Der Wiener Spionagezirkel: Kim Philby, österreichische Emigranten und der sowjetische Geheimdienst

„Wir haben nicht viel erreicht, um den Lauf der Geschichte zu verändern, oder?“ Zu diesem bitteren Schluss kommen zwei gealterte Spione in Silverview, einem Romanfragment des britischen Schriftstellers John Le Carré. Tatsächlich haben Geheimdienste selten entscheidenden Einfluss auf den Gang weltpolitischer Ereignisse ausgeübt. Es gibt aber auch Beispiele für das Gegenteil. So spielten österreichische Emigrantinnen und Emigranten in den 1930er- und 1940er-Jahren eine große Rolle in der Geschichte der Spionage: Engelbert Broda, Arnold Deutsch, Alice („Litzi“) Friedmann, Edith Tudor-Hart (geborene Suschitzy) und Peter Smolka leisteten dem sowjetischen Geheimdienst und der Kommunistischen Internationalen (Komintern) in verschiedenen Rollen Unterstützung. Rückblickend kann man von einem Wiener Spionagezirkel sprechen, dessen Geschichte nun erstmals zusammenhängend in einer Publikation erzählt wird.

Speziell Arnold Deutsch gilt bis heute als einer der größten Agentenführer aller Zeiten. Unter dem Decknamen „Otto“ rekrutierte er in London 1934–1937 insgesamt 20 Agenten. Der wichtigste war Kim Philby, der zum prominentesten Doppelspion des Kalten Krieges wurde. Er infiltrierte den britischen Auslandsgeheimdienst Secret Intelligence Service (SIS, besser bekannt als MI6) und wurde erst 1963 endgültig enttarnt.

Philbys Anwerbung geschah auf Empfehlung von Edith Tudor-Hart, die mit Engelbert Broda auch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter am anglo-amerikanischen Atomwaffenprojekt für den sowjetischen Geheimdienst gewann. Der Bruder des langjährigen österreichischen Justizministers Christian Broda sollte nach der Rückkehr aus dem Exil 1945 einer der bedeutendsten Physiker des Landes und erst Jahrzehnte nach seinem Tod im Jahr 1983 enttarnt werden.

Philby wiederum hatte sich während eines Wien-Aufenthalts 1933/34 zum ersten Mal für die kommunistische Sache begeistert. Ausschlaggebend war seine Liebesbeziehung mit der Aktivistin Alice „Litzi“ Friedmann und die Tatsache, dass sie beide die Februarkämpfe 1934 durchlebten. Auch wenn Philby nicht schon in Wien rekrutiert wurde, „trug die ‚österreichische Verbindung‘ doch entscheidend dazu bei, dass er mit dem sowjetischen Geheimdienst in Kontakt kam“.  Von Philby bekam Deutsch eine Liste mit weiteren passenden Kandidaten. Darunter waren Donald Maclean, Antony Blunt und Guy Burgess. Gemeinsam mit Anthony Blunt und John Cairncross, bildeten sie den Agentenring der „Cambridge Five“.

Peter Smolka wiederum war nicht nur ein Bekannter von Friedmann, sondern wurde von Philby rekrutiert. Als Spezialist für „aktive Maßnahmen“, also Beeinflussungsstrategien, besetzte Smolka im Zweiten Weltkrieg eine führende Stelle im britischen Informationsministerium und trat in der Öffentlichkeit für die Allianz Großbritanniens mit der Sowjetunion ein. Nach seiner Rückkehr nach Wien war Smolka eine der wichtigsten Quellen von Graham Greene‘s Hintergrundrecherche für die Romanvorlage und das Drehbuch zu Der dritte Mann. In diesem Filmklassiker von 1949 spiegelte sich zudem Philbys Vergangenheit wider.

Die Erfahrung der Emigration verbindet diese Biografien. Broda, Deutsch, Friedmann, Tudor-Hart und Smolka waren bereits vor dem „Anschluss“ aus Österreich nach Großbritannien weggezogen, wo sie dann ihre Hauptwirkung entfalteten.

Während ihre mehrheitlich jüdische Identität für sie persönlich keine Rolle spielte, einte sie die absolute Hingabe an kommunistische Ideale und der Kampf für das Überleben der Sowjetunion im 2. Weltkrieg. Im Dienste dieser Sache gingen Beziehungen zu Bruch, engste Angehörige wurden vernachlässigt, es wurde die eigene Freizeit und Gesundheit für die Sache geopfert und man riskierte lange Haftstrafen oder gar den Tod. Gleichzeitig wurde die Realität des stalinistischen Systems konsequent ausgeblendet.

