Als ein wahrer James Bond in Kitzbühel wedelte

Gleich ob Graham Greene, John le Carré oder Ian Fleming: Österreich spielte eine wichtige Rolle beim Zustandekommen von Klassikern der Spionage-Literatur. Greene hatte für „Der dritte Mann“ 1948 zweimal in Wien recherchiert, le Carré wiederum war 1951 für den britischen Armeegeheimdienst in Graz tätig. Am intensivsten und prägendsten war die Zeit in Österreich aber für Fleming, den Schöpfer von James Bond.

Knapp neun Monate war er im Alter von 18 bzw. 19 in Kitzbühel. Grund für die zwei Aufenthalte im Sommer 1926 und im Winter 1927/28 war der Besuch einer kleinen, elitären Privatschule. Die Mutter hatte das veranlasst, nachdem Ian sowohl am Internat Eton als auch an der Militärakademie Sandhurst gescheitert war. Der junge Fleming litt damals unter dem Erfolg seines älteren Bruders Peter, dem alles zu gelingen schien, während es ihm selbst an Halt und Orientierung fehlte. Insofern war die Zeit in den Tiroler Bergen die „letzte Chance“, sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Und es gelang.

Im heutigen Hotel Tennerhof betrieben der schottische Diplomat Ernan Forbes Dennis und dessen Frau, die Schriftstellerin Phyllis Bottome, von 1924 bis 1929 eine Schule der besonderen Art – und zwar für rund 20 Jugendliche, hauptsächlich Briten und Amerikaner, die Deutsch und Französisch lernen wollten. Dennis und Bottome lehnten autoritäre Erziehung ab und gaben keine Regeln vor. Allerdings wurde erwartet, dass die Schüler pünktlich zu den Mahlzeiten kamen.

In diesem familienähnlichen Umfeld konnte sich Fleming entfalten. Stets auf der Suche nach dem Adrenalinkick rammte einmal ein Zug sein Auto, ein anderes Mal wurde er auf einer gesperrten Skipiste von einer Lawine begraben. Besonders schätzte Fleming die Tour auf das Kitzbüheler Horn. Nach dem Abstieg zum Haus St. Franziskus bestellte er sich Kaffee und Rührei, laut Fleming die „einzigen zwei Dinge auf der ganzen Welt, die dich nie im Stich lassen“.

Später blickte Fleming auf die Zeit in Kitzbühel nostalgisch zurück: Für ihn war es die „goldene Zeit, wo immer die Sonne schien“. Speziell für die Tiroler Bevölkerung hatte er viel übrig und zog sie der „spröden“ und „gekünstelten Fröhlichkeit der Wiener“ vor. Ein anderes Mal vergleich er die Tirolerinnen und Tiroler romantisch verklärt mit schottischen Hochländern.

Flemings Karriere ging wechselvoll weiter: Nach Zwischenstationen als Journalist und Börsenmakler wurde er im 2. Weltkrieg wichtigster Mitarbeiter des Leiters des Marine-Nachrichtendiensts. Flemings Aufgabe war es, sich Szenarien auszudenken, wie man Nazi-Deutschland schwächen konnte. Unter anderem wälzte er den Plan, die Donau durch Abwurf von Betonhindernissen an der schmalsten Stelle unpassierbar zu machen. Er hatte auch eine eigene Kommandoeinheit unter sich, die Überfälle an der besetzten französischen Küste durchführte, um deutsche Dokumente zu erbeuten. Besonders abgesehen hatte es Fleming auf Codebücher der Chiffriermaschine Enigma.

Nach Kriegsende ließ sich Fleming dann auf Jamaica nieder und verlegte sich auf das Schreiben. 1952 kam der erste James Bond-Roman heraus und bis zu Flemings Tod 1964 sollten es zwölf Bände sein. Anders als der Superagent in den Verfilmungen ist der literarische James Bond kein Übermensch. Zu diesem Realismus trug auch bei, dass Fleming phantastische Elementen mit seinen Erfahrungen mixte. Und so hat auch die Zeit in Kitzbühel Spuren im James Bond-Stoff hinterlassen.

