Auf Kriegsverbrecherjagd im Ausseerland

Es ist eine stockdunkle, eiskalte Winternacht im Ausseerland. Noch eine halbe Stunde, dann wird das neue Jahr 1949 eingeläutet. Aber den beiden Polizisten, die hinter den Bäumen am Rand der Grundlseer Straße auf der Lauer liegen, ist nicht zum Feiern zumute. Eine halbe Stunde vor Mitternacht lauschen sie plötzlich auf. Gegen den hellen Hintergrund des Schnees zeichnen sich die Silhouetten zweier Männern ab. Noch 150 Meter entfernt, kommt plötzlich ein dritter Unbekannter hinzu. Man unterhält sich kurz, dann verschwinden alle so schnell wie sie gekommen sind. Die Falle hat nicht zugeschnappt. Die deprimierende Nachricht erreicht bald die Einsatzleitung in einem Gasthaus in Bad Aussee. Dort ist auch der „Nazijäger“ Simon Wiesenthal. Der ist wie versteinert, als man ihm sagt: „Es scheint, dass Eichmann gewarnt wurde“.

Adolf Eichmann 1942 (Quelle: Wikimedia Commons)

Niemand geringerer als Adolf Eichmann, SS-Obersturmbannführer und Organisator des Holocaust, soll also in jener Silvesternacht noch einmal davongekommen sein. So stellt es Wiesenthal in seinem Buch „Ich jagte Eichmann“ (1961) dar. Und er spart nicht mit Kritik: Ein junger israelischer Agent, den er selbst mitgenommen hatte, habe weinselig mit Einheimischen geplaudert. So verbreitete sich in Windeseile das Gerücht, „eine Gruppe von Israelis befände sich im Ort“. Irgendjemand habe dann Eichmann gewarnt. Der Flüchtige sei nämlich in jener Nacht auf dem Weg nach Altaussee gewesen.

Dort, an der Adresse Fischerndorf Nr. 8, lebte seine Frau Vera Liebl mit den drei gemeinsamen Kindern. Irgendwie hatte die Kriminalpolizei davon Wind bekommen und Wiesenthal eingeladen, an der Festnahmeaktion teilzunehmen. Als diese nun knapp gescheitert war, machte sich Wiesenthal Vorwürfe. Sein Kumpan hatte die Aktion verdorben: „Einige Wochen war ich wie gelähmt und konnte mir selbst nicht verzeihen.“ Aber ist das alles wirklich so filmreif geschehen?

2012 hat Wiesenthals Biograf Tom Segev die „Nacht im Schnee“ noch einmal aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Er stützte sich dabei auf Unterlagen aus dem Nachlass des Ex-Geheimdienstlers Michael Bloch. Dieser berichtete darin über eine Operation mit der Bezeichnung „Einwanderungsaktion“. Ziel sei es gewesen, Eichmann in Zusammenarbeit der österreichischen Polizei zu schnappen und das „Subjekt“ anschließend nach Israel zu überführen. Bloch selbst war es, der das Haus von Eichmanns Frau in Altaussee beobachtete:

„Ich bewohnte einige Tage lang eine einsame und leere Hütte, etwa vier km vom Wohnsitz der Ehefrau des Subjekts entfernt, um imstande zu sein, diesen unverzüglich in Empfang zu nehmen.“

Bei minus 20 Grad, wenig Verpflegung und dreckigen Laken als Bettwäsche war das eine miserable Angelegenheit, die Bloch schließlich aufgab. Eichmann habe sich nie blicken lassen. Und was Wiesenthals Rolle angehe, so habe dieser den warmen Komfort von Bad Aussee vorgezogen, anstatt mit Bloch in der Holzhütte zu wachen.

Damit nicht genug, gibt es eine dritte Version, die von einem der beteiligten österreichischen Beamten stammt. Der 2004 verstorbene Leo Maier hatte in der Staatspolizei Karriere gemacht. Nachdem er Ende der 1960er Jahre in Ungnade fiel, begann er Kriminalromane zu schreiben. 1993 veröffentlichte Maier auch seine Memoiren: „Geständnis. Das Leben eines Polizisten.“ Darin gibt er an, kurz vor Weihnachten 1948 einen Anruf des oberösterreichischen Sicherheitsdirektors erhalten zu haben: Eichmann wolle eventuell seine Familien besuchen. Also fuhr er gemeinsam mit einem Kollegen ins Ausseerland:

