Vorbote in Sachen Skripal? So aktuell ist ein 56 Jahre alter österreichischer Spionagekrimi

Es ist zum Synonym für einen neuen Kalten Krieg geworden: Nowitschok. Nun starb eine 44jährige Britin, nachdem sie offenbar zufällig dem Nervengift ausgesetzt war – eine tödliche Hinterlassenschaft des Mordanschlags auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal am 4. März 2018. Giftmorde gehören aber seit jeher zum Standardrepertoire im Schattenkrieg der Geheimdienste. Zählt dazu auch ein spektakulärer Fall aus Österreich? Vor 56 Jahren erkrankte Bela Lapusnyik, ein Überläufer, plötzlich und war nicht mehr zu retten. Und welche Rolle spielte dabei ein gefährlicher Spitzel innerhalb der Staatspolizei – „Mr. Seven“?

 Kaum ein Wort regt mehr die Fantasie an als „Spion“. Gleich ob James Bond, Jason Bourne oder Ethan Hunt, der Mythos vom Geheimagenten ist aus der Populärkultur nicht wegzudenken. Immer handelt es sich um „Allzweckwaffen“, intelligent und begehrenswert, aber auch skrupellos und tödlich. Mit der Realität hat das freilich wenig zu tun. Dazu genügt ein Blick hinter die Kulissen der Spionage im Kalten Krieg.

Unter dem Schutzmantel diplomatischer Immunität war man selbst in Moskau oder Washington relativ sicher. Außerdem lautet noch heute ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich Agenten nicht gegenseitig ins Visier nehmen. Eine Ausweisung ist mitunter das Schlimmste, das bei einer Enttarnung droht. Das eigentliche Risiko tragen jene, die die eigentliche Arbeit machen und geheime Informationen beschaffen: Sogenannte „Quellen“, die sich aus verschiedensten Gründen dazu entschlossen hatten, ihr Land zu verraten. Ein ehemaliger CIA-Mann hat deswegen auch kleinlaut eingeräumt:

„Wir sind keine Spione. Wir führen Spione. Wir rekrutieren Spione.“

Nur einige wenige ragen aus der Anonymität heraus: Kim Philby, Aldrich Ames oder Robert Hansson wechselten aus Überzeugung, Geldgier und mangelnder beruflicher Anerkennung die Seiten. Erst kürzlich wurde ein Ex-Offizier des US-Militärgeheimdienstes wegen Spionage für China festgenommen.

In Österreich sehr bekannt ist der Fall des k. u. k-Generalstabsoffiziers Alfred Redl. 1913 war er als russischer Spion enttarnt worden. Um die Sache zu vertuschen, zwang man Redl praktisch, Selbstmord zu begehen – was den bald öffentlichen Skandal nur umso größer machte. Im Unterschied dazu ist das Thema Verrat im Kalten Krieg noch kaum erforscht. Und dass obwohl Österreich damals zu einer Spionagedrehscheibe wurde.

In diese Machenschaften waren Österreicher von Beginn an verstrickt. Die wirtschaftliche Not der Nachkriegszeit machte es westlichen und östlichen Geheimdiensten leicht, Informanten zu rekrutieren. Ein US-Diplomat hatte 1950 gar den Eindruck, jeder vierte Salzburger würde für einen der zahllosen Nachrichtendienste arbeiten. Diese „Laien-Agenten“ wühlten im Papiermüll von Kasernen, versuchten Soldaten „auszuhorchen“ oder notierten die Nummern von Autokennzeichen. Nicht wenige bezahlten dafür mit dem Tod. Insbesondere die sowjetischen Militärtribunale kannten kein Pardon. Zwischen 1950 und 1953 wurden 104 Österreicher wegen Spionage in Moskau hingerichtet.

Später ging es professioneller zu. In der Verwaltung und im Sicherheitsapparat hatten insbesondere die östlichen Dienste ein dichtes Netz von Zuträgern aufgezogen. Nach der „Wende“ 1989 habe es 200 Verdachtsfälle gegeben, schreibt der ehemalige Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Michael Sika. Die Aufklärung, wer nun konkret für den Osten gearbeitet hatte, sei jedoch „nicht besonders gut gelaufen“. Von 1983 bis 1996 wurden 82 Personen wegen Verdachts auf Landesverrat angezeigt. Nur sechs wurden rechtskräftig verurteilt. Großes Aufsehen erregten Enthüllungen rund um Helmut Zilk, der Ende der 1960er Jahre Kontakte zur tschechoslowakischen Staatssicherheit (StB) unterhielt.

