„Guten Tag, hier Hildy“

Anfang der 1980er Jahre informierte ein Spitzel die DDR-Staatssicherheit über die Neonazi-Szene in Österreich. Eine Spionagegeschichte der etwas anderen Art.

„Persönlich!!!! Streng vertraulich!!!!“. Das stand auf einem mysteriösen Brief, der am 28. September 1982 im Hauptquartier des DDR-Geheimdiensts eintraf. Der Absender hatte nur mit „F.“ gezeichnet, weil er „ganz vorsichtig“ ans Werk gehen wollte. Er sei ein „absoluter Kenner“ der rechten Szene in Österreich und im süddeutschen Raum. Unter anderem sei er mit Norbert Burger sowie hohen Funktionären von dessen Nationaldemokratischer Partei (NDP) bekannt. Der Briefschreiber versicherte, seine Identität preiszugeben, sobald ihn die Stasi kontaktiere. Er setzte dafür eine Frist von einem Monat. Bis dahin sollte man eine Nachricht „per Telex“ an eine Fernschreiber-Nummer senden. Der Anschluss war rasch ermittelt: Ein Hotel in einem Wintersportort in Westösterreich.

Der Brief ist Teil einer 356 Blatt umfassenden Akte im Archiv der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit (BStU). Dass der DDR-Geheimdienst die rechtsextremistische Szene in Westdeutschland unterwandert hatte, ist bereits bekannt. Mindestens 42 „Inoffizielle Mitarbeiter“ hatte man unter den Neonazis und in deren Umfeld platziert. Warum? Man fürchtete sich vor „provokativen“ Anschlägen. Überhaupt wurde der damals wiedererstarkte Neonazismus als Bedrohung des „Arbeiter- und Bauernstaats“ wahrgenommen, die es aufzuklären galt. Dass passierte auch in Österreich. Nun gibt es erstmals handfeste Belege zu einem konkreten Fall.

HVA-Berlin
Ehemaliger Sitz der für Auslandsspionage zuständigen Hauptverwaltung Aufklärung (Quelle: Bettenburg/Wikidmedia Commons)

Der Briefschreiber war ein klassischer „Selbstanbieter“, also jemand, der von sich aus Informationen anbietet. Zuständig war in diesem Fall die Abteilung XXII, die „Terrorabwehr“ der Stasi, die sich auch mit rechtsextremistischen Gruppen befasste. Zunächst war man wegen der dreisten Vorgangweise misstrauisch. Aber es gab nur einen Weg herauszufinden, ob es die „Kontaktperson“ ernstmeinte.

Am 29. Oktober 1982 sandte ein Stasi-Offizier den im Brief vorgegebenen Antworttext an besagte Fernschreibernummer:

„Guten Tag, hier Hildy. Habe Deine Mitteilung erhalten. Bin leider zurzeit nicht in Deiner Nähe. Du weißt doch, wo ich mich aufhalte. Komme bitte zu mir und rufe mich an. Ich freue mich, lieber Herbert, Dich wiederzusehen und hoffe, dass Du auch kommst.“

Antwort kam prompt: „Sie sind hier bei mir richtig, warte auf Antwort. Bin hier im Hotel Buchhalter.“ Weil die teils verstümmelte Nachrichtenübermittlung mehr Verwirrung als Klarheit schuf, fragte der Stasi-Offizier nach einer Telefonnummer. Dort rief er tags darauf an und vereinbarte ein Treffen für den 3. November 1982 in der Halle des Palasthotels in Ost-Berlin. Der Unbekannte war sofort einverstanden, „fragte jedoch ‚Ost oder West‘ (er meinte Berlin)“. Der Stasi-Offizier antwortete „Ost“, was sein Kontakt mit „Okay“ bestätigte.

