In der Höhle des Löwen

Vor 35 Jahren wird der österreichische Polizeioffizier und Diplomat, Gerhard Loitzenbauer, auf offener Straße in Beirut erschossen. Neue Dokumente belegen: Es war ein politischer Mord.

„Ich bin ein Diplomat aus Österreich“, sagt der Mann auf Englisch, aber es hilft nichts. Auf einem Parkplatz in Beirut halten zwei Bewaffnete Gerhard Loitzenbauer und seine Frau in Schach. Einer entreißt ihm die Autoschlüssel, der andere springt aufs Trittbrett. Das Auto schiebt zurück und Loitzenbauer dreht sich um. „In diesem Moment fiel der Schuss. Mein Mann brach sofort zusammen“, sagte Marianne Loitzenbauer später aus. Aus weniger als einem Meter Entfernung hat ein Explosivgeschoss den 45jährigen an der linken Schulter getroffen. Das Projektil tritt an der rechten Seite des Brustkastens wieder aus. Loitzenbauer erleidet eine massive innere Blutung: „Der Tod muss sehr rasch eingetreten sein“, schließt man später im Wiener Außenministerium.

35 Jahre sind seit diesem brutalen Mord vergangen. Aber das Rätsel, warum der Sicherheits-Attaché an der Botschaft im Libanon am 23. Juni 1984 sterben musste, ist bis heute ungelöst. Nun ermöglicht es ein Verschlussakt aus dem Wiener Staatsarchiv erstmals, dem Geschehen auf den Grund zu gehen. Aus den neuen Dokumenten wird deutlich: Loitzenbauer hatte dem internationalen Terrorismus nachgespürt. Dafür wagte er sich bis in die sprichwörtliche Höhle des Löwen – nach Damaskus, damals eine Hochburg für verschiedene Terrorgruppen, die auch Österreich bedrohten. So viel Insiderwissen muss fast zwangsläufig für den Austausch mit „befreundeten Diensten“ gedacht gewesen sein. Kein Zweifel, Loitzenbauer hatte viel riskiert und sich dabei mächtige Feinde gemacht.

Der erfahrene Gruppeninspektor bei der Bundespolizeidirektion Salzburg war seit Anfang 1979 in Beirut, um dort „Sicherheitsaufgaben“ zu erledigen. Das wurde auf höchster politischer Ebene, im Ministerrat, so genehmigt. In Loitzenbauers Arbeitsplatzbeschreibung hieß es, er habe „besonders delikate Aufgaben staatspolizeilicher Natur zu erfüllen, die sich aus der besonderen Situation Libanons und den daraus resultierenden Auswirkungen auf Österreich ergeben“.

Denn Beirut ist damals ein besonderes gefährliches Pflaster. Seit 1975 tobt ein Bürgerkrieg zwischen verschiedenen konfessionellen Gruppen. Als Hauptgegner stehen einander die aus Jordanien vertriebene Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und die christlichen Milizen der Falange gegenüber. Im Hintergrund ziehen Israel, Syrien und der Iran die Fäden. Bald werden auch die USA und Frankreich hineingezogen – bis 1983 Selbstmordattentate einen demütigenden Abzug erzwangen. Das blutige Chaos, das sich bis 1990 hinzieht, macht Beirut jedenfalls zum wichtigsten Schauplatz des Nahostkonflikts, so wie es heute Syrien ist.

Damals stand das neutrale Österreich nicht abseits, im Gegenteil. Bundeskanzler Bruno Kreisky hat mit seiner „aktiven Außenpolitik“ den Nahen Osten besonders im Fokus. Grund dafür: Österreich war seit den 1960er Jahren das Transitland für die Auswanderung osteuropäischer Juden. Insgesamt sollten mehr als 250.000 Emigranten über Österreich nach Israel und in andere Länder aus. Das rief arabische Terrorgruppen auf den Plan, den Zustrom zu unterbinden. 1973 konnte eine Geiselnahme gerade noch unblutig beendet werden.

Um das Risiko zu entschärfen, wählte Kreisky folgenden Weg: Er baute Kontakte zu PLO-Chef Jassir Arafat auf. Das sollte die PLO politisch „normalisieren“ und so für mehr Sicherheit sorgen. Im Gegenzug lieferte der PLO-Geheimdiensts Informationen zu Anschlagsplanungen anderer Gruppen.

Das ging es lange Zeit gut. Doch 1981 schlug die mit Arafat verfeindete Abu-Nidal-Organisation in Wien zu: Stadtrat Heinz Nittel wurde erschossen und die Synagoge angegriffen. Dabei gab es zwei Tote und 21 Verletzte. Umso wichtiger wurde daher der Vorposten Beirut und das dort installierte Frühwarnsystem rund um Loitzenbauer. Der Attaché bearbeitete nämlich nicht nur Visa-Ansuchen und kümmerte sich um den Schutz der Botschaft. Er war auch mit den libanesischen Behörden, der PLO und verschiedenen Milizen gut vernetzt. Auf diese Weise gelangte Loitzenbauer an Hinweise, die über Leben und Tod entschieden. Genauso war es am 29. Juli 1981. Eine seiner „Quellen“ am Flughafen meldete, dass gerade zwei Passagiere aus einem Wien-Flug „hinauskomplimentiert“ worden seien.

