„Ein guter Ort für die Arbeit“ : Russische Spionage in Österreich

Ein längst pensionierter Salzburger Offizier, der zuletzt im Bundesministerium für Landesverteidigung gearbeitet hat, soll seit den 1990er Jahren Informationen an Russland geliefert haben. Konkret kommt hier die Hauptverwaltung Aufklärung in Betracht, mittlerweile unter ihrer Abkürzung GRU weltbekannt. Die kolportierte Summe von 300.000 Euro ist ein Indikator dafür, wie brisant der Verrat war. Nur zum Vergleich: Der CIA-Maulwurf Aldrich Ames, der zahllose Quellen ans Messer lieferte, kassierte 4,5 Millionen Dollar. Da  mutet der „moderne Redl“ auf den ersten Blick vergleichsweise harmlos an. Allerdings soll der geständige Oberst M. neben NATO-Informationen auch Persönlichkeitsprofile höherer Offiziere weitergegeben haben. Damit hat die GRU Ansatzpunkte für „Anbahnungen“ in der Hand – also etwa Schwachstellen wie Geldsorgen oder berufliche Frustration. Mit diesem Wissen kann man potentielle Quellen unter Druck setzen oder für eine Zusammenarbeit gewinnen kann. Gewinnbringend dürfte auch die Verwendung von M. als Mitarbeiter der Luftraumsicherung sowie der Gruppe Strukturen und Organisation gewesen sein. Dieser aktuelle Spionagefall erschließt sich aber erst, wenn man diesen in den historischen Kontext einbettet.

Zunächst einmal ist die Angelegenheit ein neuerlicher Beleg dafür, dass Österreich ein Spionage-Hotspot ist und bleibt. Warum das so ist, lässt sich in den Jahresberichten des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) nachlesen, das neben dem Abwehramt (AbwA) des Bundesheers auch für Spionageabwehr zuständig ist.

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Sitz des Abwehramts im 3. Wiener Bezirk (Quelle: Autor)

2014 hielt das BVT fest, dass „bestimmte Nachrichtendienste“ große Anstrengungen unternehmen, hierzulande an westliche Produkttechnologien sowie Fertigungstechniken und -ergebnisse zu gelangen. Zu einem besonders wichtigen Aufklärungsziel zählen weiters „in Österreich aufhältige Oppositionelle oder Oppositionsgruppen“.  Aber es gibt noch viel mehr zu holen.

Wie bereits erwähnt, ist Wien ein traditioneller Begegnungsort. Zahlreiche internationale Organisationen haben hier ihren Sitz – angefangen von der Organisation Erölexportierender Länder (OPEC), über die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bis hin zur Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA)  und der Organisation für industrielle Entwicklung (UNIDO). Weiters sind hier wichtige Botschaftsstützpunkte angesiedelt – etwa von Iran und Nordkorea. Aber an dieser Stelle kommt auch Russland ins Spiel.

Mitte der 1980er Jahre entstand im 22. Gemeindebezirk eine regelrechte „Stadt in der Stadt“: Eine 40.000 Quadratmeter große Diplomatensiedlung mit Wohnungen, Repräsentationsräumen und Freizeitanlagen, zu der die österreichischen Behörden keinen Zutritt haben. Zusammen mit der eigentlichen Botschaft im 3. Bezirk handelt es sich um eine der größten Legalresidenturen des Landes weltweit. Alleine dieses Faktum unterstreicht die besondere Bedeutung Wiens für die russische Spionagetätigkeit in Europa“, so das BVT.