„Langweilige Angelegenheit. Von Eichmann keine Spur, die Feiertage vergehen. Wir sollen auch übers Neujahr bleiben, das macht uns grantig. Denn Weihnachten war uns egal., aber Silvester hätten wir gern mit Freundinnen in Linz gefeiert.“

Der Tipp, der die ganze Aktion ausgelöst hatte, war ursprünglich von einem früheren Eichmann-Mitarbeiter gekommen – dem SS-Offizier Adolf Urban, der nun für „Informationen“ an westliche Geheimdienste verkaufte. Überwiegend handelte es sich dabei um Falschmeldungen und Gerüchte, so wie im Falle des angeblichen Familienbesuchs. Tatsächlich war Eichmann zu diesem Zeitpunkt in einer kleinen Ortschaft in der norddeutschen Lüneburger Heide untergetaucht, weit weg vom Ausseerland. 1950 hatte er genug Ersparnisse zusammen, um nach Argentinien auszuwandern.

Blick auf Altaussee – das Gebiet war zu Kriegsende 1945 ein Fluchtpunkt der NS-Elite (Quelle: Autor)

Kurze Zeit später sollten sich aber Hinweise ergeben, die letztlich zur Ergreifung des Kriegsverbrechers führten. Das zeigen staatspolizeiliche Dokumente aus dem „Eichmann-Akt“ im Wiener Staatsarchiv. Deutlich wird vor allem eines: Man wusste relativ früh, wohin er sich geflüchtet hatte, aber viele Jahre geschah nichts. Erst 1960 war es soweit: Agenten des Mossad entführten Eichmann nach Israel. Diese „Operation Finale“ wurde zum Mythos und zuletzt von MGM im August 2018 mit Ben Kingsley als Eichmann in Szene gesetzt.

Die eigentlich wichtigere Vorgeschichte ist dagegen praktisch vergessen – und hier kommt wieder Eichmanns Familie in Altaussee ins Spiel. Die erhielt ab und zu etwas Geld. Das fiel auf. Liebl habe zuvor von ihren Schwiegereltern keine Unterstützung erhalten, die Kinder seien „schäbig“ angezogen gewesen. Doch Mitte 1950 „besserte sich der Lebensstandard der Familie Eichmann in Altaussee zusehends.“

Das meldete Wiesenthal 1954 an Nahum Goldmann, dem Präsidenten des World Jewish Congress. Der Brief ist Teil eines Konvoluts, das der US-Geheimdienst CIA erst vor ein paar Jahren online zugänglich gemacht hat. Wiesenthal hatte die mysteriösen Vorgänge rund um das Haus Fischerndorf Nr. 8 stets im Auge behalten. Einer seiner Informanten, der pensionierte Kriminalbeamte Valentin Tarra, meldete am 1. Januar 1953: „Wie ich vor einer Stunde erfahren habe, soll Veronika Liebl-Eichmann mit ihren Kindern im Juli 1952 tatsächlich nach Südamerika ausgewandert sein.“ Wiesenthal unterrichtete den israelischen Konsul in Wien, der diesen Hinweis wiederum an den Mossad weiterreichte.

Der Pass, den Eichmann bei der Einreise in Argentinien benutzte (Quelle: Wikimedia Commons)

Auch das Interesse der heimischen Behörden war geweckt, wie aus dem „Eichmann-Akt“ hervorgeht: Am 10. Jänner 1955 erging eine „Information“ an den Innenminister. Darin wurde vor allem auf die blühende Gerüchteküche eingegangen. Der SS-Obersturmbannführer war in den letzten Kriegstagen 1945 mit einem schwer bewaffneten Trupp persönlich in Altaussee aufgekreuzt. Damals war der Luftkurort das Herz der „Alpenfestung“, in die sich ein Teil der NS-Elite geflüchtet hatte.

