Spionagestadt Wien: Mythos und Wahrheit

Anfang März 2026 erscheint mein neues Buch. Es gibt Aufschluss über die Bedeutung Wiens im Koordinatensystem der Geheimdienste und führt zu den wichtigsten Wiener Schauplätzen in Sachen Spionagegeschichte.

Wien geht der Ruf voraus, die „Hauptstadt der Spione“ zu sein. Das ist mittlerweile ein Tourismusfaktor. Zahlreiche „Spionagetouren“ durch die Stadt werden angeboten. Das Interesse konzentriert sich vor allem auf den in Wien gedrehten Filmklassiker Der dritte Mann (1949), der zum Synonym für Wiens als Spionageschauplatz geworden ist. BesucherInnen können die Drehorte erkunden, darunter auch jene im Kanalnetz.  Seit 2005 gibt ein privates Third Man Museum und der Film selbst wird wöchentlich im Burgkino gezeigt.

Auch als Kulisse für Spionagethemen ist Wien zuletzt wieder verstärkt ins Bild gerückt: Die Filme Mission Impossible: Rogue Nation (2015), Red Sparrow (2018), All the Old Knives (2022) und Extraction 2 (2023) wären etwa zu nennen. Ebenso die Serienfomate Berlin Station (2018/19), Jack Ryan (2021) und The Recruit (2022). In letzterer Produktion wird Wien sogar als die „Olympischen Spiele der Spionage“ bezeichnet, wo jeder Geheimdienst sein „A-Team“ hinschicke.

In der internationalen Presse wird Wien immer wieder mit Spionage-Superlativen bedacht. Besonders stark fiel das Echo aus, nachdem der Wiener Flughafen 2010 zum Ort des größten Austauschs von Spionen zwischen den USA und Russland wurde. Niemand geringerer als der damalige CIA-Direktor Leon Panetta meinte: „Alles, was fehlte, war der Klang einer Zither, die das Thema des Films Der dritte Mann spielte.“  Die New York Times befand, dass der Austausch selbst nichts Unheimliches an sich hatte: „Doch er erinnerte uns daran, dass Wien seit über einem Jahrhundert eine herausragende Rolle im düsteren europäischen Spionagespiel spielt.“ 

Mit der Zeit wurde der Unterton kritischer: So warnte die Financial Times 2023, Wiens „Spionageproblem“ gerate außer Kontrolle: „Es ist wirklich der Wilde Westen.“  Diese Diskrepanz zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Wien und Spionage längst nicht nur über harmlose Reminiszenzen an den Kalten Krieg hergestellt wird, sondern als Teil der sich verschärfenden geopolitischen Konfliktlage.

Das Image von Wien als Spionagestadt durchläuft einen Wandel und hat an Aktualität noch zugenommen. Umso wichtiger ist ein differenzierender Blick darauf, denn bei aller Geläufigkeit des Themas gibt es bislang wenig quellengestütztes Wissen darüber, warum Wien dieses Image verpasst bekam. Genau diese Frage hat mich selbst über viele Jahre beschäftigt. Als Ergebnis dieses Rechercheprozesses lege ich nun im Promedia Verlag ein neues Buch vor.

Einerseits soll dieser Band eine Lücke schließen, andererseits geht es mir darum, Spionagegeschichte in Wien konkret zu „verorten“. In dieser Stadt existieren viele unbekannte Plätze, an denen sich Spionagegeschehen ereignete oder die noch heute im Fokus von geheimdienstlicher Aufklärung stehen.

Im Rahmen dieser Publikation werden mehr als 100 Wiener Adressen mit Spionagebezug erstmals aufbereitet. Es handelt sich aber um keinen klassischen Reiseführer. Vielmehr bette ich die verschiedenen Orte in eine nicht chronologisch verlaufende historische Erzählung ein. Die Gegenwart spielt dabei genauso eine Rolle wie die Vergangenheit.

Diese Erkundungsreise führt unter anderem in Wiener Hotels und Caféhäuser, wo Spionagegeschichte geschrieben wurde, an mondäne Innenstadtlagen und an die Peripherie. Neben einigen „Klassikern“ handelt es sich hauptsächlich um Adressen, die man auf den ersten Blick nicht mit dem „zweitältesten Gewerbe der Welt“ in Zusammenhang bringen würde.

Im Vordergrund stehen die vielen „großen“ und „kleinen“ Spionagegeschichten, die den Ruf Wiens als Stadt der Spione begründen: Vom Verrat des angeblichen „Jahrhundertspions“ Alfred Redl über den Schattenkrieg der Geheimdienste aus Ost und West Ende der 1940er-Jahre bis hin zur aktuell viel diskutierten Rolle Wiens als Operationsfeld für russische Spionageaktivitäten.

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