Noch 2003 führte der Jahresbericht detailliert aus, was die russischen Dienste in/an Österreich interessiert:

„Die Spionagetätigkeiten der russischen Nachrichtendienste in Österreich waren überwiegend auf die Bereiche Wissenschaft und Technik, aber auch auf Politik und Militär gerichtet. Ausspähungsziele waren insbesondere die Bereiche der medizinischen Technik und der pharmazeutischen Industrie. Spezialsoftware, Funksysteme für Überwachungsanlagen und Flugsignalanlagen waren ebenso in ihren Interessensfeldern wie Spezialtextilien, Spezialmunition, Containerkameras, Nachtsichtkomponenten und Schlüsselfunksysteme. Darüber hinaus ist das Aufklärungsinteresse in Österreich im Allgemeinen auf Stahlerzeugung und Metallverarbeitung, Maschinenbau, Wasseraufbereitung, Chemie und Umwelttechnologien gerichtet.“

In Bezug auf die GRU hieß es weiter:

„Seitens des militärischen Aufklärungsdienstes GRU wird in Österreich nach
wie vor klassische militärische Aufklärung betrieben, die sich insbesondere auf
die Beobachtung militärischer Vorgänge (z.B. Truppenübungen und -stationierungen), die Aufklärung ziviler und militärischer Infrastruktur (z.B. Kasernen, Munitionslager, militärisch nutzbare Einrichtungen, Verkehrsanlagen) und die Erkundung des privaten Umfeldes wichtiger militärischer Entscheidungsträger konzentriert. Die GRU betreibt in Österreich auch offensiv wissenschaftlich technische Aufklärung.“

Generell lässt sich sagen, dass neben einigen hauptamtlichen Mitarbeitern, die in diesen Legalresidenturen (Botschaften, Konsulate, internationale Organisationen) tätig sind, zusätzliches Personal nach Bedarf zugezogen wird und dies meist unter diplomatischer Abdeckung.  Dabei kann es sich um Tätigkeiten für halboffizielle Einrichtungen wie Vertretungen von Fluggesellschaften, Vereinen, Presseagenturen, Firmenniederlassungen oder Kulturzentren handeln.

Russland hat in all diesen Bereichen eine beachtliche Präsenz in Österreich. Das beginnt bei der Handelsvertretung der Russischen Föderation im Wiener Botschaftsviertel, geht über das Aeroflot-Büro am Opernring und reicht bis hin zu zahlreichen Vereinen.

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Die russische Botschaft in der Reisnerstraße 45-47 (Quelle: http://www.rusemb.at)

Die Methoden, die diese Spione anwenden, sind so universell wie vielfältig: Informationen und Daten werden offen beschafft (Open Source Intelligence, OSINT): durch systematische Auswertung relevanter Erkenntnisse aus dem Internet, Presseveröffentlichungen und Datenbanken, aber auch durch methodische Gesprächsführung bei Fachveranstaltungen und Symposien.

Von da ist es nicht mehr weit zur verdeckten Beschaffung, dem klassischen Spionagehandwerk: Anwerben menschlicher Quellen (Human Intelligence, HUMINT), Einschleusen von Agenten oder signalerfassende Aufklärung (Signal Intelligence, SIGINT).  Das Interesse konzentriert sich im Fall Österreichs auf die Bereiche Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Forschung, Verteidigungspolitik sowie Energiewirtschaft. Russland interessiert sich speziell noch für die große tschetschenische Community, aber auch für die diskreten Banken, die immer noch Möglichkeit zur Geldwäsche bieten.

Die Schätzungen, wie viele Spione in Wien tätig sind gehen auseinander: BVT-Diektor Peter Gridling hat 2018 von einer Community von knapp 1.000 Personen gesprochen, der Experte Professor Siegfried Beer nennt rund 7.000. Diesen Status quo zu ändern, dafür gibt es bislang keinen politischen Willen. Spionage ist in Österreich nach wie vor nur dann ein Vergehen, wenn sie sich gegen Österreich richtet.

Wenn man diese aktuellen Ereignisse einordnet, dann wird im Rückblick deutlich, dass Österreich oftmals sowohl Schauplatz als auch Zielobjekt russischer Spionage war. Schon 1913 – ebenfalls nach einem Hinweis aus dem Ausland – wurde der Generalstabsoffizier Alfred Redl als Spitzel enttarnt und zum Selbstmord gezwungen. Redl hatte vor allem dem zaristischen Russland umfangreiches Material über die Aufmarschpläne der K.u.K-Armee geliefert und war dafür fürstlich entlohnt worden.

