Otto Skorzeny: Vom Nachleben des „gefährlichsten Mann Europas“

Benito Mussolini war wohl überrascht, als ihm ein großer SS-Mann mit einem langen Schmiss vom Ohr zum Kinn gegenüberstand. Der sagte: „Duce, der Führer hat mir den Befehl gegeben, Sie zu befreien.“ Mussolini soll daraufhin „sehr bewegt“ geantwortet haben: „Ich wusste, dass mein Freund Adolf Hitler mich nicht im Stich lassen wird!“ Es ist der 12. September 1943. Innerhalb von nur zehn Minuten hat ein deutsches Sonderkommando den gestürzten italienischen Diktator aus seiner Haft befreit. Dieses „Unternehmen Eiche“ macht vor allem einen Mann weltberühmt: Otto Skorzeny.

Es ist Zeit, die Legende vom „gefährlichsten Mann Europas“ kritisch zu hinterfragen. Anbei folgt ein Auszug aus meinen diesbezüglichen Artikel, der in der Nr. 1/2017 des Journal of Intelligence, Propaganda and Security Studies erschienen ist. 

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Der damalige SS-Hauptsturmführer betritt als erster Mussolinis Gefängnis, das Zimmer 201 des Hotels „Campo Imperatore“ auf dem Plateau des Gran Sasso nordöstlich von Rom. Von da an versteht es Skorzeny geschickt, den Erfolg für sich zu vereinnahmen. Die NS-Propaganda stilisiert ihn zum „Mussolini-Befreier“. Nach Kriegsende arbeitet er selbst an seinem Mythos: 1950 erscheint der Memoiren-Band Geheimkommando Skorzeny. 1962 folgt die veränderte Ausgabe Wir kämpften – wir verloren, die 1975 unter dem Titel Meine Kommandounternehmen zum dritten Mal aufgelegt wird. Darin stilisiert sich Skorzeny zu einem politisch neutralen Soldaten, der eine neue Form unkonventioneller/irregulärer Kriegführung initiiert habe: Luftlandungen, „Enthauptungsschläge“, Einsätze in Halb- und Volltarnung (feindliche Uniform), Sabotage oder „Überrollen“ (stay behind).

Gran Sasso, Mussolini vor Hotel
Die Mussolini-Befreiung war ein Propaganda-Coup für die SS: Skorzeny posiert mit dem Duce (Mitte), Credit: Bundesarchiv/Wikimedia Commons

Bemerkenswerterweise ist es bis heute bei drei englischsprachigen Biografien geblieben: Commando Extraordinary (1954), Skorzeny. The Most Dangerous Man in Europe (1972) und Skorzeny, Hitlers’s Commando (1981). Die Autoren Charles Foley, Charles Whiting und Glenn B. Infield beschränkten sich im Wesentlichen darauf, Skorzenys Erinnerungen weitgehend unkritisch nachzuerzählen. Zwischendurch streuten sie Interview-Elemente, aber auch zahlreiche unbelegte Mutmaßungen ein. Die Anerkennung, die Skorzeny beim früheren Kriegsgegner genoss, ging so weit, dass der frühere alliierte Oberbefehlshaber im Zweiten Weltkrieg, Dwight D. Eisenhower, während seiner Amtszeit als US-Präsident ein Foto von Skorzeny aufbewahrte – offenbar als Erinnerung daran, dass Ende 1944 Gerüchte über ein geplantes Attentat Skorzenys gegen seine Person kursiert waren. Hingegen dementierte Fidel Castro, dass er ausgerechnet Skorzenys Memoiren vor dem Angriff auf die Moncada-Kaserne 1953 konsultiert habe.

1959 war Skorzeny Thema in der BBC-Sendereihe „Männer der Tat“: Darin bezeichnete Sir Brian Horrocks, Lieutenant-General und Befehlshaber eines Armee-Korps im Zweiten Weltkrieg, Skorzeny als einen „modernen Freibeuter erster Güte“. Der überwiegende Teil der halbstündigen Sendung war der Rekonstruktion von „Unternehmen Eiche“ gewidmet. Erstmals stand ein ehemaliger Offizier der Waffen-SS im Mittelpunkt einer britischen Fernsehsendung. Horrocks meinte dazu: „Mut hat nichts mit Nationalität zu tun.“

Weniger Erfolg war Skorzeny 1968 beschieden: Gleich nach der Ankunft auf dem Flughafen von Pisa in Polizeigewahrsam genommen, wurde er als unerwünschte Person mit dem nächsten Flug nach Madrid abgeschoben. Eigentlich war Skorzeny mit einem vierköpfigen Team der US-Fernsehgesellschaft CBS gekommen, um einen Dokumentarfilm über die Mussolini-Befreiung zu drehen.