Spion im Innenministerium

Während Zilk aber nur ein relativ unbedeutender Informant gewesen sein dürfte, hatte der StB zur selben Zeit eine wirkliche Spitzenquelle an der Angel. Dieser besonders umtriebige Verräter wurde offiziell nie enttarnt. Sein Spitznamen „Mr. Seven“ war keine Anspielung auf James Bond, sondern verwies auf die brisante Arbeitsadresse des Spions: Wien, Herrengasse Nr. 7, das Innenministerium. Öffentlich bekannt wurde der Fall schon 1972. Der StB-Offizier Ladislav Bittmann, der auch mit Zilk zu tun gehabt hatte, war nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ übergelaufen und veröffentlichte einen Memoirenband. Darin hieß es wenig schmeichelhaft:

„Die österreichische Polizei und Spionageabwehr waren weitgehend von osteuropäischen Agenten unterwandert. Sogar auf höchster Ebene der österreichischen Sicherheitstruppen saß ein tschechischer Geheimdienstmann, den seine Kollege ‚Herr Sieben‘ nannten.“

Im Februar 1974 befragte ein Emissär der Staatspolizei einen weiteren abtrünnigen StB-Agenten. Jarouslaus Hladik hatte sich im Oktober 1973 den schwedischen Behörden gestellt. Obwohl er „Mr. Seven“ nie persönlich begegnet war, wollte er einiges erfahren haben. Der Spion sei die „bedeutendste Quelle der Zentrale überhaupt“:

„Wörtlich hieß es: ‚Und wenn wir außer ihm niemand hätten, was er liefert und wie produktiv er ist, genügt, um unsere Abteilung zu ernähren. Unsere Existenz ist allein durch diesen Agenten gerechtfertigt.‘“

Der Überläufer

Mit „Mr. Seven“ in Verbindung gebracht wird ein mysteriöser Fall heimischer Spionagegeschichte: In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1962 war ein 24jähriger Unterleutnant des ungarischen Geheimdiensts Magyar Államrendőrség Államvédelmi Osztálya (AVO) bei Nickelsdorf über die Grenze geflüchtet. Dieser Bela Lapusnyik war angeblich ein Top-Überläufer. Damalige Medienberichte behaupteten, er habe im Saum seines Ledermantels eine Liste von 180 Österreichern mitgebracht, deren Namen auf Kontaktlisten östlicher Dienste standen. Im Kurier hieß es:

„Die Aussagen dieses Mannes waren von größter Bedeutung. Sein Wissen um die Geheimdiensttätigkeit war von größtem Wert für die österreichischen Sicherheitsdienststellen und damit nicht zuletzt für die innere Ordnung und Ruhe in unserer Republik.“

Ein Kurierflugzeug der CIA habe Lapusnyik abholen und außer Landes bringen sollen. Doch kurz davor starb er – in österreichischem Polizeigewahrsam, um den er aus Sicherheitsgründen selbst gebeten hatte. Einige Jahre später wurden Gerüchte laut, der junge Ungar sei von einem StB-Agenten umgebracht worden. Hauptverdächtiger: „Mr. Seven“.

Hauptquelle hiefür war ein weiterer Überläufer, der es in den Westen geschafft hatte. Drei Jahre nach Lapusnyiks Tod sagte dieser László Szabó vor dem US-Kongress aus. Er erinnerte sich, dass nach der Flucht von Lapusnyik eine interne Anordnung der AVO-Leitung zirkulierte. Darin wurde dieser als korrupter und unmoralischer Verräter gebrandmarkt, der dem Dienst großen Schaden zugefügt hatte. Der Fall an sich sei aber unter Verschluss genommen worden – weil, wie Szabó gehört haben wollte, Lapusnyik vom tschechischen StB vergiftet wurde.

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Lapusnyik war im Polizeigebäude Rossauer Lände untergebracht (Quelle: Wikimedia Commons/GuentherZ)

Spurensuche

Dem Fall wirklich auf den Grund zu gehen, ist auch heute nicht möglich. Die Akte zu Lapusnyik im Wiener Staatsarchiv besteht nur aus ein paar Blättern. Demnach hatte er schon während seiner Einvernahme über Halsschmerzen geklagt und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich.

In den Morgenstunden des 3. Juni 1962 lautete der Befund schließlich auf Mandelabszess. Daraufhin wurde eine „sofortige Überführung“ in die chirurgische Abteilung des AKH veranlasst. Dort wurde Lapusnyik in einem Einzelzimmer untergebracht und ständig von zwei Justizwachebeamten beaufsichtigt. Doch bereits in den Abendstunden des 3. Juni 1962 war der Patient kaum noch ansprechbar:

„Ein Ärztekonsilium, das noch in der Nacht zusammenkam, äußerte die Ansicht, dass es sich um eine Vergiftungserscheinung handle, ohne eine nähere Ursache angeben zu können.“

Als endlich ein Dolmetscher anwesend war, konnte Lapusnyik nicht mehr sprechen. Laut einem Medienbericht kritzelte er auf einen Zettel, dass man ihm den Magen auspumpen solle. Bevor es dazu kam,  verstarb er am 4. Juni 1962 gegen 05.45 Uhr.