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Alfred Redl (Quelle: Wikimedia Commons

Der nächste große Schub kam in den Anfangsjahren des Kalten Krieges, als sich die Geheimdienste von West und Ost im besetzten Österreich einrichteten und seitdem geblieben sind. Genau vor 70 Jahren – als in Wien gerade „Der dritte Mann“ gedreht wird, führte die damals sowjetische Spionageabwehr sehr umfangreiche und besonders rücksichtslose Operationen durch. Während die West-Agenten relative Immunität genossen, fielen österreichische Informanten nicht unter das „Gentlemen’s Agreement“. Stattdessen wurden sie Opfer von Mord, Entführungen und Erpressung – ebenso wie zahllose Unschuldige, die man der Spionage verdächtigte.

1948 wurden gar bis zu drei Personen pro Tag von sowjetischen Geheimdienstlern und ihren Helferhelfern verschleppt. Der gesetzeslose Zustand trug Wien bei den US-Diensten den Beinamen „Schießstand“ ein. Zu den bekanntesten Fällen zählen die Sektionschefin im Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung, Margarethe Ottilinger, Ministerialrat Paul Katscher sowie Kriminalinspektor Anton Marek und sein Untergebener Franz Kiridus.

Als sich dann die Lage nach Stalins Tod etwas normalisierte, wurde Österreich vor allem vom tschechischen Partnerdienst aufgeklärt, während das nunmehrige Komitee für Staatssicherheit (KGB) Wien primär als Aktionsraum benutzte. Sprich, hierzulande fanden zahlreiche Operationen statt, die sich gegen den „Hauptfeind“ richteten:

Am 20. Dezember 1975 verschwand ein sowjetischer Überläufer vor der Votivkirche in Wien und wurde nicht mehr gesehen. Nicholas George Shadrin war dem KGB in die Falle gegangen. Der Fall ist bis heute ungeklärt. 1994 behauptete der ehemalige KGB-General Oleg Kalugin, dass Shadrin zu sowjetischen Agenten ins Auto gestiegen war. Dort wurde ihm ein Betäubungsmittel injiziert. Die Dosis sei jedoch zu hoch gewesen. Es gab keine Gelegenheit mehr, von Shadrins Wissen über die US-Nachrichtendienste zu profitieren. Der tote Überläufer wurde unter einem Alias in einem Moskauer Friedhof verscharrt.

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Auszug aus einem damaligen US-Zeitungsartikel zur Causa Shadrin

1985 wurde Ronald Pelton, ein ehemaliger Mitarbeiter der National Security Agency (NSA), als KGB-Informant enttarnt. Nach seinem Ausstieg bei der NSA 1980 war er in Finanznöte geraten. Vom KGB kontaktiert, gab er sein Wissen an den KGB weiter. Die Geldübergabe – in Tranchen von jeweils 15.000 Dollar – fand in Wien statt. Und zwar angeblich in der Wohnung des sowjetischen Botschafters, wo Pelton acht Stunden täglich alle an ihn gestellten Fragen beantwortete.

Wien war auch der Treffpunkt für den Marineoffizier John Walker mit seinen Führungsoffizieren vom KGB. Der Kryptologe hatte ab 1968 17 Jahre lang für die UdSSR spioniert und vor allem Marine-Geheimnisse weitergegeben. Unter anderem soll er Informationen über Waffen- und Verschlüsselungssysteme geliefert haben, die es ermöglichten, verschlüsselte Botschaften zu lesen. Walker hatte seinen Sohn und einen Freund in der Marine für einen regelrechten Spionagering angeworben, für den Wien ab 1978 als Treffpunkt mit dem KGB fungierte.

Erst Anfang der 1990er Jahre wurde wieder ein Fall aufgedeckt, wo ein Informationsabfluss seitens eines österreichischen Entscheidungsträgers stattgefunden hatte. Gustav Hochenbichler, bis 1991 stellvertretender Leiter der Wiener Staatspolizei und danach bis 1993 Chef der Wiener Fremdenpolizei, wurde als Spitzel der ostdeutschen Staatssicherheit enttarnt.

