„Wir wollten die Israelis in die Falle locken“

Vor 45 Jahren wurden in Marchegg jüdische Auswanderer als Geiseln genommen. Der Anschlag zielte gegen die Emigration nach Israel. Aber er hatte auch eine geheime Agenda und staatliche Helfer.

Israel steht am Abgrund der Vernichtung. Am 6. Oktober 1973 greifen die Armeen Ägyptens und Syriens gleichzeitig am Suez-Kanal und auf den Golan-Höhen an – und das ganz bewusst am Jom Kippur-Tag, dem höchsten jüdischen Feiertag. Es folgen 19 Tage voller heftiger und verlustreicher Kämpfe. Am Ende ist das verlorene Territorium zurückerobert, aber der Krieg bleibt ein nationales Trauma.

Seither steht vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Warum haben ausgerechnet die legendären israelischen Geheimdienste den verheerenden Überraschungsangriff nicht kommen sehen? Schließlich hatte eine Quelle im Umfeld des ägyptischen Präsidenten Sadat dreimal – zuletzt am Vorabend des Jom Kippur-Krieges – vor der bevorstehenden Offensive gewarnt. Deswegen befand sich das israelische Kabinett an jenem schicksalshaften 6. Oktober 1973 auch mitten in einer Krisensitzung. Aber es war zu spät. Um 14 Uhr riss jemand die Tür auf und gab bekannt, dass der Krieg begonnen hatte. Das Schweigen im Raum wurde nur von den Sirenen unterbrochen, die im ganzen Land losheulten.

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Mit über 10.000 Toten und Verwundeten wird der Jom Kippur-Krieg zum nationalen Trauma Israel (Quelle: Wikimedia Commons)

Um die Frage zu beantworten, wie diese Überraschung gelang, muss man den Blick auf ein Ereignis lenken, dass sich acht Tage zuvor abgespielt hatte – und zwar ausgerechnet im niederösterreichischen Marchegg.

Es ist der 28. September 1973, gegen 11 Uhr fährt der Zug 2590 aus Bratislava kommend ein. Der Zöllner Franz Bobits macht sich daran, die WC-Anlagen zu kontrollieren. Da sieht er sich plötzlich zwei arabischen Terroristen – Mustapha Soueidan (25) und Mahmoud Khaidi (27) – gegenüber. Bobits wird rasch überwältigt. Das schwerbewaffnete Duo hatte zuvor im Zug Geiseln genommen: Ein älteres Ehepaar und die dreiköpfige Familie Czaplik. Es sind jüdische Auswanderer aus der Sowjetunion, die nach Israel wollen. Genau diese Emigration ist den arabischen Terrorgruppen ein Dorn im Auge. Für sie ist es eine demographische Stärkung Israels, die unterbunden werden muss. Österreich wiederum gerät ins Fadenkreuz, weil es nach dem Willen der Sowjets die Durchgangsstation für die Emigranten ist.

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Plötzlich Schauplatz des Nahostkonflikts: Grenzbahnhof Marchegg

Mit dem Nahostkonflikt, der sich da im Weinviertel entfaltet, sind die Behörden von Anfang an überfordert. Frau Czaplik nimmt ihren Mut zusammen und läuft mit dem kleinen Sohn auf dem Arm einfach davon. Ihr 26jähriger Ehemann, die 70jährige Elka Litvak, der 71jährige Mosche Litvak sowie der Zöllner Bobits verbleiben in der Gewalt der Geiselnehmer. Obwohl die Order lautet, die Terroristen festzuhalten, fahren diese samt Geiseln in einem blauen VW-Pritschwagen davon. Auf Anweisung wird der Eisenbahnübergang in Fischamend geschlossen. Doch in diesem Moment ist der VW bereits vorbei – Pech für die nachfolgenden Gendarmeriefahrzeuge.

Der von Bobits gesteuerte Wagen fährt schließlich direkt auf das Rollfeld des Flughafen Schwechat. Dort entwickelt sich eine quälend lange Pattsituation. Täter wie Opfer sitzen dichtgedrängt. Gerade einmal einen Spaltbreit ist eines der Fenster heruntergekurbelt. Rund herum beziehen die Einsatzkräfte Stellung, während immer mehr Entscheidungsträger eintreffen – vom Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit über arabische Diplomaten bis hin zum Präsidialchef der Gemeinde Wien. Sogar zwei Psychiater machen sich ein Bild. Ihr Befund ist, dass die Araber unter Drogeneinfluss stehen.

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Bildbericht in der Arbeiter-Zeitung, 29. 9. 1973 (Quelle: arbeiter-zeitung.at)

Währenddessen tagt in Wien der Ministerrat. Das Kommuniqué der Terroristen ist eindeutig: Ihre Aktion richte sich gegen jüdische Emigration. Sie verlangen, ausgeflogen zu werden. Um Bewegung in die Sache zu bringen, schlägt Bundeskanzler Bruno Kreisky vor, das Durchgangslager für die jüdischen Auswanderer in Schönau an der Triesting zu schließen. Bei der SPÖ-Arbeitsgemeinschaft für Sport und Körperkultur (ASKÖ) in Graz wird eine kleine Cessna mit zwei Piloten beschafft, weil sich die AUA verweigert. Im Gegenzug verlangt Kreisky, dass die Geiseln freigelassen werden müssen. So ist es dann auch: Um 02.20 Uhr früh hebt die Cessna ab.

