kitzbühel Station, dieses Mal für Sommerferien mit Ann und Caspar. Zum letzten Aufenthalt kam es fünf Jahre später. Der Anlass war ein tragischer. Phyllis war am 22. August 1963 verstorben. Der trauernde Ernan zog sich darauf für neun Monate nach Kitzbühel zurück. Zwischendurch kam Fleming vorbei, um seinem väterlichen Freund etwas Trost zu spenden. Zu diesem Zeitpunkt war seine eigene Gesundheit durch eine Herzerkrankung bereits stark angeschlagen.
Als Fleming gemeinsam seiner Muse Blanche Blackwell wie so oft auf das Kitzbühler Horn steigen wollte, musste er schließlich die Seilbahn nehmen, während seine Begleiterin zu Fuß ging. Oben trafen sie sich zum Mittagessen: „Und dann gingen wir zu Fuß hinunter – bergab konnte er gehen, bergauf jedoch nicht –, und als wir ganz unten ankamen, sagte er: ‚Nun, das ist die letzte Wanderung, die ich jemals, wirklich jemals unternehmen werde.‘“

Wenige Monate später, am 12. August 1964, verstarb Fleming im Alter von 56 Jahren. Er hatte gerade noch miterlebt, wie die ersten beiden Verfilmungen seiner Romanen einen popkulturellen Mythos begründeten, der bis heute unvermindert anhält. Aber ohne die Zeit in der Tennerhofschule wäre es wohl nie dazu gekommen.
Literatur
Phyllis Bottome, The Goal, London 1962.
Karl Prieler, Im Schatten von Tourismus und Sport. Literaturstadt Kitzbühel, Innsbruck 2021.
Ders., Kitzbühel Lesebuch, Kufstein 2023.
Nicholas Shakespeare, Ian Fleming: The Complete Man, London 2024.
Ulrich Lehner, Spion für Papst, Kaiser und British Empire: Das geheimnisvolle Leben des Rudolf von Gerlach, Freiburg im Breisgau 2025.
Jake Kerridge, Meet Phyllis Bottome – the unlikely inspiration for James Bond, in: The Telegraph, 11.4.2023.