Eine Spielfilmrekonstruktion blieb bislang Teil 2 der sowjetischen Großproduktion „Befreiung“ (Oswoboschdenije) von 1969 vorbehalten. Darin wird gleich zu Beginn die Mussolini-Befreiung kurz in Szene gesetzt – mit dem rumänischen Schauspieler Florin Piersic als Skorzeny. Eine Hollywood-Version hätte es beinahe gegeben: Skorzeny hatte mit einem Literaturagenten in Los Angeles zusammengearbeitet. Das Script „Commando Extraordinary!“ stand kurz davor, von Warner Brothers und United Artists akzeptiert zu werden. Doch dann feierte 1970 „Patton“, die Filmbiografie des US-Generals George C. Patton, solche Einspielergebnisse, dass die Darstellung eines SS-Offiziers wenig ratsam schien. Außerdem kam das Studio rasch dahinter, das Skorzeny keineswegs so apolitisch gewesen war, wie er sich gerne darstellte.

Schon 1966 ließ das DDR-Fernsehen Skorzeny (Ralph Boettner) im ersten Teil der fiktiven Abenteuerserie „Geheimkommando Bumerang“ kurz vorkommen. 1979 rekonstruierte András Kovács in „Oktoberi Vasarnap“ (Ein Sonntag in Oktober) den von Skorzeny (Martin Lüttge) vorangetriebenen Putsch gegen den kriegsmüden ungarischen Machthaber Miklos Horthy. Dasselbe Thema, wenngleich mit mehr Fokus auf den Völkermord an den ungarischen Juden, hatte das Drama „Walking With The Enemy“ (2014) mit Burn Gorman als Skorzeny. Für 2018 angekündigt ist „Flags over Berlin“: Thema ist eine alliierte Spionagemission in den letzten Kriegstagen. Skorzeny wird darin von dem isländischen Schauspieler Sölvi Fannar Viðarsson verkörpert.

Darüber hinaus eröffnet ein Reenactment von „Unternehmen Eiche“ Robert Gokls Dokumentarfilm „Otto Skorzeny. SS-Agent für Hitler“ (2010), der die Legendenbildung kritisch hinterfragt. Reminiszenzen an Skorzeny finden sich weiters in der Verfilmung des gleichnamigen Jack Higgins-Bestsellers „The Eagle has landed“ (1976) oder in der sowjetisch-französischen Coproduktion „Тегеран-43“ (Killer sind immer unterwegs) von 1981.

Respekt zollte Skorzeny auch Admiral William H. McRaven, 2011-2014 Oberbefehlshaber des United States Special Operations Command und in dieser Funktion Befehlshaber von Operation Neptun Spear, die 2011 zum Tod von Osama Bin Laden führte. In seiner Abschlussarbeit an der Naval Postgraduate School von 1993, die zwei Jahre später unter dem Titel Spec Ops. Case Studies in Special Operations Warfare: Theory and Practise veröffentlicht wurde, ging McRaven auf die Mussolini-Befreiung ein. Sie diente ihm als Fallstudie zur Untermauerung seiner Theorie von erfolgreicher Kriegführung mit Spezialstreitkräften.

Nach McRaven sind sechs Grundprinzipien zu beachten: einfaches Planungskonzept, operationelle Sicherheit (Abschirmung des Vorhabens vor dem Feind), oftmalige Übungen für die einzusetzenden Kräfte, Überraschungsmoment, Geschwindigkeit sowie ein klar definierter Zweck. Für all das sei die Mussolini-Befreiung beispielhaft, wobei Skorzeny ein besonderer Anteil gebühre, hielt McRaven fest.

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Skorzeny 1945 in Schwedt an der Oder (Credit: Bundesarchiv/Wikimedia Commons/Ruffneck88)

Angesichts dieser Nachwirkung überrascht es nicht, dass Skorzeny Eingang in die Populärkultur gefunden hat: Der britische Ex-Geheimdienstagent und Romanautor Ian Fleming dachte sich den Superschurken Hugo Drax (Moonraker, 1955) als Veteran eines Skorzeny-Sabotagekommandos aus. Auch in der Figur des Auric Goldfinger finden sich Anspielungen auf Skorzeny. In der Verfilmung von 1964 versucht Bond seinen Widersacher mit einem Barren Raubgold zu ködern. Dieser stammt aus dem Toplitzsee im Salzkammergut, wo seit Kriegsende Gerüchte über angeblich versenkte Reichtümer und Dokumente kursieren und immer wieder mit Skorzeny in Verbindung gebracht werden.

Fleming, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich in die Operationen der 30. Assault Unit zur Erbeutung von Dokumenten und Informationen eingebunden war, hatte eine hohe Meinung von Skorzenys Verband („one of the most outstanding innovations in German intelligence“).

Skorzeny wurde auch selbst mit dem fiktiven Superagenten James Bond gleichgesetzt – so fragte die Welt am Sonntag anlässlich des Todes von Skorzeny 1975:

„Vielleicht steckte in dem hünenhaften ‚Teufel‘ eine Art 007, ein James Bond, nur ganz ohne Kino.“

In einem anderen Artikel wurde Skorzeny als „Mischung aus einem Haudegen alter militärischer Schule und einem Abenteurer vom Schlage eines James Bond“ bezeichnet.