Angesetzt war das Treffen um 10 Uhr. Doch der Informant erschien fünf Stunden zu spät. Grund war eines jener Missgeschicke, wie sie im Verlauf seiner Agententätigkeit noch häufig vorkommen sollten. Er war von der vorgeschriebenen Transitstrecke abgewichen und direkt Richtung Ost-Berlin losgefahren. Als ihn die Volkspolizei um 05.45 Uhr aufhielt, sagte er rundheraus, dass ihn die Staatssicherheit zu einem Treffen erwarte. Weil alles seine Ordnung haben musste, brachte man „F.“ zur nächsten Grenzübergangsstelle zurück, wo er sich das passende Tagesvisum beschaffte.

Endlich im Palasthotel erkannte der Informant seine künftigen Führungsoffiziere an einem schwarzen Aktenkoffer, den man als Geheimzeichen vereinbart hatte. Er stellte sich als Hubert F. (Name geändert) vor, 31 Jahre alt, gelernter Fernmeldemonteur und seit einem Jahr Hotel-Buchhalter. Nach Engagement im Jugendverband der KPÖ sei er nun „Vertrauensperson der NDP-Szene in Österreich“ und in „vertrauliche Belange dieser Partei voll einbezogen“. So behauptete F. gleich eingangs, die NDP hätte 1982 von einer US-amerikanischen Nazi-Partei finanzielle Zuwendungen erhalten.

F. offenbarte, dass er bereits mit der österreichischen Staatspolizei inoffiziell zusammengearbeitet hatte. Zwischen Herbst 1981 bis August 1982 sei er Informant für die Stapo-Stelle bei der Salzburger Sicherheitsdirektion gewesen. Das sei aber frustrierend gewesen: Weder hätte man dort die „Gefahr des Neonazismus“ richtig einschätzen noch bekämpfen können.

Sauer stieß F. auf, dass die für ihn zuständigen Stapo-Offiziere während der Treffs „viel Alkohol“ getrunken, sein Engagement aber nicht entsprechend „gewürdigt“ hätten. Kritik an der bescheidenen Vergütung der Informantentätigkeit wurde abgeschüttelt: „Sie wären eben nicht Mitarbeiter des CIA und des BND“. Ab August 1982 bestand kein Kontakt mehr. F. betrachtete sich als „fallengelassen“. Weil es ihm aber um eine „offensive Bekämpfung der gesamten Rechtsszene“ gegangen sei, habe er schließlich die Stasi kontaktiert.

Die wiederum durchschaute die Fassade. Das beherrschende Motiv von F. liege in der „persönlichen Befriedigung“. Gründe für Frustration gäbe es genug:

„Seine Verbitterung über seine gescheiterten Versuche, als Unternehmer zu bestehen. Die Ehescheidung, die ihn persönlich sehr belastete. Die genannte Nicht-Auslastung in seiner fachlichen Tätigkeit als Buchhalter sowie die Möglichkeit der Nutzung der modernen Nachrichtenmittel des exklusiven Hotels.“

Wo F. bekundete, für das Informations-Sammeln „eine Ader“ zu haben, erkannten seine Führungsoffiziere den Antrieb, „im Leben etwas Besonderes, Markantes, Außergewöhnliches zu erreichen“. Mit professioneller Agentenarbeit hatte das alles freilich nichts zu tun, dazu war F. viel zu mitteilungsbedürftig:

„Sein Redefluss (relevante Informationen) hielt selbst beim Servieren an, und er musste mehrfach diskret zum Schweigen ermahnt werden.“

Im Verlauf des ersten Treffens gab F. an, in Besitz „umfangreicher schriftlicher Unterlagen sowie einer aktuellen Kartei mit über 100 Kräften des Neofaschismus“ zu sein. Die Stasi wiederum äußerte Interesse an Informationen über „Bestrebungen“ rechtsradikaler Kleinparteien in der BRD. Mehr erfahren wollte man zudem über die Festnahme des Rechtsterroristen Ekkehard Weil: Dieser war 1982 ausgerechnet von NDP-Chef Burger der Staatspolizei übergeben worden. Weil hatte zuvor zahlreiche Bombenanschläge – unter anderem gegen die Wohnung von „Nazijäger“ Simon Wiesenthal – unternommen. Obwohl Weil dabei von mehreren NDP-Leuten unterstützt worden war, versuchte Burger ihn als „Ostagenten“ abzutun, der das rechte Lager in Österreich in Verruf bringen wollte.