Westliche Geheimdienste lasen die Post, verwanzten die Telefone und observierten die Protagonistinnen und Protagonisten über lange Perioden intensiv. Das war im Ostblock genauso: Friedmann, die später in die DDR übersiedelte, war dort der Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ausgesetzt. Philby und den Cambridge Five wurde in Moskau nie wirklich vertraut – ebenso wenig wie Deutsch, dessen genaues Schicksal Rätsel aufgibt. Und allen war gemeinsam, dass Moskau ihr Engagement letztlich nie würdigte oder anerkannte.

Erst posthum verwandelte man Philby und Deutsch in sinnentleerte Heroen zur eigenen Imagepflege und zwecks Instrumentalisierung in der ideologischen Auseinandersetzung mit dem Westen. Der Anteil von Broda, Friedmann, Smolka und Tudor-Hart dagegen wurde dem Vergessen überlassen. Nur für einen kurzen Abschnitt nach der Wende 1989 wurden gegen viel Geld allenfalls Bruchstücke aus sowjetischen Archiven bekannt, die heute wieder fest unter Verschluss sind.

Während Philbys Geschichte durch zahllose Publikationen gut dokumentiert ist, wird die zentrale Bedeutung dieses Spionage-Rings von österreichischen Emigrantinnen und Emigranten noch immer wenig reflektiert.  Dabei war die Rekrutierung von Philby und in weiterer Folge der anderen Cambridge Five eine der erfolgreichsten Missionen in der gesamten Spionagegeschichte.

Deutlich wird aber auch, dass Wien bereits in den 1920er Jahren eine Spionagedrehscheibe war. Ein Akteur stach dabei besonders hervor. Schon Ende des 19. Jahrhunderts galt Wien als bevorzugtes Operationsgebiet der zaristischen Geheimdienste. Die Russische Revolution von 1917 sollte das Spionageaufkommen auf eine andere Ebene heben. Drei Jahre später wurde in Wien die geheime Telegrafenagentur Rosta eingerichtet, die täglich Bulletins für linke Zeitungen herausgab.

Die Zahl der sowjetischen Diplomaten galt als außergewöhnlich hoch. Verdächtig erschien außerdem, dass am Dach der Botschaft eine Funkantenne errichtet und diese mit einem Draht mit dem Turm der nahe gelegenen russisch-orthodoxen Kirche verbunden worden war. Hinter vorgehaltener Hand meinte der Wiener Polizeipräsident Johannes Schober, dass Wien zum Ausgangspunkt einer „höchst verderbliche[n]“ kommunistischen „Wühlarbeit“ geworden sei.  War doch die Stadt insgeheim auch Hauptquartier der Kommunistischen Balkanföderation, eines Zusammenschlusses von Exilkomitees, die in ihren Heimatländern subversive Aktivitäten anzettelten.

1925 bekam der österreichische Botschafter Albert Franckenstein im Londoner Außenministerium das „herrschende Unverständnis“ darüber zu spüren, dass Großbritannien selbst nur eine Handvoll „bolschewistischer Delegierter“ diplomatischen Status zuerkenne, während das kleine Österreich viel mehr „Moskauer Emissäre“ akzeptiere.

In einem Scotland-Yard-Bericht von 1926 wurde gar der Vorwurf erhoben, Österreich sei nicht vertrauenswürdig, wenn es um die „russische Aktivitäten“ auf seinem Territorium gehe.  Ein Beamter fügte ergänzende kommentierende Notizen hinzu:

Es sieht so aus, dass es eine Art von Übereinkunft zwischen den Österreichern und den Bolos [Bolschewiken] gibt, die darin besteht, dass es den Bolos erlaubt wird, Wien als Zentrum für die Arbeit außerhalb von Österreich zu benutzen. Das wirft einen Deckmantel über ihre Aktivitäten. Im Gegenzug garantieren die Bolos, Österreich in Ruhe zu lassen, […].“ 

Dass sich daran bis heute nicht viel geändert hat, wird abschließend herausgearbeitet. Im Ausblick auf die weitere Entwicklung Wiens im Zusammenhang mit zuletzt russischer Spionage werden die lang zurückreichende Kontinuitäten erkennbar – von der laxen Gesetzeslage bis hin zur relativ toleranten Haltung der Behörden.

Insgesamt schließt das Buch eine Lücke in der zeithistorischen Betrachtung und präsentiert neue Erkenntnisse aus österreichischen, britischen und deutschen Archiven.

