Der Handstreich, der keiner war: Otto Skorzeny & „Unternehmen Eiche“

Benito Mussolini war wohl überrascht, als ihm ein SS-Mann mit einem langen Schmiss vom Ohr zum Kinn gegenüberstand. Das Narbengesicht sagte: „Duce, der Führer hat mir den Befehl gegeben, Sie zu befreien.“ Es ist der 12. September 1943. Innerhalb von nur zehn Minuten hat ein deutsches Sonderkommando den gestürzten italienischen Diktator aus seiner Haft befreit. Dieses „Unternehmen Eiche“ macht vor allem einen Mann weltberühmt: Otto Skorzeny. 75 Jahre danach ist es an der Zeit, diesen Mythos zu begraben.

Der damalige SS-Hauptsturmführer hat als erster Mussolinis Gefängnis, das Zimmer 201 des Hotels „Campo Imperatore“ auf dem Plateau des Gran Sasso nordöstlich von Rom, betreten. Von da an versteht es Skorzeny geschickt, den Erfolg für sich zu vereinnahmen. Die NS-Propaganda stilisiert ihn zum „Mussolini-Befreier“. Nach Kriegsende arbeitet er selbst an seinem Mythos: 1950 erscheint der Memoiren-Band Geheimkommando Skorzeny. 1962 folgt die veränderte Ausgabe Wir kämpften – wir verloren, die 1975 unter dem Titel Meine Kommandounternehmen zum dritten Mal aufgelegt wird. Darin stilisiert sich Skorzeny zu einem politisch neutralen Soldaten, der eine neue Form unkonventioneller/irregulärer Kriegführung initiiert habe: Luftlandungen, „Enthauptungsschläge“, Einsätze in Halb- und Volltarnung (feindliche Uniform), Sabotage oder „Überrollen“ (stay behind).

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Das Hotel Campo Imperatore heute (Quelle: Wikimedia Commons/Ekki01)

Bis heute gilt „Unternehmen Eiche“ als beispielhaftes Kommandounternehmen. Respekt zollte sogar Admiral William H. McRaven, 2011-2014 Oberbefehlshaber des United States Special Operations Command und in dieser Funktion Befehlshaber von „Operation Neptun Spear“, die 2011 zum Tod von Osama Bin Laden führte. In seiner Abschlussarbeit an der Naval Postgraduate School von 1993, die zwei Jahre später unter dem Titel Spec Ops. Case Studies in Special Operations Warfare: Theory and Practise veröffentlicht wurde, ging McRaven auf die Mussolini-Befreiung ein. Sie diente ihm als Fallstudie zur Untermauerung seiner Theorie von erfolgreicher Kriegführung mit Spezialstreitkräften.

Nach McRaven sind sechs Grundprinzipien zu beachten: einfaches Planungskonzept, operationelle Sicherheit (Abschirmung des Vorhabens vor dem Feind), oftmalige Übungen für die einzusetzenden Kräfte, Überraschungsmoment, Geschwindigkeit sowie ein klar definierter Zweck. Für all das sei die Mussolini-Befreiung beispielhaft, wobei Skorzeny ein besonderer Anteil gebühre, hielt McRaven fest.

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W. McRaven (Wikimedia Commons)

Aber hat sich das legendäre Kommandounternehmen tatsächlich so abgespielt? 75 Jahre später ist der Befund eindeutig: Nein, die Mussolini-Befreiung war ein perfekt eingefädelter Propaganda-Coup der SS. Skorzeny wiederum hat es verstanden, sich zu damit profilieren. Bedenklich ist, dass diese aufgebauschte Abenteuergeschichte bis heute oft für bare Münze genommen wird.

Begonnen hatte alles im Sommer 1943. Der rasche Vormarsch der Alliierten in Süditalien hatte zur Absetzung und Verhaftung Mussolinis geführt. Der neuen Regierung unter Marschall Pietro Badoglio blieb nur die bedingungslose Kapitulation. Adolf Hitler reagierte auf diesen „Verrat“ umgehend: Weite Teile Italiens wurden besetzt, um das Abfallen von der „Achse“ zu verhindern. Davor hatte Hitler bereits die Befreiung Mussolinis angeordnet, was kein leichtes Unterfangen war.

Die Suche nach dem Duce wurde auf direkten Befehl Hitlers von Skorzeny vor Ort geleitet. Letzterer war am 26. Juli 1943 gemeinsam mit fünf Offizieren von Sondereinheiten in Hitlers Hauptquartier Wolfsschanze vorgeladen worden. Als Hitler vor ihm stand, will Skorzeny nur gesagt haben: „Ich bin Österreicher, mein Führer!“ Der sah ihn „lange und prüfend“ an und sagte schließlich:

„Ich habe mit Hauptsturmführer Skorzeny noch zu sprechen. Die anderen Herren können abtreten.“