Diese Parallelen beginnen bei Flemings Tutoren: Ernan Forbes Dennis war 1920 bis 1923 Leiter der Passkontrolle in der britischen Botschaft in Wien gewesen – eine Tarnung für seine Tätigkeit für den Secret Intelligence Service (SIS), besser bekannt als MI6. Zu den Mitarbeitern zählten auch eine Miss Margery Bates, die wegen ihrer resoluten Spionageabwehrarbeit in der Schweiz auch als „Sergeant-Major Bill“ bekannt war.

Bottome wiederum schrieb 1946 selbst einen Spionageroman. „The Lifeline“ drehte sich um einen 36jährigen britischen Agenten names Mark Chalmers, einen Amateur-Bergsteiger und Eton-Absolventen. Flemings Bond hatte dasselbe Alter und den gleichen Lieblingssport.

In Kitzbühel traf Fleming auch ein mögliches Vorbild für seine Romanfigur, einen waschechten Spion. Dieser Conrad O‘Brien-ffrench, der zweite Sohn des Marquis de Castelthomond und Weltkriegsveteran, war 1933 nach Wien gekommen, um sein Tourismus-Unternehmen „Tyrolese Tours“ auf die Beine zu stellen. Mit seiner damaligen Frau Maud wohnte in einer kleinen Pension nicht weit vom Rathaus. „Wien war voller Spione und Intrigen und Täuschung“, schrieb O‘Brien-ffrench später in seinen Memoiren.

Conrad O‘Brien-ffrench in Kitzbühel (Credit: https://www.facebook.com/OBrienffrench/)

Er richtete sich schließlich in Kitzbühel ein. Der Wechselkurs so vorteilhaft, dass O‘Brien-ffrench einen zweiwöchigen Trip London-Tirol um 14 Pfund, 14 Shillings (etwas mehr als 800 Euro) anbieten konnte. Neben Wintersport bot er den Gästen Sightseeing im Raum Innsbruck-Salzburg sowie in Südbayern. Unter anderem stand Berchtesgaden auf dem Programm, wo damals Adolf Hitler auf dem Berghof residierte.

Das war kein Zufall. Denn hinter „Tyrolese Tours“ steckte in Wirklichkeit ein Spionagenetz, das sechs Jahre lang aktiv war und sich auf die Aktivitäten des 3. Reichs im Alpenraum konzentrierte. O‘Brien-ffrench war Agent „Z3“ der „Organisation Z“, eines privaten Spionageunternehmens, das dem klammen SIS in der Zwischenkriegszeit zur Seite ging. Vom Hauptquartier im Londoner Bush House aus, schickte Spymaster Claude Dansey seine oft als Geschäftsleute getarnten Agenten nach Italien, Deutschland, in die Schweiz und in den Alpenraum.

O’Brien-ffrench, alias Agent Z3, baute mit der Zeit ein effektives Informationsnetzwerk auf. Sein wichtigster Tippgeber war Rudolf von Gerlach, einst engster Mitarbeiter von Papst Benedikt XV. Weitere „sub-agents“ konzentrierten sich auf Truppenbewegungen, militärische Einrichtungen und Entwicklungen auf dem Gebiet der Elektronik.

Der Aufstieg des Nationalsozialismus führte dazu, dass es immer leichter wurde, NS-Gegner als Informanten im österreichisch-deutschen Grenzgebiet zu finden. Diese schrieben oder meldeten sich per Telefon, wenn es interessante Neuigkeiten gab. Nach außen hin gab O‘Brien-ffrench den Playboy auf der Suche nach Vergnügen und Herausforderungen beim Wintersport und Bergsteigen.

