„Bei der RAF waren sie nicht!“

Es war eine Szene wie aus einem Western. Vor 20 Jahren, am 15. September 1999, fragte eine Polizistin zwei Verdächtigte an der Ecke Wagramer Straße/Schrickgasse in Wien-Donaustadt nach dem Ausweis. Die beiden – ein Mann und eine Frau – waren einem Anrainer aufgefallen. Seit mehreren Wochen hatte sich das Duo mit auffälligen Kappen und Sonnenbrillen an derselben Straßenkreuzung getroffen. Das kam dem Rentner schließlich so verdächtig vor, dass er die Polizei alarmierte. Als es nun zu der Personenkontrolle kam, ging alles ganz schnell: Der Mann zog eine Pistole und auch die Beamtin griff nach der Dienstwaffe. „Die beiden standen sich Auge in Auge gegenüber, fast wie bei einem Duell“, sagte ein Zeuge später.

Dem Unbekannten gelang es noch, die Polizistin niederzuringen. Dann floh das Duo, kam aber nicht weit. In der Donaufelderstraße folgte ein Schusswechsel mit herbeigerufenen Alarmabteilung. Am Ende war einer der Beamten verletzt, der Unbekannte tödlich getroffen worden. Seine Begleiterin ließ sich festnehmen.

An dieser Hausecke kam es zu der verhängnisvollen Personenkontrolle

Nun stellte sich heraus, wer da ins Netz gegangen war: Die 42jährige Andrea Klump und der 43jährige Horst Ludwig Meyer waren damals gesuchte Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF). Diese Gruppe hatte vor allem in Deutschland seit Anfang der 1970er Jahre mit Attentaten und Entführungen auf sich aufmerksam gemacht. Nun stellte sich heraus, dass Klump und Meyer seit September 1995 als „U-Boote“ in Wien gelebt hatten.

Der Ort der Schießerei 20 Jahre später – das Cafe Liane an der Kreuzung Donaufelderstraße/Klenaugasse gab es damals schon

Sie hatten sich auf die Annonce eines Jusstudenten gemeldet, der Mitbewohner für eine WG in einer Altbauwohnung in der Springergasse in Wien-Leopoldstadt gesucht hatte. Sie stellten sich als „Hedi Prieri“ und „Jens Jensen“ aus deutsch-dänischem Elternhaus vor. Monatliche Zuwendungen aus einer Erbschaft würden es ihnen erlauben, hier zu leben: „Weil es in Wien so viel Kultur gibt.“

Ihr Mitbewohner erinnerte sich später, dass die „Heidi“ und „Jens“ stets um 6.30 Uhr aufgestanden seien und pünktlich um 9 Uhr die Wohnung zwecks verlassen hätten. Oft seien sie in den Bundesmuseen gewesen, für die sie eine Jahreskarte hatten. Anschließend gab’s am Nachmarkt eingekauftes Essen, vorzugsweise Falafel. Nächster Punkt im Tagesablauf, der „nie ausgelassen“ wurde, war der Mittagschlaf. Danach folgten Radtouren, Kino- und Theaterbesuche oder einfach nur Fernsehabende, an denen „Heidi“ und „Jens“ alte Folgen von „Columbo“ oder „Der Alte“ anschauten.

Viel zum Leben hatten sie nicht. Die beiden sollen unter anderem Fahrscheine für die Wiener Verkehrsbetriebe gefälscht und verkauft haben. Meyers Schusswaffe soll im Sommer 1996 beim Überfall auf einen Supermarkt verwendet worden sein. Ob die konspirative Treffen der Vorbereitung weiterer Raubüberfälle gedient hatten, wurde nicht geklärt.

Ein befreundeter Mieter erinnert sich noch heute an eine sonntägliche Kaffeerunde in der WG. Jemand habe angeboten, Milch von der Billa am Praterstern zu holen, damals das einzige Geschäft in Wien, das sonntags offen hatte. Doch „Jens“ winkte energisch ab: „Das ist nicht im Sinne der Werktätigten, dass die am Sonntag arbeiten. Das soll man nicht unterstützen. Wir kaufen jetzt keine Milch!“ Daraufhin trank man den Kaffee ganz einfach schwarz. „Heidi“ und „Jens“ seien in ihren Einstellungen konsequent gewesen, meint der Zeitzeuge: „Sie waren charakterfeste Linke mit einem starken ökologischen Anspruch.“

Hier in der Springergasse in Wien-Leopoldstadt lebten Klump und Meyer einige Jahre als U-Boote“