Nach fünf Wochen gab es eine Spur. Die Gestapo in Rom hatte ein Telefongespräch abgehört, das schließen ließ, Mussolini würde im Hotel „Campo Imperatore“ in den fast 3.000 m hohen Abruzzen festgehalten. Nirgendwo zeigte sich Skorzenys Talent, sich in den Vordergrund zu drängen, deutlicher als beim folgenden „Unternehmen Eiche“: Er nahm eigentlich als Beobachter teil. Laut dem Einsatzplan von Generaloberst Kurt Student hatte Skorzeny mit 16 SS-Männern die Aufgabe, die Landezone zu sichern, während die Ausführung des Handstreichs dem Fallschirmjäger-Lehrbataillon von Major Harald Mors vorbehalten war. Mithilfe von 12 Lastenseglern (von denen drei beim Start am Boden liegenblieben) sollten alle Kräfte auf dem Gebirgsplateau landen und dann die Aktion starten.

Es kam aber anders: Der Lastensegler Nr. 2 mit den SS-Männern an Bord kam aufgrund eines Zufalls in die Spitzenposition. Weil die vorgesehene Landewiese ein Steilhang war, setzte der Pilot auf Skorzenys Anweisung hin „so nahe als möglich beim Hotel“ auf. Einmal im Freien, lief der Hauptsturmführer auf das Objekt zu, während ihm seine Leute folgten. Beinahe hätte ihn eine eineinhalb Meter hohe Terrasse an der Vorderseite des Hotels gestoppt. Nur unter Schwierigkeiten gelang es den SS-Leuten, das Hindernis zu überwinden. Denn viele hatten zu viel gefrühstückt und waren von dem ruckeligen Flug seekrank.

Was dann passierte, schilderte Skorzeny 1972 in einer eigens für die Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger in Deutschland verfassten Sachverhaltsdarstellung:

„Von unserer Seite war noch immer kein Schuss gefallen und wir warfen die vor dem Hotel postierten Maschinengewehre mit den Füßen um. Ein Großteil der italienischen Carabinieri-Bewachung drängte aus dem Hoteleingang heraus, aber es gelang Leutnant Schwerdt und mir, uns durchzuboxen, in den 1. Stock zu kommen und den Raum, wo sich Mussolini befand, zu erreichen. Die dort befindlichen drei italienischen Offiziere wurden mit Brachialgewalt aus dem Raum geworfen.“

Die insgesamt 73 italienischen Wachen (zivile und militärische Polizisten) hätten die isolierten Angreifer leicht ausschalten können. Doch sie hatten zuvor den Befehl erhalten, nicht zu schießen. Nur wenige Stunden vor Beginn der Befreiungsoperation hatte der Kommandant Guiseppe Gueli einen Anruf von Carmine Senise, Polizei- und Sicherheitschef der Regierung Badoglio erhalten. Dieser wies an, „maximale Vorsicht“ walten zu lassen. Gueli interpretierte das so, dass bei einem Befreiungsversuch jedes Blutvergießen vermieden werden sollte. Im Grunde stand fest, dass Mussolini in deutsche Hände fallen würde.

Gran Sasso, Skorzeny, Mussolini mit Fallschirmjägern
Mussolini (Mitte) mit seinen „Befreiern“ (Quelle: Wikimedia Commons/Bundesarchiv)

Die Regierung Badoglio war im Begriff, sich von Rom nach Brindisi abzusetzen und wollte eine weitere Eskalation unbedingt vermeiden. In dieser Situation war es nur recht, das Problem Mussolini loszuwerden. Und so hielt die Mehrzahl der Bewacher, darunter Gueli, gerade Siesta, als die Lastensegler landeten. Auch danach gab es keine eigentliche Kampfhandlung. Nur ein einziger Schuss löste sich aus Versehen. Sogar von einer Entwaffnung der Wachen würde abgesehen. Der viel gerühmte Handstreich am Gran Sasso hat also so nie stattgefunden. Das Geschehen war lediglich ein Vorwand für die Nazi-Propaganda, eine angebliche militärische Großtat abzufeiern.

Gran Sasso, Mussolini vor Hotel
Skorzeny, Mussolini sowie Deutsche & Italiener posieren in bester Stimmung für die Kamera (Quelle: Wikimedia Commons/Bundesarchiv)

Als Mussolini schließlich in einem Kleinflugzeug ausgeflogen wurde, zwängte sich der massige Skorzeny hinter den zweiten Sitz:

„Mussolini nahm fast zwischen meinen Füßen Platz. Ich merkte ihm beim Einsteigen ein leichtes Zögern an. Da fiel mir ein, dass der ‚Duce‘ selbst Pilot war und also wohl abschätzen konnte, in welches Wagnis er sich begab. Ich murmelte etwas zwischen den Zähnen: ‚Der Führer, gewünscht …‘“

Nur dem Geschick des Piloten war es zu verdanken, dass die Maschine wegen des Übergewichts nicht am Boden zerschellte. So dreist diese Aktion war, Skorzeny wollte den Duce wie angeordnet persönlich an Hitler übergeben und so den Erfolg für die SS beanspruchen. So hatte er auch in letzter Minute dafür gesorgt, dass zwei Fallschirmjäger einem Kriegskorrespondenten und einem Fotografen Platz machen mussten.

