Als man Wien den „Schießstand“ nannte

Vor 70 Jahren tobt in Österreich ein Geheimdienstkrieg: Es finden Entführungen auf offener Straße stat und Putschgerüchte machen die Runde. 1948 befindet sich der der Kalte Krieg in Österreich in einer besonders „heißen Phase“. All das inspiriert den Filmklassiker „Der Dritte Mann“. 

In Wien waren die Bombenschäden des 2. Weltkriegs noch nicht beseitigt, nur der Schwarzmarkt blühte. Dunkle Wolken zogen sich über dem besetzten Land zusammen: Im Februar 1948 stürzte ein kommunistischer Putsch die Regierung in der Tschechoslowakei. Unmittelbar danach wurde die KP-Alleinherrschaft auch in Ungarn durchgesetzt. Nächster Brennpunkt war West-Berlin, das die Sowjets ab 24. Juni 1948 für 15 Monate abriegeln. In Griechenland tobte währenddessen ein Bürgerkrieg und Italien stand bei den ersten Wahlen im April 1948 auf der Kippe.

All diese Erschütterungen spürte man in Nachkriegsösterreich besonders stark. Hier trafen die verfeindeten Machtblöcke unmittelbar auf einander. Die Staatsvertrag-Verhandlungen waren längst ins Stocken geraten. Zeitgleich mit der Berlin-Krise erschwerten die Sowjets auch hierzulande den Zugang nach Wien. Die Gefahr einer Teilung war ebenso real wie das Risiko, dass die KPÖ mit Unterstützung durch die Sowjets die Machtfrage stellen könnte. Die Kommunisten verfügten über ca. 150.000 bis 170.000 Mitglieder. Und nicht nur das: Die KPÖ war 1945 an der provisorischen Regierung beteiligt gewesen. In dieser Zeit hatte ihr Staatssekretär Franz Honner den Sicherheitsapparat wieder aufgebaut. Resultat war, dass insbesondere die Staatspolizei unter ihrem Chef Heinrich Dürmayer KPÖ-durchsetzt war.

Längst tobte auf den Straßen Wiens ein Schattenkrieg der Geheimdienste. Hatte man nach Kriegsende noch nach NS-Verbrechern gefahndet, änderte sich nun die Priorität. Die einstigen Verbündeten des 2. Weltkriegs spionierten sich gegenseitig aus. Es ging darum, einen Überblick über die militärische Stärke und die Absichten des Gegners zu erhalten. Insbesondere Wien wurde so Schauplatz von verdeckten Operationen, Schleusungen und konspirativen Treffs. Laut einer Schätzung hatten die USA während des gesamten Besatzungsjahrzehnts durchschnittlich etwa 700 Personen im geheimdienstlichen Einsatz. Bei den zuständigen Sowjetorganen war es das Vier- bis Fünffache, schätzte die CIA ging 1948.

Darüber hinaus agierten die Sowjets in Österreich anfänglich so, als wären sie „Zuhause“. Während die West-Agenten relative Immunität genossen, fielen österreichische Informanten nicht unter das „Gentlemen’s Agreement“. Stattdessen wurden sie Opfer von Mord, Entführungen und Erpressung – ebenso wie zahllose Unschuldige, die man der Spionage verdächtigte. 1948 sollen bis zu drei Personen pro Tag von sowjetischen Geheimdienstlern und ihren Helferhelfern verschleppt worden sein. Der gesetzeslose Zustand trug Wien bei den US-Diensten den Beinamen „Schießstand“ ein. Zeitgleich beklagte Justizminister Otto Tschadek (SPÖ) im Nationalrat:

„Österreich hat den traurigen Ruf, ein Land zu sein, in dem Menschen entführt werden.“

Zu den bekanntesten Fällen zählen die Sektionschefin im Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung, Margarethe Ottilinger, Ministerialrat Paul Katscher sowie Kriminalinspektor Anton Marek und sein Untergebener Franz Kiridus. Letztere waren nachrichtendienstliches Schlüsselpersonal: Sie leiteten die „Gruppe 5“, eine Art Privatpolizei des sozialdemokratischen Innenministers Oskar Helmer. Der wollte damit einerseits Dürmayers Staatspolizei in Schach halten. Andererseits ging es darum, herauszufinden, was die Kommunisten vorhatten. Marek und Kiridus waren auch Vernehmungen von Flüchtlingen aus dem Ostblock beteiligt und teilen die gewonnenen Informationen mit westlichen Diensten. Deswegen wurden die beiden in die Sowjetunion deportiert und erst 1955 wieder freigelassen.

Es gab noch eigenen weiteren Grund, warum sie ins Visier genommen wurden: Wie der Verleger Fritz Molden in seinen Memoiren darlegte, gehörten Marek und Kiridus zu einem Kreis, der bereits seit 1946 Überlegungen anstellte, welche Vorbereitungen für den Fall einer „völligen Abschneidung der Ostzone durch die Sowjets“ zu treffen seien. So sollte für Kommunikationsmöglichkeiten, „vor allem Funkgeräte sowie für Waffen und entsprechen geschultes Personal sollte gesorgt werden.“ Mit Unterstützung durch die Westalliierten begannen im August 1948 konkrete Planungen für die Ausbildung von Gendarmerieeinheiten, die später den Kern des künftigen Bundesheeres bildeten.