Ein todkranker Mann

Bei der Obduktion wurde festgestellt, dass der junge Ungar ein todkranker Mann gewesen war. Die Ärzte konstatierten Mandel- und Dünndarmentzündung, Bronchitis und eine gewisse Herzschwäche. Aufgrund der langen Inkubationszeit wurde geschlossen, dass Lapusnyik bereits in schlechtem Zustand nach Österreich gekommen war.

Das plötzliche Ableben des Überläufers löste „in Kreisen westlicher Agenten […] mancherlei Vermutungen“ aus, berichtete die Arbeiter-Zeitung. Sogar das US-amerikanische FBI habe sich an der Klärung des Falls „überaus interessiert“  gezeigt. Es gab wilde Spekulationen über eine gegen Lapusnyik eingesetzte „Bakterienpistole“ und Vergleiche mit ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit: War doch der ukrainische Partisanenführer und NS-Kollaborateur Stepan Bandera 1959 in München mit Blausäuregas vergiftet worden, das ihm ein Sowjetagent ins Gesicht gesprüht hatte.

Die KGB-Giftfabrik

1974 wurde Lapusnyiks Tod vom US-amerikanischen Autor John Barron als ähnlich teuflischer Mord interpretiert. „Mr. Seven“ habe zu dem abgeschirmten Lapusnyik Zugang gehabt und ihn so vergiften können. Die dafür notwendige Substanz habe aus dem berüchtigten Laboratorium X, einer Giftfabrik des KGB gestammt. Bei der Autopsie waren keine entsprechenden Anzeichen festgestellt worden:

„Das war auch unwahrscheinlich, weil das Moskauer KGB-Labor und Agent sieben in Wien gute Arbeit geleistet hatten.“

Das Laboratorium X noch heute mit zahllosen Vergiftungen russischer Regimegegner in Zusammenhang gebracht – bis hin zum Fall Skripal.

Zieht man aber Lapuysniyks Krankengeschichte in Betracht, so dürfte sein Tod letzten Endes doch „natürlich“ gewesen sein. Außerdem würde es gegen alle Regeln des Spionagegeschäfts verstoßen, eine Topquelle wie „Mr. Seven“ für einen Auftragsmord einzusetzen. Das Risiko einer Enttarnung wäre zu hoch gewesen. Tatsächlich soll die Staatspolizei bereits 1962 Verdacht geschöpft haben.

Ein Sektionsrat auf Abwegen

Man vermutete Alfred P., damals Sektionsrat im Innenministerium, hinter dem Phantom „Mr. Seven“. Doch anstatt eine Sachverhaltsdarstellung der Staatsanwaltschaft zu übergeben, schritt man zu einer „österreichischen Lösung“, wie sich der ehemalige Staatspolizist Erwin Kemper in seinem Buch „Verrat an Österreich“ (1996) erinnert. Kollegen hätten versucht, den vermeintlichen „Mr. Seven“ beim Caféhaus-Plausch zu unbedachten Äußerungen hinzureißen – was diesen erst recht misstrauisch machte.

Laut dem Autor Harald Irnberger gab es für die zaghafte Vorgangsweise einen guten Grund. Eine aufsehenerregende Enttarnung hätte weite Kreise gezogen und westliche Agenten in der Tschechoslowakei gefährdet. Deshalb habe man sich darauf beschränkt, den Verdächtigen auf ein „Abstellgleis“ zu schieben. Er befasste sich infolge mit Gemeindeangelegenheiten und Familienpolitik. Nachdem etwas Gras über die Sache gewachsen war, habe „Mr. Seven“ den Agentenjob wiederaufgenommen – freilich ohne noch groß „liefern“ zu können.

Ob P. „Mr. Seven“ war, wurde nie geklärt. Als ihn der ORF-Report 2010 vor laufender Kamera mit den Vorwürfen konfrontierte, schwieg der nunmehrige „Ministerialrat in Ruhe“. Nur die Frage, ob er Lapusnyik „vergiftet“ habe, lockte ihn aus der Reserve:

„Geh bitte, hearns auf!“

2016 ist P. verstorben.

HINWEIS: Gekürzte Fassung ist am 25. Juli 2018 in der Furche Nr. 30/2018 unter dem Titel „Phantom des Kalten Krieges“ erschienen.

Mehr lesen:

Thomas Riegler, Jagd auf „Mr. Seven“, in: Öffentliche Sicherheit, Nr. 7-8/2017, 41-44. http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_OeffentlicheSicherheit/2017/07_08/files/ZEITGESCHICHTE.pdf