Nur einmal gab ihm eine Situation zu denken. Weil er sich aus der eigenen Wohnung ausgesperrt hatte, läutete der Mann an der Tür seiner Bekannten. Doch es öffnete niemand, obwohl offensichtlich jemand zuhause war: „Nach 2 bis 3 Minuten hat dann der Jens aufgemacht, aber nur einen Spaltbreit und ich habe gefragt, ob ihr Mitbewohner da ist und er hat nur ‚nein‘ gesagt und sofort wieder zugemacht. Im Nachhinein habe ich mir gedacht, dass das eine Situation der höchsten Unsicherheit gewesen sein muss, die diese Menschen jahrelang durchleben mussten. Bei jedem Läuten konnte es sein, dass der Verfassungsschutz vor der Türe steht.“

Denn so harmlos die Routine von „Heidi“ und „Jens“ anmutet, ihre Vergangenheit war alles andere als beschaulich gewesen. Die beiden waren 1984 aus Deutschland verschwunden. Es war eine ganze Gruppe gewesen, die auf verschiedenen Wegen in den Libanon und ins syrische Damaskus absetzte. Bilder ihrer Gesichter füllten alsbald die Fahndungsplakate mit der Aufschrift „Terroristen“. Man hielt sie nämlich für die „dritte Generation“ der RAF, die ab 1985 eine Anschlagswelle mit insgesamt sechs Toten beging.

Im Unterschied zu ihren Vorgängern ging diese „dritte Generation“ tödlich effizient ans Werk. Zu ihren Opfern zählten Topmanager, Industrielle und Diplomaten. Keines dieser Verbrechen konnte bis heute aufgeklärt werden. Die „dritte Generation“ blieb ein Phantom. Daran änderte auch der Tod von Meyer und die Festnahme von Klump nichts. Denn die beiden gehörten – anders als lange vermutet – der RAF nie an.

Das ist der Befund eines ehemaligen Top-Fahnders des deutschen Bundeskriminalamts. Beim Interview im Café Bellaria offenbart der Mann spannende Einblicke in die Spätphase des RAF-Terrorismus. Die deutschen Linken, die sich in den Nahen Osten geflüchtet hatten, waren in einer schwierigen Situation: „In Damaskus, da werden keine Almosen verteilt. Man muss irgendwo wohnen, braucht Kleidung. Um in Syrien sicher zu sein und dass über Jahre muss man eine Gegenleistung erbringen. Und die Palästinenser haben schon in den 1970er Jahren gerne Deutsche eingesetzt, weil die mit ihren Pässen frei reisen können, weil sie europäisch aussehen und überall hinkönnen.“ Klump, Meyer und die anderen seien jedenfalls nicht bei der RAF gewesen. Die sei schon 1984 praktisch „tot“ gewesen.

Die „Gegenleistung“ für Quartier und Logis habe darin bestanden, bei Terroroperationen mitzumachen. Damals agierte von Beirut und Damaskus aus die sogenannte Antiimperialistische internationale Brigade (AIIB), ein Art Terror-„Joint Venture“. Beteiligt waren in erster Linie gestrandete Angehörige der Japanischen Roten Armee und Mitglieder palästinensischer Kleingruppen. Aber ab und zu nahmen auch einige der deutschen Libanon-„Flüchtlinge“ teil.

Das erfolgte im Auftrag von Libyens Staatschef Gaddafi und anderer Sponsoren. Klump war zumindest an einem Anschlag nachweislich beteiligt, Meyer höchstwahrscheinlich mit von der Partie. Und zwar hatten sie am 17. Juni 1988 versucht, vor einem von NATO-Militärs frequentierten Hotel im spanischen Rota eine Bombe zu installieren. Doch ein Zünder explodierte vorzeitig, woraufhin die Täter vor der Polizei flüchten mussten.

Man stellte Handgranaten sicher, die aus einem schwedischen Depot stammten. Dort waren sie von Mitgliedern einer dänischen Gruppe, der sogenannten Blekingegade-Bande, gestohlen worden. Die Dänen unterstützten die Palästinenser durch Raubüberfälle, aber auch durch Waffennachschub. Die dänischen Pässe auf „Jensen“ und „Prieri“ dürften ebenso aus dieser Quelle gestammt haben. Nicht umsonst wurde nach dem Tod Meyers auch ausgerechnet in Kopenhagen ein Brandanschlag auf die österreichische Botschaft verübt.

In der Blekingegade Nr. 2 in Kopenhagen wurde 1989 das Waffenlager der dänischen Gruppe entdeckt

Aber es gibt noch andere Indizien, die brisante Fragen aufwerfen. Am 30. November 1989 war der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen bei der Explosion einer Sprengfalle getötet worden. Und zwar hatte die Detonation von sieben Kilogramm TNT eine Kupferplatte zu einem Sprenggeschoss verformt, dass dann mit enormen Geschwindigkeit den gepanzerten Mercedes 500 durchschlug. Diese verheerende Wirkung war zentimetergenau berechnet worden, sodass Herrhausen tödlich verletzt wurde, sein Fahrer aber mit dem Schrecken davonkam.