Die Führungsoffiziere schärften F. noch ein,

„dass sich die Zusammenarbeit in keiner Weise gegen den Staat Österreich richtet. Und dass das MfS darüber hinaus keine Aktivitäten der KP billigen wird, die im Rahmen seiner Rolle in der Rechtsszene gegen den österreichischen Staat gerichtet sind“.

Gleichzeitig ermunterte man ihn, den Kontakt zur Stapo wiederaufzufrischen. Informationen zu Mitarbeitern und Methoden gegnerischer Dienste waren für die Stasi natürlich von besonderem Wert – auch deswegen, weil die Dienststelle Salzburg

„als einzige Bundesdirektion Österreichs direkt mit Experten aus dem BRD-Bundesland Bayern zusammenarbeitet und Abstimmungen mit Geheimdiensten vornimmt“.

Man unterhielt sich bis 19 Uhr und aß dann noch zu Abend. Um 22 Uhr machte sich F. auf die Rückreise. Seine Führungsoffiziere rechneten ihm an, dass er die

„persönliche Strapazen einer An- und Rückreise von je 900 Autokilometern ohne Unterbrechung durch Hotelübernachtung auf sich nahm“.

Dafür gab’s 1.000 DM bar auf die Hand, eine dringend nötige Geldspritze für den klammen Buchhalter. Seinen Decknamen legte man später auf „Oscar“ fest.

Stapo_3
Die Stasi rechnete die Konsumation bei den Treffgesprächen penibel ab

Vier weitere Male trat F. die Reise an – im März 1983, im Mai, Juni und Oktober 1984. Er kassierte insgesamt 9.700 DM (heute rund 9.300 Euro). Die Ausbeute, die die Stasi dafür bekam, wurde als „wertvoll“ eingestuft: F. übergab Fotos von Veranstaltungen, Flugzettel und Wahlkampfmaterial der NDP, NS-Literatur und Kopien von Presseberichten zur NS-Szene in Österreich sowie selbstgeschriebene Kurzberichte. Besonders interessiert war die Stasi an Angaben zu zwei polnischen Emigranten, die im Heimatort von F. lebten. Angeblich waren sie flüchtige Anhänger der antikommunistischen Gewerkschaft Solidarność und hatten F. um Hilfe bei der Beschaffung von Pistolen angesprochen.

F. meldete weiters die Bildung einer „Wehrsportgruppe Fieberbrunn“, die ab September 1983 in der Nähe von Hochfilzen (Tirol) regelmäßig paramilitärische Übungen abgehalten haben soll. In einem Waldgrundstück mit Bauernhof bei Neunkirchen/Braunau ortete F. gar eine „Art Geheimzentrale führender rechtsextremistischer Personenkreise Österreichs und der BRD“. Zwischenzeitlich sollen sich dort der Wehrsportgruppen-Chef Karl-Heinz Hoffmann und der deutsche Neonazi-Führer Michael Kühnen aufgehalten haben. Kaum Resultate zeigten die wiederaufgenommen Stapo-Kontakte: Diese hatten den Charakter von „Biertischgesprächen“ und entlohnt wurde F. zu seiner Enttäuschung auch nicht.