Die Gegenseite bereitete sich genauso auf den „Tag X“ vor: Ende Juli 1948 registrierte die CIA, dass hochrangige KPÖ-Funktionäre die Tschechoslowakei für Treffen mit der „Kominform“ besuchten. Dieses 1947 gegründete „Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien“ diente auch dem Zweck, die Weltrevolution mit allen Mitteln voranzutreiben. Die Instruktionen der Kominform seien „sehr zu beachten“, reimte sich Innenminister Helmer zusammen:

„Die Infiltration beginnt im Kino sowie mit Zeitungen und Zeitschriften, und sie steigt auf, je höher einer in der Gesellschaft ist. Die Oberen, d. h. hauptsächlich die Intellektuellen sind anfälliger als das Volk. Der Kommunismus wird seitens der Bevölkerung eher missachtet.“

Ende August 1948 fand eine mehrtägige, streng abgeschirmte Zusammenkunft der KPÖ-Führungsriege in der Laufbergergasse Nr. 6 in Wien-Leopoldstadt statt. In einer unbestätigten Information für die CIA heißt es:

„Die Kommunisten planen einen Putsch in diesem Herbst. Die Pläne dafür wurden in einer sowjetisch-requirierten Villa in der Laufbergergasse, Wien II, von 23. August bis 6. September diskutiert. Die Villa war unter konstanter sowjetischer Bewachung. 20 kommunistische Parteimitglieder waren in der Villa präsent. Alle bis auf den kommunistischen Anführer Franz Honner mussten für die Dauer der Sitzung in der Villa bleiben. Uniformierte Sowjets waren ebenso vor Ort. (…) Die finale Phase des Putsches ist es, die Kontrolle über die österreichische Polizei zu übernehmen. Bestimmte österreichische Kollaborateure werden zu diesem Zweck unterwiesen.“

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Auszug aus dem Originaldokument (Quelle: cia.gov)

Im österreichischen Innenministerium wiederum lag ein Schriftstück vor, das den Beginn des Treffens um zwei Tage vordatierte:

„Die Arbeiten werden unter Aufsicht des Nationalrates Honner, eines gewissen Spanner und Wrebka durchgeführt. Auch Spanner und Wrebka haben Verbot, das Haus zu verlassen, oder sonst irgendwie mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Diese ursprünglich vertrauliche Mitteilung konnte durch Beobachtungen auf ihre Richtigkeit überprüft werden.“

Währenddessen habe Dürnmayer gemeinsam mit einem Polizeirat über Auftrag eines Emissärs der Kominform in der Wohnung des Abgeordneten Johann Koplenig einen Plan ausgearbeitet, um die „Übernahme der Polizeigewalt“ zu organisieren.

Laufbergergasse
Das Haus in der Laufbergergasse heute – andere Quellen nennen die in der Nähe befindliche Villa Putz als Ort der Geheimklausur

Die Ergebnisse der Geheimklausur könnten in jenen „Aktionsplan“ eingeflossen sein, den Historiker Günther Bischof in den 1980er Jahren in einem französischen Archiv fand. Das mit 15. November 1948 datierte Dokument fasst auf 40 Seiten die Machtübernahme in allen Details zusammen: 17.000 Aktivisten sollten beteiligt sein. Vorgesehen war die Besetzung von Parteizentralen, Gewerkschaftsgebäuden, Gendarmeriekommandos, Banken, Elektrizitäts- und Wasserwerken sowie Magistratischen Bezirksämtern. Lediglich in der SPÖ-Parteizentrale und den SPÖ-Bezirksleitungen wurde mit bewaffneten Widerstand gerechnet. In der allgemeinen „Einführung“ hieß es, das Zentralkomitee habe beschlossen,

„alle Maßnahmen vorzubereiten, die notenwendig sind, um im gegebenen Falle alle reaktionären  und dem westlichen Kapitalismus hörigen, arbeiterfeindlichen Elemente schlagartig auszuschalten“.

Die Authentizität des Dokuments ist bis heute umstritten, auch weil die Lage ruhig blieb. Erst 1950 kam es zu einer massiven Streikbewegung, die aber mit Hilfe seitens der CIA niedergeschlagen wurde. Deren Stationschef ließ Rollkommandos insgeheim mit Axtstielen ausstatten, um den Protestierern „schlagkräftig“ entgegenzutreten. Aber erst der Tod des sowjetischen Diktators Stalins 1953 sollte den Weg zum Staatsvertrag ebnen.

Dass Wien zu einer Frontstadt des Kalten Krieges geworden war, fand Niederschlag in der Populärkultur. Im Februar und Juni 1948 besuchte der britische Schriftsteller und Ex-Agent, Graham Greene, die Stadt, um für die Drehbuchvorlage für „Der Dritte Mann“ zu recherchieren. Hier schöpfte er die Inspiration für die berühmte Verfolgungsjagd im Kanal, die Penicillin-Schiebergeschäften und die Hauptfigur des Harry Lime. Letzterer war dem realen Spion Kim Philby nachempfunden, der 1934 noch selbst kommunistische Schutzbündler durch das Wiener Kanalnetz in Sicherheit gebracht hatte. Im Oktober 1948 begannen die Dreharbeiten vor Ort und dauerten bis kurz vor Weihnachten.

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Fotos von den Dreharbeiten finden sich im „Dritte Mann Museum“ in der Wiener Preßgasse

1949 kam „Der dritte Mann“ ins Kino und ist bis heute ein legendärer Klassiker. Das reale Elend des Nachkriegs-Wien und die damaligen gefährlichen Spannungen sind dagegen fast vergessen.

HINWEIS: Dieser Text ist in der „Furche“ Nr. 35/2018 erschienen.