Zwei Palästinenser hätten die Plätze eingenommen. Loitzenbauer schlug Alarm. In Schwechat wurden die Verdächtigen in Gewahrsam genommen. Es handelte sich um Offiziere des PLO-Geheimdiensts, die Waffen und Handgranaten dabei hatten – offenbar für einen Anschlag auf den ägyptischen Präsidenten Sadat, der zu einem Privatbesuch in Salzburg erwartet wurde. Dass diese Terroroperation durchkreuzt werden konnte, sei Loitzenbauers Verdienst, erinnert sich noch heute sein damaliger Dienstherr, Ex-Innenminister Erwin Lanc.

Ein weiterer Fall ereignete sich im Jänner 1982: Auf Vermittlung des österreichischen Waffenhändlers Peter B. hatte sein Kollege Peter E. ein Geschäft mit der palästinensischen Splittergruppe PLFP abgeschlossen. Doch als es bei der Abwicklung zu schweren Komplikationen kam, wurden die beiden festgehalten. Im August 1982 gelang es Loitzenbauer, die Freilassung der Waffenhändler auszuhandeln.

Im Zuge dessen wurde Loitzenbauer mit dem PLFP-Offizier Jamil Abu Allrab bekannt. Über diese Connection schrieben Otto Grüner und Burkhart List wenige Wochen nach dem Mord an Loitzenbauer für den „Wiener“ eine Enthüllungsgeschichte. Demnach habe der Attaché von Jamil ein brisantes Dossier erhalten. Zwischen 13. und 16. Juli 1984 hielten sich die Journalisten in Beirut auf. Botschafter Peter Hohenfellner berichtete an Innenminister Karl Blecha, dass Grüner und List „offensichtlich über Gewährsleute im BM f. Inneres verfügen“.

Besagtes Dossier bestehe aus „Aufzeichnungen über linke Terrororganisationen (z.B. ‚Rote Brigaden‘, ‚Action Directe‘, RAF)“ und enthalte Informationen, „über Mitglieder dieser Gruppen und deren Aufenthaltsorte sowie über Querverbindungen zwischen dem internationalen Waffen- und Drogenhandel.“

Der Informant Jamil war zu diesem Zeitpunkt bereits tot: Er wurde am 23. Dezember 1983 in Athen auf offener Straße erschossen, genau ein halbes Jahr vor Loitzenbauer. Wie sich aus den neuen Dokumenten ergibt, nahm der Botschafter den Magazinbericht ernst. Er bestätigte, dass Loitzenbauer ihm von Jamil erzählt hatte – nicht aber über spätere Kontakte oder gar über besagtes Dossier. In Beirut hätten sich jedenfalls „keine Hinweise ergeben, die den Verdacht der Journalisten bekräftigen würden“.

Aus dem Verschlussakt ergibt sich aber, dass Loitzenbauer kurz vor seiner Ermordung über hochsensibles Wissen verfügte. Am 30. März 1983 wandte er sich an den Leiter der staatspolizeilichen Gruppe im Innenministerium. Er wolle außertourlich nach Wien kommen, um Bericht zu erstatten. Es gehe um Informationen, „von denen sich eine auf das Suchtgift und die andere auf Falschgeld bezieht“. Loitzenbauer kündigte „zusätzliche Auskünfte über dieses sehr verwickelte Netz“ an. Diese Erläuterungen wurden im Ministerium als „äußerst zweckmäßig“ erachtet und deshalb einer „kurzfristigen Einberufung“ Loitzenbauers grünes Licht erteilt.

Was genau der Attaché berichtete, geht aus den neuen Dokumenten nicht hervor – aber es dürfte sich wohl um die Bedeutung des Drogenhandels für die Finanzierung der Bürgerkriegsparteien gedreht haben. Später wurde geschätzt, dass 40 Prozent des Waffenarsenals der PLO durch Haschisch- und Heroin-Schmuggel finanziert wurde. Zu diesem Zweck wurden von den Konfliktparteien auch Dollar-„Supernoten“ in großem Umfang gefälscht.

Aufschlüsse ergeben sich aus einigen persönliche Notizzettel Loitzenbauers, die die Witwe den Behörden übergeben hatte. Das Konvolut bestätigt, wie gut der Attaché vernetzt war: Unter anderem finden sich die Visitenkarte des PLFP-Sprecher Bassam Abu Sharif, Telefonnummern von hochrangigen Funktionären verschiedener Gruppen oder die Büronummer von Ahmad Jibril, der noch heute auf Seiten des Assad-Regimes kämpft. Auch der Name „Dr. Zakharia“ sticht hervor: Ein Ibrahim Zakharia, Mitglied des Zentralkomitees der Abu-Nidal-Organisation, führte im März 1983 Geheimverhandlungen mit Kreiskys engem Mitarbeiter Herbert Amry.