Im Juli 1984 verlor F. seine Anstellung. Seine finanzielle Situation hatte sich schon vorher verschlechtert. Aus der Notlage heraus beging er den nächsten Fauxpas: Am 5. Juni 1981 platzte er in die DDR-Botschaft Wien. Offen sprach er über seine Verbindung zur Stasi und bat um 10.000 österreichische Schilling, um angeblich einen Auftrag realisieren zu können. Für einen Spitzel war eine solche Vorgangsweise ein No-Go, alleine schon wegen des Risikos ins Blickfeld der Spionageabwehr zu geraten. Seitens der Botschaft erklärte man sich für nicht zuständig, woraufhin F. drohte, zur Staatspolizei zu gehen. Am nächsten Tag erschien er erneut und blitzte wieder ab. Aus Frust blockierte F. daraufhin kurzzeitig die Botschafts-Ausfahrt.

CIMG9025
Ehemalige DDR-Botschaft in der Frimbergergasse in Hietzing

Beim nächsten Treffgespräch im Oktober 1984 musste er dazu Rede und Antwort stehen. Vermutungen, F. sei ein Doppelagent, hatten aber keine Anhaltspunkte erbracht. Trotzdem sollte es sein letzter Kontakt zur Stasi sein. Noch einmal wartete F. mit einer brisanten Information auf: Ein besonders militanter Salzburger Neonazi plane „antisowjetische Aktivitäten“. Nach der bereits erfolgten Verwüstung des Lagerfriedhofs in Grödig sollte ein Brandbombenanschlag auf das sowjetische Generalkonsulat in Salzburg folgen.

Die Stasi entschied der Stapo einen anonymen Brief zukommen zu lassen. Darin wurde vor besagtem Neonazi und seinen Absichten gewarnt, „die schwere Folgen haben“. Außerdem wies man darauf hin, dass der Mann in seiner Wohnung „eine Maschinenpistole, mehrere Pistolen und Handgranaten“ versteckt habe – so wie es F. mittgeteilt hatte. Einen Wink gab es auch an die „sowjetischen Genossen“. Jedenfalls kam es zu keinem Anschlag.

Stapo
Auszug aus dem anoynmen Schreiben

Ansonsten war die Stasi längst desillusioniert:

„F. ist außerordentlich schwatzhaft veranlagt und bestrebt, sein Wissen zum genannten politischen Bereich anderen Personen mitzuteilen. Es ist nicht auszuschließen, dass er evtl. Informationen für neofaschistische Kreise Österreichs sammelt und außerdem als Informant für österreichische Abwehrorgane arbeitet.“

Noch alarmierender war ein Hinweis aus Ungarn. Bereits am 3. Juli 1984 war F. am Grenzübergang Hegyeshalom aufgetaucht und hatte folgendes Angebot unterbreitet:

„Übermittlung wertvoller Informationen über österreichische neofaschistische Organisationen“.

Die ungarischen Organe waren nicht beeindruckt und verhängten eine Einreisesperre.

Trotz „angedeuteter Vorhalte“ schwieg F. dazu beim letzten Treffgespräch. Daraufhin entschied sich die Stasi, den „Abbau der inoffiziellen Verbindung“ einzuleiten. Nur bestärkt wurde man durch eine Meldung im Februar 1985: F. befände sich durch seine Reisen in Ostblockländer längst „im Blick gegnerischer Grenzkontrollorgane“. Es war nicht mehr auszuschließen, dass er gegenüber westlichen Diensten ausgesagt hatte. Eigentlich war im Mai 1985 noch ein Treffen anberaumt gewesen, aber F. meldete sich von sich aus nicht mehr. Im Jahr darauf erfuhr man noch, dass er von den „BRD-Abwehrorganen“ in Fahndung gestellt worden war und dass seine Reisebewegungen unauffällig überwacht würden. Mehr geht aus der Akte „Oscar“ nicht hervor.

Es war das sang- und klanglose Ende einer von unzähligen kleinen Spionagegeschichten des Kalten Krieges. Und es zeigt sich einmal mehr, dass der menschliche Faktor der unberechenbarste in der Geheimdienstarbeit ist und bleibt.

HINWEIS: Geringfgig gekürzte Version ist in profil. Nr. 34/2018 unter dem Titel „Außerordentlich schwatzhaft“ erschienen.