Zu den ProtagonistInnen

Arnold Deutsch

Im Hauptquartier des russischen Auslandsgeheimdiensts SWR gibt es ein spezielles „Gedenkzimmer“. Dort wird an die „großen Illegalen“, die Helden des Dienstes in der Zwischenkriegszeit erinnert – von denen die Mehrzahl ausgerechnet den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fiel. Eines der Porträts, die dort an der Wand hängen, zeigt einen jungen, sympathischen Mann mit blondlockigem Haar: Arnold Deutsch. Seine Rolle wurde erst 1990 vom damaligen KGB öffentlich anerkannt, wenngleich wesentliche Teile seiner Biografie nach wie vor unter Verschluss sind.  Zwischen April 1934 und November 1937 agierte Deutsch als Schlüsselagent des sowjetischen Geheimdienstes in Großbritannien.

Alice „Litzi“ Friedmann

Rückblickend betrachtet war es eine schicksalhafte Begegnung und der vielleicht größte Beitrag, den Wien zur Spionagegeschichte geliefert hat: In Alsergrund, genauer gesagt in der Latschkagasse Nr. 9, Tür 13, war die Wohnung von Alice „Litzi“ Friedmann. Im Herbst 1933 läutete Harold Adrian Russell Philby, den seine Freunde „Kim“ nannten.

Zwischen Litzi und Kim funkte es sofort: „Er stotterte, manchmal mehr und manchmal weniger, und wie viele Menschen mit einem Handikap war er sehr charmant. Wir haben uns schnell ineinander verliebt“, erinnerte sich Litzi viele Jahre später.

Sie war 23 Jahre alt und bereits geschieden, Kim zwei Jahre jünger. Als am 12. Februar 1934 der viertägige Bürgerkrieg ausbrach, halfen beide mit, flüchtende Angehörige des Republikanischen Schutzbunds mit Geld, Essen und Kleidung zu versorgen und durch die Kanalisation zu evakuieren. Um Litzi zu schützen, heiratete sie Kim am 24. Februar 1934 im Wiener Rathaus. Wenig später reisten beide nach Großbritannien aus. Auf diese Weise geriet eine Ereigniskette in Gang, die die Geschichte des Kalten Krieges mitprägen sollte

Edith Tudor-Hart

Auch wenn das Leben von Edith Tudor-Hartvon persönlicher Tragik geprägt war, so wird ihr posthum viel Anerkennung zuteil. 1987 erwähnte sie der Ex-MI5-Agent Peter Wright in seinem einflussreichen Enthüllungsbuch Spycatcher zum ersten Mal in Zusammenhang mit Spionage. In den 1990er-Jahren folgten dann diverse Publikationen, die auch mit Auszügen aus KGB-Unterlagen aufwarten konnten. Der Spionage-Experte Nigel West platzierte 2022 unter anderem die Porträts von Tudor-Hart und Deutsch auf dem Cover seines Buchs Spies who have changed History. The Greatest Spies & Agents of the 20th Century. Und darüber hinaus wird Tudor-Hart auch als eine der ersten politischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts gewürdigt.

Engelbert Broda

Im Jänner 1943 trafen einander zwei Männer in einer Londoner U-Bahnstation: Der sowjetische Agent mit dem Decknamen „Glan“, der in Wirklichkeit Vladimir Barkovsky hieß und die Quelle „Eric“. Dieser war laut West einer der größten Spione des 20. Jahrhunderts. Denn „Eric“ leistete einen substanziellen Beitrag dazu, dass es der Sowjetunion gelang, nur vier Jahre nach den US-Atombombenabwürfen auf Japan selbst eine Atombombe zu zünden. Erst 2009 lüftete sich der Schleier, wer „Eric“ wirklich war: Engelbert Broda.

Peter Smolka

Der Journalist Smolka wurde im August 1941 Leiter der Russland-Sektion im britischen Informationsministerium. Diese Abteilung war nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion besonders wichtig geworden und beeilte sich, die Unterstützung in der Öffentlichkeit für die sowjetischen Kriegsanstrengungen zu mobilisieren. Der KGB-Überläufer Oleg Gordievsky wertete Smolkas Tätigkeit als einen der größten Coups in Sachen von Beeinflussungsoperationen („aktive Maßnahmen“) in der Geschichte des sowjetischen Geheimdiensts. 

Bestelllink: https://mediashop.at/buecher/der-wiener-spionagezirkel/

Interview zum Buch: https://cba.media/700747

Rezensionen:

Die Presse, 7.12.2024
Kleine Zeitung, 4.11.2024
Der Standard, 11.12.2024