Die RAF bekannte sich zwar mit einem dünnen Papier zu dem Anschlag, aber es deutet nichts darauf hin, dass die Gruppe zu so einer Operation in der Lage gewesen wäre. „Herrhausen war sicher nicht die RAF“, lautet der Befund des Ex-Terrorfahnders. Die wahren Täter vermutet er im Nahen Osten, bei den AIIB, palästinensischen Gruppen und der Hisbollah, allesamt Experten in Sachen Bombentechnik. Dafür spricht, dass eben die Hisbollah acht Tage vor dem Herrhausen-Attentat, am 22. November 1989, den libanesischen Präsidenten René Moawad in Beirut mit derselben ausgefeilten Bombentechnik ermordet hatte. Letztere kam übrigens 2005 während des Aufstands im Irak zum Einsatz. gegen gepanzerte US-Militärfahrzeuge. Mehr als 100 Soldaten starben.

Doch es gibt noch eine weitere, überraschende Spur, wie der vom Autor befragte Ex-Terrorfahnder ausführt: „Am 19. Mai 1989 gab es hier in Wien auf der Autobahn nach Schwechat einen Bombenanschlag, der nur Sachschaden angerichtet hat. Insider sagen, das könnte die Generalprobe für Herrhausen gewesen sein. Denn die Anschläge waren einander sehr ähnlich. Es war ebenfalls ein bewegliches Ziel, es muss auch eine ähnliche Fotozelle gewesen sein. Vielleicht wurde so simuliert, wie der spätere Anschlag funktionieren könnte.

Im Unterschied zur späteren Herrhausen-Bombe, die sechs Monate später hochging, war die Menge des in Wien eingesetzten Sprengstoff gering gewesen. Die Fernzündung wurde ausgelöst, als ein Lastwagen die Bombenfalle 300 m nach der Schrägseilbrücke über den Donaukanal passierte. Die Explosion riss ein vier Quadratmeter großes Loch neben der stadtwärts führenden Fahrbahn. Weder gab es eine Bekennung, noch ließ sich die Tat irgendwie zuordnen.

Der Herrhausen-Anschlag ereignete sich von der Uhrzeit her nur fünf Minuten nach jenem in Wien. Das war ein Grund dafür, warum ein Mitglied der deutschen Sonderkommission einen „Testanschlag“ vermutete: „Der Zündmechanismus der späteren Höllenmaschine wurde im Ausland getestet. Man wollte bei dem Anschlag gegen den ‚Herrn des Geldes‘ sichergehen, dass Herrhausens gepanzerter Mercedes in die Bombenfalle fährt.“ Hatte der LKW für das 2,8 Tonnen schwere Auto Herrhausens gestanden?

Bericht im Kurier zur Explosion auf der Flughafen-Autobahn am 19. Mai 1989

Ob Klump und Meyer damals schon in Wien waren? Das lässt sich nicht nachweisen. Ende 1991 aber dürfte zumindest Meyer an einem Anschlag auf einen Bus jüdischer Auswanderer in Budapest beteiligt gewesen sein, der mehrere Verletzte forderte. Es bekannte sich eine nebulöse „Bewegung für die Befreiung Jerusalems“. Auch hier wird deutlich. der internationale Terrorismus jener Tage war ein kaum durchschaubares Phänomen. Letzteres gilt auch für Klump und Meyer.

Irgendwann, so der Terrorfahnder, hätten es den beiden dann gereicht: „Wir müssen weg und wo wollen wir hin? Wo Deutsch gesprochen wird. Es war auch eine Altersfrage. Du willst nicht nur ständig auf der Flucht sein. Irgendwann will man seine Ruhe haben.“

In der Springergasse, ihrer letzten Bleibe, hat sich nicht viel geändert. Vom dunklen Stiegenhaus, wo sie ihre Fahrräder hatten, geht es hinauf in den zweiten Stock. Dort – an der großen Flügeltür – finden sich noch Abdrücke der polizeilichen Siegel. Drinnen in der „Terroristenwohnung“ lebt seit 2001 eine mehrköpfige Familie. Eines gab beim Renovieren zu denken: „Da war eine Doppeltür, die ganz mit Flaschenkorken bedeckt war, als ob man sie schalldicht machen wollte.“  

Hinweis: Gekürzte Version ist am 5. 9. 2019 in Die Furche erschienen.

Mehr Information: Anfang Oktober erscheint Österreichs geheime Dienste: Vom 3. Mann zur BVT-Affäre im Klever Verlag