1935 machte O‘Brien-ffrench im Café des Hotel Tiefenbrunner Bekanntschaft mit Fleming, der wieder einmal auf Besuch in Kitzbühel war. Die beiden verstanden sich gut. O‘Brien-ffrench erkannte in Fleming gar eine „krassere und aufbrausendere“ Ausgabe von sich selbst. Das führte dazu, dass er sich mehr öffnete, als es ratsam gewesen wäre. Denn Fleming soll O‘Brien-ffrench’s Frau leichtsinnigerweise einem Deutschen namens Markwert vorgestellt haben, dem nachgesagt wurde, für die Gestapo zu spionieren. Dieser Markwert führte Maud dann zum Abendessen aus und fragte direkt, ob O‘Brien-ffrench für den SIS arbeite. Maud kicherte nervös und antwortete: „Conrad, ein Geheimagent? Oh nein, dafür ist er viel zu dumm.“

O‘Brien-ffrench sah sich selbst als den Dummen. Für sein „Hitler-watching“ habe er so wenig bezahlt bekommen wie ein Fensterputzer. Immer wenn er seinen Dansey im London traf, führte der kleinliche Debatten über die Reiseausgaben, weil das Budget so schmal war.

Als dann am 12. März 1938 die deutschen Truppen in Österreich einmarschierten, war O-Brien-ffrench laut eigener Angabe von einer österreichischen Quelle zwei Tage vorher gewarnt worden, dass sich zwei Kolonnen von Bad Tölz auf Rosenheim bewegten. Weil er die Botschaft unpünktlich erhielt, konnte Brien-ffrench erst am 11. März 1938 vormittags London warnen. Angeblich war es die erste diesbezügliche Information.

Weil es so wichtig gewesen war, hatte O-Brien-ffrench für den Anruf die lokale Telefonvermittlung benutzt und es dauerte eine Stunde, bis er durchkam. Für die Gestapo, die ihre Agenten bereits in die österreichischen Kommunikationsnetze eingeschleust hatte, war es daher einfach, dem Briten auf die Spur zu kommen. O-Brien-ffrench floh in einer viereinhalbstündigen Fahrt an die Schweizer Grenze und soll es gerade noch geschafft haben, den Posten zu passieren. Hinter ihm sollen bereits „Halt, Halt!“-Rufe und einige Gewehrschüsse zu hören gewesen sein.

Kitzbühel hat aber auch selbst Eingang in Flemings Werk gefunden. In „On Her Majesty’s Secret Service“ (1963) ist es der Ort, an dem Bond und seine Frau Tracy ihre Flitterwochen verbringen wollen. Doch am Weg dorthin fällt Tracy einem heimtückischen Angriff zum Opfer. Das ist eine Anspielung an einen tragischen Verlust Flemings: Das Fotomodel Muriel Wright, das er 1935 in Kitzbühel getroffen hatte, war 1944 einem deutschen Raketenangriff auf London zum Opfer gefallen.

In der Kurzgeschichte „Octopussy“ (1966) ist Kitzbühel anfangs der Schauplatz. Es geht um den korrupten britischen Major Dexter Smythe, der kurz nach 1945 am Wilden Kaiser nach Nazi-Gold sucht. Nachdem er es gefunden hat, tötet Smythe den einzigen Mitwisser, seinen Bergführer Hannes Oberhauser. 15 Jahre später wird der Mörder von Bond gestellt. Letzterer hat ein persönliches Interesse, den Fall zu lösen: Oberhauser sei sowohl Skilehrer als auch Vaterersatz für ihn gewesen. Als kleine Hommage trug Christoph Waltz als Bösewicht im letzten Bond -Film „Spectre“ den Namen Oberhauser.

Welchen Wert die bergkundigen Einheimischen im realen Kalten Krieg darstellten, das wiederum belegen CIA-Unterlagen. Als der US-Geheimdienst ein Widerstandnetz die Rote Armee einrichtete, wollte man 1954/55 in Kitzbühel den ehemaligen Militärarzt Hans T. rekrutieren. Für ihn sprach, dass er ein erfahrenerer Bergsteiger und Skifahrer war. Aber letztlich ließ die CIA von T. ab – weil der sich Sorgen um die Sicherheit seiner Familie machte. Nicht alles in der Welt der Spionage ist romantauglich.

HINWEIS: Gekürzte Version ist am 26. September 2021 in Die Presse am Sonntag erschienen.