Er hatte aber auch Berichte an den KGB verkauft und erhielt dafür unter dem Decknamen „Sorokin“ 50.000 Schilling. Wegen eines fortgeschrittenen Krebsleidens wurde kein Verfahren mehr eröffnet. Hochenbichler verstarb am 2. März 1995.

2006 wurde der abtrünnige Ex-Agent Alexander Litwinenko in einer Londoner Hotelbar mit Polonium vergiftet. Ein anderer Überläufer behauptete später, Teil der Transportkette des radioaktiven Materials gewesen zu sein. Er habe auf dem Innsbrucker Bahnhof ein Päckchen mit einem Code-Schloss in der Gepäcksaufbewahrung deponiert.

Der letzte bekanntgewordene Fall von Spionage mit Russlandbezug liegt 11 Jahre zurück: Am 11. Juni 2007 wurde der russische Staatsbürger Wladimir Woschschow und angebliche „Topagent“ der GRU in Salzburg wegen Spionageverdachts gegen die BRD festgenommen worden. Er habe es vor allem auf den deutsch-französische Kampfhubschrauber „Tiger“ von Eurocopter abgesehen gehabt.

Als Hauptinformant diente Woschschow der deutsche Staatsbürger Werner G., der bei Eurocopter beschäftigt war. Aber auch ein Vizeleutnant des österreichischen Bundesheers soll dem Agenten notwendigen Kontakte verschafft „und überdies Geheimnisse des Bundesheeres verraten haben“. Zehn Tage nach seiner Festnahme wurde Woschschow wegen diplomatischer Immunität wieder freigelassen. Russland hatte die Festnahme als „unfreundlichen Akt“ gewertet und im Gegenzug die Akkreditierung eines österreichischen Kulturattachés über ein Jahr lang verweigert.

2017 kam es zu Ermittlungen gegen einen Beamten des BVT: Er soll verbotenerweise geheime Unterlagen von Partner-Nachrichtendiensten vom dienstlichen eMail-Account an eine private Google-Mailadresse geschickt haben. Außerdem soll es auch hier Kontakte zu russischen Geheimdiensten gegeben haben. Die Suspendierung des Beamten wurde zwischenzeitlich aber aufgehoben.

Der aktuelle Fall des Bundesheeroberst sollte darüber hinaus mit Ereignissen in anderen europäischen Ländern in Bezug gesetzt werden: Im Frühjahr 2018 scheiterte in Großbritannien ein Mordanschlag mit Nervengas auf den russischen Überläufer Sergej Skripal. Nur wenige Wochen danach flog eine Gruppe von GRU-Agenten im niederländischen Den Haag auf. Sie hatten offenbar in die Wlan-Netze der dort ansässigen Anti-Chemiewaffen Organisation (OPCW) eindringen wollen. Ebenso zählte ein OPCW-Labor in der Schweiz zu ihren Zielen. Dort waren nämlich jene Giftgase untersucht worden, die in Großbritannien, aber auch im syrischen Kriegsgebiet zum Einsatz gekommen sind. Auch die ebenfalls in der Schweiz befindliche Anti-Dopingagentur soll sich im Visier der GRU befunden haben.

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Das Emblem der GRU (Quelle: Wikimedia Commons)

Österreich sieht sich bei solchen Verwicklungen immer gerne außen vor. Aber gerade die Tatsache, dass Länder wie die Schweiz oder Städte wie Den Haag, wo es eine hohe Dichte an internationalen Organisationen gibt, vermehrt Schauplatz von teils hochriskanten Spionageoperationen geworden sind, sollte eine Warnung sein. Insofern wird es darauf ankommen, die schwache Abwehr auszubauen, damit man nicht vom Austausch mit den „befreundeten Diensten“ abhängig ist.

Denn was der letzte Vorsitzende des KGB, Wladimir Krjutschkow, rückblickend über Wien gesagt hat, gilt im Grunde heute noch:

„Es war ein guter Ort für die Arbeit und die Österreicher sind sehr tolerant. Ich denke, die Vertreter verschiedenster Geheimdienste haben in Wien eine gewisse Freiheit genossen.“