All das machte sich bezahlt: Skorzeny wurde mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet, im Führerhauptquartier empfangen und im Rahmen einer Kundgebung im Berliner Sportpalast geehrt. Hier wird deutlich, dass Skorzeny keineswegs neutral, sondern ein politischer Soldat im Sinne der NS-Ideologie war und sich von der Propaganda des Regimes willig instrumentalisieren ließ.

Helmut Körner und Otto Skorzeny
Skorzeny (re.) während der Ehrung im Sportpalast (Quelle: Wikimedia/Commons)

Erst lange nach Kriegsende sollte Skorzeny die Deutungshoheit über „Unternehmen Eiche“ allmählich entgleiten. 1973 für die italienische Publikation Dal Gran Consiglio al Gran Sasso interviewt, ließ der ehemalige Fallschirmjäger-Befehlshaber und nunmehrige Mitarbeiter im Bundesnachrichtendienst (BND), Mors, damit aufhorchen, dass Skorzeny nur als Beobachter dabei gewesen sei. Einer der beiden Autoren, Arrigo Petacco, konstatierte:

„Das Kommandounternehmen war eine reine Wehrmachtsangelegenheit. Nach Gelingen der Aktion ist der Ruhm aus propagandistischen Gründen der SS zugeschanzt worden.“ 

Skorzeny konterte mit abschätzigen Bemerkungen:

„Herr Mors bezeichnet mich als ‚Beobachter‘. Ich muss schon ein merkwürdiger Beobachter gewesen sein, da ich in unseren beiden Lastenseglern von 4 Offizieren und 12 Unteroffizieren, die besonders ausgewählt worden waren […] begleitet wurde. Wir […] waren die ersten, die landeten und bereits im Zimmer Mussolinis waren, als die weiteren 5 Lastensegler mit den Fallschirmjägern landeten. Ich war also ein selten aktiver ‚Beobachter‘.“

Ein weiteres Mal legte Skorzeny nach:

„Wenn daher jemand für sich den Titel als Befreier Mussolinis in Anspruch nehmen will, kann es nur Herr General Student sein, der die ganze Zeit mit mir Hand in Hand dieses Unternehmen vorbereitete, auf keinen Fall ein Herr Mors, der viele Kilometer vom Einsatzort entfernt war und daher überhaupt nicht führen konnte und auch mit der Einsatzplanung nichts zu tun hatte.“

Mors ließ sich nicht beeindrucken. Anlässlich der Meldung von Skorzenys Tod 1975 schrieb er einen Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung:

„Nachdem Generaloberst Student den Einsatz befohlen und das Fallschirmjäger-Lehrbataillon mit der Durchführung beauftragt hatte, bat Skorzeny für sich und einige Leute seines Suchkommandos um die Erlaubnis, an der Aktion teilnehmen zu dürfen. Eine Funktion hatten Skorzeny und seine Leute dabei nicht.“

Der 90jährige Fallschirmjäger-Veteran Wolfgang Rüdiger äußerte sich noch 2016 verärgert, dass Skorzeny und die SS die Lorbeeren stahlen:

„Es hieß, wir Fallschirmjäger wären nur Statisten gewesen. Aber wir konnten nichts machen.“

General Student habe die Lüge bei Reichsmarschall Hermann Göring vorgetragen. Aber dieser habe nur gesagt: „Ich will keinen Ärger mit Himmler.“

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Skorzeny 1963 (Quelle: Wikimedia Commons/Dutch National Archives)

Auch wenn Skorzeny bereits zu Lebzeiten seine Rolle am Gran Sasso verteidigen musste, so blieb sein Ruf als draufgängerischer Kommandoführer bis heute relativ intakt. Wie Skorzeny das gelang, das ist von dem irischen Autor Stuart Neville 2013 als Crime-Thriller verarbeitet worden

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2019 kommt Ratlines auch als TV-Serie auf den Markt. Die Handlung spielt im Irland der 1960er Jahre, wo sich Skorzeny einen Landsitz gekauft hatte. Fiktiv ist, dass Skorzeny erpresst wird: Falls er nicht eine beträchtliche Summe abliefert, werde die Wahrheit über Gran Sasso ans Licht kommen. Dazu passt die Einschätzung des italienischen Historiker Vincenzo Di Michele, wonach Skorzeny bis zu seinem Tod 1975 bewusst Lügen verbreiten musste, um dem eigenen „falschen Mythos“ gerecht zu werden:

„The character of Skorzeny was now something that went beyond the vision of the simple soldier. He had to become the man of the impossible missions, […].“

MEHR LESEN:

Thomas Riegler, „The most dangerous man in Europe”? Eine kritische Bestandsaufnahme zu Otto Skorzeny, in: Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies, Vol. 11, Nr. 1/2017, 15-61. pdf