Eichmann wollte sich offenbar in die Berge zurückziehen, um dort einen Guerillakampf zu führen. Doch auf der Blaa-Alm blieb der Konvoi stecken. Von da an verlor sich Eichmanns Spur. Angeblich soll vorher noch ein „Schatz“ Raubgold versteckt worden sein, der bis heute die Fantasien anregt. Wie im staatspolizeilichen Bericht vermerkt, hatten Arbeiter in der Nähe der Wohnung von Eichmanns Frau „Aufgrabungen“ festgestellt: „Im Erdreich seien die Kanten einer Kiste noch gut sichtbar gewesen.“

Weiter heißt es:

„Die Gattin Eichmanns, die nach 1945 wieder ihren Mädchennamen Vera Liebl angenommen habe, sei im Sommer 1952 mit ihren Kindern angeblich nach Deutschland ausgereist. Sie habe aber die Wohnung behalten und auch nicht abgemeldet. Seit 2 Jahren stehe die Wohnung leer. Die Miete werde regelmäßig bezahlt. Von Zeit zu Zeit fahren Autos vor der Wohnung vor. So seien vor kurzem auch zwei Herren vorübergehend dort gewesen. Einer von ihnen sei nach der Personenbeschreibung der gesuchte Adolf Eichmann gewesen.“

Wurde hier Raubgold vergraben? Die Vorgänge auf der Blaa-Alm regen bis heute die Fantasie an (Quelle: Autor)

Der angeblichen Sichtung wurde nachgegangen, wie aus einem anderen Dokument vom 12. Jänner 1955 hervorgeht. Allerdings „konnten keine konkreten Anhaltspunkte erbracht werden, dass Adolf Eichmann seit dem Jahre 1945 jemals in Österreich war.“ Wenn auch gleich von mehreren Personen angegeben wurde, „dass Eichmann in den letzten Jahren in Altaussee gesehen worden sei, so ergab sich bei den Erhebungen immer wieder, dass eine einwandfreie Identitätsfeststellung nicht vorlag.“

Im Innenministerium war man ohnedies skeptisch, dass Eichmann ein solches Risiko eingehen würde, „da er doch genügend Mittelsleute hätte, um allenfalls mit ihnen wegen der Beschaffung von Subsistenzmitteln, wie zum Bespiel von gehortetem Gold, in Verbindung treten könnte.“

Zumindest der hastige Verzug von Eichmanns Frau und Kindern führte zu weiteren Nachforschungen. Ein vertraulicher Bericht der Sicherheitsdirektion Oberösterreich von Anfang Oktober 1959 hielt fest, dass sich Eichmann samt Familie „Gerüchten und Vermutungen“ zufolge in Südamerika („Argentinien oder Brasilien“) aufhalte. Es wurde angeregt, zu überprüfen, ob Vera Liebl-Eichmann oder einer ihrer Söhne in einer „Pass- oder anderen Angelegenheit“ an zuständige Stellen herangetreten war. So ließe sich ein „wichtiger Anhaltspunkt für deren (wenigstens seinerzeitigen) Aufenthaltsort“ finden.

Viel spricht dafür, dass man im Sicherheitsapparat mehr wusste als in dem ohnehin dünnen Akt überliefert ist. So erwähnte Wiesenthal in dem bereits zitierten Schreiben an Goldmann eine Unterredung mit Maximilian Pammer, dem Leiter der Staatspolizei. Dieser habe ihm im Juli 1953 gesagt, „er besitzt Informationen, nach welchen Eichmann nicht mehr in Österreich ist, sondern sich in Argentinien aufhält.“

Endgültige Klarheit sollte 1957 herrschen: Da wandte sich ein in Argentinien ansässiger jüdischer Emigrant an den Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Er wisse, wo Eichmann sich aufhalte, weil sich seine Tochter ausgerechnet mit dessen Sohn Klaus angefreundet habe. Bauer ermöglichte einem Mossad-Agenten eines Nachts Zugang zu seinem Büro, damit dieser die Akte abfotografieren konnte –  ohne dass irgendetwas nach außen drang.

Weil der Geheimdienst primär mit der Bedrohung durch arabischen Nachbarstaaten beschäftigt war, sollte es noch drei Jahre dauern bis Eichmann am 11. Mai 1960 dingfest gemacht wurde – am Stadtrand von Buenos Aires, wo er mit seiner nachgekommenen Familie unter dem Namen Ricardo Klement gelebt hatte. Die Mossad-Leute überwältigten ihn am Heimweg von der Busstation und verbrachten ihn nach Israel. Dort wurde er am 15. Dezember 1961 zum Tode verurteilt und einige Monate später hingerichtet.

Eichmann während seiner Haft in Ramla 1961 (Quelle: Wikimedia Commons)

Offiziell haben die Ermittlungen in Österreich selbst nie viel erbracht. Zwar hatte schon im September 1946 das Volksgericht Wien Untersuchungen eingeleitet, das Strafverfahren zog sich aber ergebnislos hin. Vor allem Wiesenthal bemühte sich immer wieder, neues Momentum zu erzeugen.