Nach einem Irrflug über Dubrovnik, Palermo und Sardinien erlaubt schließlich Libyen die Landung. Die ASKÖ-Piloten Alexander Hincak und Karl Geiger erweisen sich als die einzigen Helden in dem ganzen Drama. Aber auch die Schließung von Schönau, für die Kreisky heftig kritisiert wird, bedeutet nicht das Ende der jüdischen Emigration. Bis Ende des Kalten Krieges werden insgesamt mehr als 250.000 Jüdinnen und Juden Österreich passieren – ohne dass sich noch einmal ein Anschlag dagegen ereignet hätte, wie Kreisky stolz bilanziert. Insofern hat die Geiselnahme ihr Ziel verfehlt. Oder doch nicht?

Anfang November 1973 geben die beiden Terroristen dem „Stern“ ein Interview und lassen aufhorchen. Ihre Aktion sei in Wirklichkeit Teil eines Ablenkungsmanövers vor dem Jom Kippur-Kriegs gewesen:

„Wir wollten die Israelis in die Falle locken.“

Es spricht tatsächlich viel dafür, dass es so gewesen ist. Zunächst einmal gehörten Soueidan und Khaidi einer obskuren Gruppe an, die vom syrischen Geheimdienst kontrolliert wurde. Der Anführer dieser „Al Saika“ wurde 1979 vom Mossad in Cannes erschossen. Auge um Auge.

Der Anschlag in Österreich hatte die volle Aufmerksamkeit der Israelis auf sich gezogen. Premierministerin Golda Meir kam am 2. Oktober 1973 sogar persönlich nach Wien. Sie wollte Kreisky dazu bewegen, Schönau offenzuhalten. Die Begegnung war spannungsgeladen. Meir erhob den Vorwurf, Kreisky habe vor dem Terrorismus kapituliert. Der zuckte mit den Achseln:

„Sie und ich gehören zwei verschiedenen Welten an.“

Meirs bittere Antwort lautete:

„Ja, das tun wir.“

Zurück in Israel meinte sie, Kreisky habe ihr nicht einmal ein Glas Wasser angeboten. Das war bildlich gemeint.

Währenddessen trafen Ägypten und Syrien umfangreiche Angriffsvorbereitungen. Das blieb nicht verborgen. Aber angesichts der gerade erfolgten Geiselnahme erschien dieser Aufmarsch wie ein Verteidigungsmanöver gegen mögliche israelische Vergeltungsschläge. Im Rahmen einer Kabinettsitzung am 3. Oktober 1973 sprach Meir zwei Stunden nur über ein Thema: Schönau. Erst am 6. Oktober 1973, dem Angriffstag, wurde um 10 Uhr eine Teilmobilmachung der Reservisten befohlen. Da war es schon zu spät.

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Ägyptische Truppen überschreiten den Suez-Kanal (Quelle: Wikimedia Commons)
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Auch die CIA war ganz gebannt von den Ereignissen in Marchegg: Am 1. Oktober 1973 wurde Präsident Ford ausführlich dazu gebrieft (Quelle: cia.gov)
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Einen Tag vor Kriegsbeginn beschäftigte sich das Daily Brief immer noch überwiegend mit der Situation in Österreich (Quelle: cia.gov)

Damit das Täuschungsmanöver über die Bühne gehen konnte, brauchten die Terroristen und ihre Hintermänner freilich noch einen weiteren Komplizen: Die kommunistische Tschechoslowakei. Denn die Geiselnahme war dort kurz nach der Abfahrt erfolgt. Mittlerweile sind Dokumente freigegeben worden, die dies belegen. Demnach hielten sich die beiden Terroristen schon seit 31. August 1973 in Bratislava auf. Sie frequentierten abwechselnd zwei Luxus-Hotels und wurden dort bis spätabends im Café gesehen. Offenbar lief nicht alles rund: Schon am 8. September 1973 versuchte das Duo in Österreich einzureisen, wurde aber zurückgewiesen.

Acht Tage vor dem Marchegger Anschlag fing die DDR-Staatssicherheit dann auf dem Flughafen Schönefeld in Ost-Berlin zwei Komplizen ab. Im Unterschied dazu schritt der tschechoslowakische Dienst nicht ein. Man habe damals einen Nichtangriffspakt mit den Palästinensern gehabt. „Wir wussten über den Anschlag sechs Monate im Voraus Bescheid“, erzählte ein Ex-Spion. Aber weil dieser in Österreich geplant war, gab es keinen Grund zum Handeln. Man wollte die Palästinenser nicht provozieren und ließ sie gewähren. Ein Rätsel konnten die Geheimdienstler damals nicht lösen: Als die Terroristen schließlich den Zug bestiegen, hatten sie laut Aussage der Grenzer nur Kleidung und Bananen im Gepäck. Möglich wäre, dass ihnen die Waffen von einem arabischen Diplomaten erst anschließend übergeben wurden.

45 Jahre später sind noch viele Fragen rund um die Marchegger Geiselnahme offen. Die Gefahr durch den Terrorismus besteht weiterhin. Aber im Unterschied zu 1973 sind die Gewalttäter heute immer weniger von staatlichen Auftraggebern abhängig. Terrorismus kann aber weiterhin eine „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ sein. Zuletzt wurde Anfang Juli 2018 ein in Wien akkreditierter iranischer Botschaftsrat verhaftet – wegen des Verdachts, ein Attentat auf Regimegegner in Paris geplant zu haben.

HINWEIS: Gekürzte Fassung ist am 23. September in Die Presse am Sonntag erschienen.