Auf der Spur war Loitzenbauer noch einem anderen Terror-Organisator, dem PLFP-Geheimdienstmann Marwan al-Fahoum. Eine Skizze zeigt offenbar Fahoums Hauptquartier in Damaskus. Dort war Loitzenbauer im Sheraton Hotel abgestiegen, gleich um die Ecke von den wichtigsten Ministerien. Solche Erkundungen waren hochriskant. Das Assad-Regime steckte damals mit verschiedenen Terrorgruppen unter einer Decke. Dass der syrische Geheimdienst sich an seine Fersen heftete, erzählte Loitzenbauer später in Beirut.

Dunkle Wolken zogen sich zusammen. Schon am 10. Juli 1981 versuchten Unbekannte erstmals, sein Auto zu rauben. Und dass obwohl er bewusst einen unauffälligen Alfetta, Baujahr 1975, fuhr. Anders als knapp drei Jahre später gaben die Täter ihr Vorhaben auf, als sich Loitzenbauer einfach weigerte, auszusteigen. Bevor sie sich davonmachen, schlugen sie ihm noch mit einer Pistole mehrmals ins Gesicht.

Ein Zeitzeuge, der langjährige Leiter der Kriminalpolizei am Flughafen Wien-Schwechat, Alfred R., bestätigt Drohungen gegen Loitzenbauer in dessen letzten Lebensmonaten: „Damals ist über den Libanon viel Haschisch in Umlauf gekommen und deswegen hatte ich gute Kontakte zu den dortigen polizeilichen Stellen. Da kam eines Tages der Anruf eines Informanten, der mir zu Loitzenbauer kryptisch mitgeteilt hat: ‚Dein Freund spielt falsch.‘ Anscheinend sind gewisse Versprechungen nicht eingehalten worden – ich weiß nicht genau, wie und was.“ Einige Wochen später – als Loitzenbauer in Wien war – warnte Rupf seinen langjährigen Bekannten: „Der Boden in Beirut ist ‚heiß‘, und ich an deiner Stelle würde schauen, dass ich schnell wegkommen. Und er hat mir gesagt, er will noch ein halbes Jahr bleiben, weil er das Geld braucht und weil ihm die Aufgabe auch gefällt. Dann ist Loitzenbauer eben wieder runtergegangen, und ich habe ihn nach diesem Gespräch nicht mehr lebend gesehen.“

Das Drama hatte seinen Lauf genommen: An jenem 23. Juni 1984, einem Samstag, befanden sich Gerhard und Marianne Loitzenbauer gerade auf dem Heimweg von einem Wochenendausflug ins christliche Ost-Beirut. Weil der übliche Stellplatz beim Wohnhaus verstellt war, musste der Attaché zurücksetzten. Genau in diesem Moment näherten sich die Bewaffneten und zwangen das Paar auszusteigen. Innerhalb weniger Augenblicke war Loitzenbauer tot. Der Mord wurde von den lokalen Behörden als kriminelle Tat eingestuft.

Vieles spricht dagegen: Die beiden Täter waren laut der Augenzeugin Marianne Loitzenbauer offensichtlich“ auf der Lauer gelegen. Die ansonsten belebte Straße war menschenleer. Anscheinend waren die Anwohner verschreckt worden, dass „etwas passieren“ würde. Nachforschungen des Botschafters ergaben: Weder wurden Wertsachen noch Geld verlangt. Falls es die Täter tatsächlich „nur“ einen PKW hätten stehlen wollen, wären dort „viel teurere und beliebtere“ Autos geparkt gewesen. Auffällig war, dass das Privatradio der Falange-Miliz die Nachricht vom Mord erstmals verbreitete. Die anderen Stationen sowie das staatliche Radio folgten erst Stunden später. In seinem Bericht stellte der Botschafter auch klar: „L. führte ein untadeliges Privatleben und hat mir gegenüber mir oder meinen Mitarbeitern keinerlei Andeutungen über persönliche Fehden gemacht.“

Die Mär vom „gewöhnlichen“ Raubmord wurde in Österreich dankbar übernommen. Ein Sprecher des Außenministeriums sagte zum „Kurier“: „Ohne den Untersuchungen vorgreifen zu wollen: Es sieht ganz nach dem tragischen Ausgang eines Autoraubs aus.“ Hinter den Kulissen bemühte man sich um Aufklärung. Der damalige Innenminister Blecha erinnert sich 2009, den Chef der Amal-Miliz, Nabih Berri, zur Rede gestellt zu haben. Der wiederum bezichtigte die proiranische Hisbollah. Letztendlich sei man „nicht weitergekommen“. Nur so viel: „Es waren libanesischen Gruppierungen“.

HINWEIS: Es handelt sich um einen Vorabauszug aus Österreichs geheime Dienst: Vom 3. Mann zur BVT-Affäre, erscheint 09/19 im Klever-Verlag.