Schon zu seinen Lebzeiten waren vor allem von der Boulevardpresse Gerüchte und Halbwahrheiten rund um Skorzeny zu Abenteuergeschichten aufgeblasen worden. Obwohl er mit einer offensiven Selbstdarstellung zu den Verzerrungen beigetragen hatte, machte sich Skorzeny später über den Tenor lustig:

„Ich habe nicht nur den ‚SS-Schatz‘ versenkt und wieder aus dem – je nach Wahl – Toplitz- oder Hintersee oder gar aus dem Neusiedlersee mehrere Male herausgefischt – man hat es gesehen! – was nicht nur die Presse mobilisierte, sondern auch das Fernsehen – ich habe auch die Geheimkorrespondenz zwischen Mussolini und dem britischen Premier Winston Churchill wiedergefunden, da mich der Duce ‚ins Vertrauen zog‘. Bedauerlicherweise weiß ich nur nicht, in welcher Sache. […] Von 1957 bis 1960 habe ich gleichzeitig eine Armee in Indien organisiert und eine andere im Kongo, habe gleichzeitig die algerische FLN [Front de Libération Nationale] und die französische OAS [Organisation de l’armée secrète] beliefert und beraten, und dank meiner irischen Schafe konnte ich mich auch noch für die Aktivitäten der IRA [Irish Republican Army] interessieren.“ 

Allmählich habe sich eine Art „Skorzenylegende‘ gebildet, beklagte er in der Neuauflage seiner Memoiren:

„Es ist unmöglich, auch nur einen Bruchteil dieser Hirngespinste zu zitieren, die über meine vermutlichen Aktivitäten gedruckt wurden. Ich muss gestehen, dass ich in den sechziger Jahren dieser Art von Journalisten eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt habe. Ich habe sogar mehrere Tausend Zeitungs- und Magazinausschnitte aufbewahrt, die über meine frei erfundenen Abenteuer berichten. Aber allmählich werden ihre Märchen jetzt schon langweilig.“

Skorzeny irrte sich. Heute noch ist er als Projektionsfläche für alle möglichen Vorstellungen von soldatischer Männlichkeit oder von Super-Agententum nachgefragt. So hat er in der US-Graphic Novel Atomic Robo and the Dogs of War (2008) einen Auftritt als charismatischer Superschurke. Als solcher taucht Skorzeny in der japanischen Manga-Serie The Legend of Koizumi (2006-2015) auf: Per Ufo zurückgekehrt, ist er einer der Protagonisten des Kampfs zwischen der „Earth Alliance“ und dem „Fourth Reich“.

Ähnlich abenteuerlich hat sich die phantastische Literatur Skorzeny ausgemalt: Louis Pauwel und Jacques Bergier schickten ihn in Aufbruch ins dritte Jahrtausend (zuerst auf Französisch 1960) in Südfrankreich auf die Suche nach dem heiligen Gral. Die Vorstellung war so wirkmächtig, dass Skorzeny in einem Interview klarstellte, er habe mit dem Gral nichts zu tun gehabt.

So verhält es sich auch mit dem mysteriösen Tod des Elektrotechnik-Erfinders Nikola Tesla: Dieser verstarb 1943 in New York unter mysteriösen Umständen, was seitdem immer wieder mit Skorzeny in einen Zusammenhang gebracht wird, zuletzt im Roman Der Genius Stratege (2016) des Kärntner Autors Bernhard Regenfelder. Realistischer ist Objetivo Skorzeny (2017), wo der Schriftsteller Blanco Corredoira Fakten und Fiktion zum Exil des Protagonisten in Spanien vermischt. In ähnlicher Form nahm Stuart Neville zuvor in Ratlines (2012) auf Skorzenys Aufenthalt in Irland Bezug und verwickelte diesen in eine erfundene Erpressungsgeschichte, an deren Ende das Engagement durch den Mossad steht. Eine Adaptierung als TV-Serie ist schon angekündigt.

Auf die angebliche Verbindung Skorzenys zum Mossad warfen 2016 neue Enthüllungen ein Schlaglicht: Skorzeny habe in den 1960er Jahre gar einen Auftragsmord begangen. Hiervon wird noch die Rede sein. Zuletzt hieß es gar, Skorzenys Ideen und Strategien hätten die radikal-islamistische Terrororganisation Islamischer Staat (IS) inspiriert. So viel ist klar: Die seltsame Faszination, die seit Jahrzehnten vom „Narbengesicht“ Skorzeny ausgeht, hat seinen Tod überdauert.

Dabei setzt sich dieser Mythos zu einem Gutteil aus glatten Lügen und Übertreibungen zusammen. Anhand von Primärquellen aus dem Wiener Staatsarchiv/Archiv der Republik, der Berliner Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), dem Nachlass von „Nazijäger“ Simon Wiesenthal sowie aus dem online verfügbaren Fundus von CIA-Dokumenten, die im Zuge des Nazi War Crimes Disclosure Acts (1998) deklassifiziert wurden, geht mein Artikel The Most Dangerous Man in Europe? Eine kritische Bestandsaufnahme zu Otto Skorzeny diesen Legenden auf den Grund.

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Hinweis: Zum Thema ist am 24. Juni 2017 ein Artikel von Petra Stuiber in „Der Standard“ erschienen http://derstandard.at/2000059713715/Otto-Skorzeny-SS-Superschurke-und-Hochstapler