Am 17. August 1959 schrieb er einen Brief mit Ratschlägen an Innenminister Josef Afritsch: „Ich glaube, wenn das Innenministerium Interesse hätte, könnte man in dieser Sache weiterkommen, auch wenn sich Eichmann nicht mehr in Österreich befände. Seine Gesprächspartner in Österreich wissen, wo er sich befindet. Die Sicherheitsdirektionen haben in diesen Kreisen Vertrauensmänner und könnten bei einer Anstrengung zu Resultaten kommen.“

Doch 1960 vertrat man im Justizministerium den Standpunkt: „Es wurde bisher keine Voruntersuchung eingeleitet, sondern lediglich ein Streckbrief erlassen, sodass die Verjährung gehemmt ist. Das gegen Eichmann beim österreichischen Gericht vorliegende Beweismaterial ist gering und unbedeutend.“

Die Zurückhaltung hatte gute Gründe: Zwar versteifte man sich darauf, dass der 1906 in Solingen geborene, aber in Linz aufgewachsene Eichmann „Deutscher“ war, aber für die Nachkriegsrepublik war die Causa hochbrisant. Wenige Monate vor Beginn des Prozesses in Israel warnte Sektionschef Franz Rupertsberger, „dass beim Prozess Vorgänge in Österreich und das Verhalten von Personen, die mit Adolf Eichmann in Zusammenhang gebracht werden, zur Sprache kommen“.

Letzterer Hinweis galt den sogenannten „Eichmann-Männern“, engen Mitarbeitern, die großteils Österreicher waren. Das alles widersprach dem Selbstbild der jungen Republik als „Hitlers erstes Opfer“, das keine Mitverantwortung zu tragen habe. Deshalb wurden auch zwei Prozessbeobachter nach Israel entsandt. Diese sollten vor Ort „von dem Interesse Österreichs an dem Problem zur Lösung noch unerledigter Kriegsverbrecherfälle überzeugen“, wurde Ende November 1961 der Ministerrat offiziell informiert.

Die Beobachter, aber auch die Vertretung in Tel Aviv waren instruiert „insbesondere“ über „Vorfälle“ zu berichten, „durch die österreichische Interessen berührt werden“. Beispielsweise als das Gerücht aufkam, wonach Eichmann wolle nach der „Justifizierung“ in Linz bestattet werden. Dem wurde „im Kreise der Familie Eichmanns“ nachgegangen und Entwarnung gegeben.

Eichmann (links im Glaskasten) wird 1961 zum Tode verurteilt (Quelle: Wikimedia Commons)

Die juristische Verfolgung von NS-Tätern dagegen verlief weiter zögerlich. Nur wenige landeten vor Gericht und es kam zu teils skandalösen Freisprüchen. Auch den Fall Eichmann legte man zu den Akten: Fast vier Jahre nach der Hinrichtung, am 13. Mai 1965, wurde auch das Verfahren „wegen Tod des Beschuldigten“ eingestellt.

Biografischer Hintergrund zu Adolf Eichmann:

„Er ist ein sehr gewöhnlicher, normaler Mann. Das ist das Geheimnisvolle an ihm. Wie konnte ein solch gewöhnlicher, normaler Mann wissentlich solche Gräueltaten begehen?“ – so wurde Eichmann von dem Pfarrer William Hull beschrieben, der ihm während der Haft als „Beichtvater“ zur Seite stand. Eichmann ist bis heute die Symbolfigur für millionenfachen Mord.

1932 der NSDAP und SS beigetreten, hatte Eichmann im Reichssicherheitshauptamt Karriere gemacht. Nach dem Anschluss 1938 baute er in Wien eine „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ auf, die die jüdische Gemeinde systematisch beraubte und zur Emigration zwang. Zum Referatsleiter für „Judenangelegenheiten“ aufgestiegen, war Eichmann bald für die Organisation der Deportationen in Ghettos und Konzentrationslager zuständig.

Ein „Schreibtischtäter“ oder „Befehlsempfänger“ aber war er nie. Eichmann wohnte einer Massenerschießung bei, inspizierte den Vernichtungsbetrieb und genoss seine Macht. „Er wurde zum Völkermord herangebildet und entschied sich dafür, das Gelernte in die Tat umzusetzen“, so das Fazit des Biografen David Cesarani. Eichmann habe vorgeführt, dass es nicht nötig ist, „abnorm zu sein, um zum Praktiker des Völkermords zu werden.“