DDR-Spionage: Mythos und Realität

Der hier zu besprechende Band DDR-Spionage bietet einen erkenntnisreichen Überblick zu den Aktivitäten der Auslandsspionage des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Die Herausgeber Helmut Müller-Enbergs und Thomas Wegener Friis haben eine diesbezügliche Aufsatzsammlung zusammengestellt. Auf Basis von Primärquellenrecherchen in bundesdeutschen und Archiven im europäischen Ausland wird nachgezeichnet, wie die Geheimdienste der DDR in zehn Ländern – darunter Frankreich, Großbritannien und den USA – Spionage betrieben haben. Angesichts des aktuellen populärkulturellen Interesses an der Tätigkeit der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des MfS in der TV-Serie »Deutschland 83«, »86« und »89« (drei Staffeln, 2015 und seit 2018) ist der Sammelband ein gutes Korrektiv.

Im Gegensatz zur teils überzogenen Darstellung in der Serie, aber auch zur unkritischen Selbstdarstellung ehemaliger HV-A-Offiziere (z. B. Markus Wolf, Spionagechef im Kalten Krieg, München 1997) waren die nachrichtendienstlichen Operationen der DDR-Dienste oftmals wenig ertragreich, auch mussten sie empfindliche Rückschläge einstecken.

Besonders im angloamerikanischen Raum und in Frankreich gelang es zu keinem Zeitpunkt, ein effektives Nachrichtennetz aufzuziehen. Ähnlich hochrangige Quellenrekrutierungen wie in der Bundesrepublik Deutschland gelangen an keinem anderen Spionageschauplatz.

Das MfS bezog wichtige Informationen vor allem von diesen deutschen Quellen wie beispielsweise dem Agenten im NATO-Wirtschaftsdirektorat Rainer Rupp (»Topas«) oder von der Regierungsrätin beim Bundesnachrichtendienst (BND) Gabriele Gast (»Gisela«). Auch in anderen Ländern waren westdeutsche Quellen eine vielfach genutzte »Ausweichmöglichkeit«, um Informationen über die Drittländer zu erhalten.

Ehemalige Zentrale des MfS in Berlin-Lichtenberg (Foto: Autor)

Einige dieser Staaten wie Finnland, das Fürstentum Andorra und selbst Belgien mit seiner »europäischen Hauptstadt« wurden vom MfS allenfalls peripher behandelt. Die Studie bezieht darüber hinaus zwei »sozialistische Länder« mit ein, in denen das MfS aktiv war (S. 18–22).

Was die einzelnen Beiträge betrifft, so zeigt Müller-Enbergs anhand von Albanien, dass selbst ein kommunistisches Land zum »legitimen Ziel« der DDR-Spionage wurde. Das Interesse war vor allem ideologisch motiviert – aufgrund der Rivalität des moskautreuen Ostblocks mit dem Regime in Tirana, das »unverbrüchlich« in der Tradition des Stalinismus stand. Von daher wurde die »politisch ideologisch Diversion« Albaniens in der Bundesrepublik in Form von Freundschaftsgesellschaften, Publikationen und Radiosendungen argwöhnisch beobachtet (S. 38–44).

In Bezug auf die USA hatte sich das MfS ursprünglich hohe Ziele gesetzt, so Müller-Enbergs. In den 1970er Jahren war eine eigene Amerika-Abteilung eingerichtet worden. Die zwei legalen DDR-Residenturen in New York und Washington trugen auch viele Informationen zusammen, »insbesondere auf wissenschaftlich technischem Gebiet« (S. 93).

Das Gewinnen von amerikanischen Quellen und das Eindringen von aus der DDR übergesiedelten Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) in US-Einrichtungen gelang jedoch nur fallweise. So verfügte das MfS beispielsweise mit dem Unteroffizier Jeffrey Carney 1985/86 über eine »Quelle« in der Funkaufklärung der US Air Force in Berlin-Marienfelde. Eine andere US-amerikanische »Quelle« war »Antos«, Mitarbeiterin an einer Schule in Heidelberg, die zwischen 1986 und 1989 insgesamt 193 Informationen übermittelte (S. 75–82).

Im Rahmen der Operation »Brest« wiederum war es innerhalb von zehn Jahren gelungen, den »Offizier im besonderen Einsatz« Eberhard Lüttich unter dem Alias eines in die DDR übergesiedelten Bundesbürgers langfristig in New York anzusiedeln. Lüttich stieg dort bis zum Vizepräsidenten der Exportabteilung des Logistikunternehmens Schenker auf, »zuständig für den Mittleren Osten, West-Europa, Japan und auch den Fernen Osten bei einem Jahresgehalt von 32000 Dollar« (S. 86).

Wie unberechenbar der »menschliche Faktor« im Spionagegeschäft ist, zeigt sich daran, dass Lüttich 1977 entgegen entsprechender Anweisungen aus Ost-Berlin eine antikommunistisch eingestellte Exilkubanerin ehelichte. 1979 wurde der Agent vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) enttarnt und auf dem Hamburger Flughafen verhaftet. Lüttich konnte im Gegenzug für die Preisgabe seines operativen Wissens bereits ein halbes Jahr später wieder zu seiner Familie in die USA reisen (S. 82–90). Nach dieser Schlappe habe die HV A in den USA »nicht mehr recht Fuß gefasst«, räumte HV-A-Leiter Wolf später in seinen Memoiren ein (S. 93).

Der Pyrenäen-Kleinstaat Andorra dagegen lag »gänzlich außerhalb des Gesichtsfelds der HV A« und taucht lediglich zweimal (1978 und 1987) in den Datenbanken des Diensts auf. Eine 24-seitige Information des Auswärtigen Amts von 1988, die über IM »Anno« beschafft wurde, galt daher als wertvoll (S. 95).

Überraschend ist der Befund von Kristof Clerix zu Belgien: Obgleich Brüssel bis heute als Spionagezentrum gilt und Sitz der NATO ist, gelang es der für Militärspionage zuständigen HV-A Abteilung nie, »direkte dokumentarische Informationen zur nuklearen Zielplanung der NATO zu gewinnen« (S. 101). Die belgische Abwehr wiederum konnte wiederholt nachrichtendienstliche Quellen enttarnen, wozu Doppelagenten beitrugen (S. 110).

Das von Christopher Nehring skizzierte Fallbeispiel Bulgarien zeigt auf, wie zwei kommunistische Staatssicherheitsdienste jahrzehntelang einen Kooperationsmodus fanden: »Beide erkannten den Führungsanspruch des jeweils anderen in bestimmten Bereichen an und beide versuchten, einen maximalen Nutzen aus der Zusammenarbeit mit dem anderen zu ziehen. Für die Bulgaren war das MfS der zwielichtigste Partner, was jedoch umgekehrt für das MfS nicht zutraf« (S. 127 f.).

Eine Belastungsprobe für die Zusammenarbeit stellte 1978 die Verhaftung von Terroristen der »Bewegung 2. Juni« an der Schwarzmeerküste dar. Zur Verärgerung des nachträglich informierten MfS hatte der bulgarische Partner nicht nur einem Eilgesuch der Bundesrepublik stattgegeben, sondern auch erlaubt, dass Fahnder des Bundeskriminalamts (BKA) an der Festnahme teilnahmen (S. 124).

In Dänemark wiederum waren neben der HV A andere Diensteinheiten des MfS sowie der Militärische Nachrichtendienst der DDR tätig. Thomas Wegener Friis erklärt diesen Umstand vor allem mit der geografischen Nähe des Landes und seiner geostrategischen Rolle als »Torhüter am westlichen Ende der Ostsee« (S. 141). Dadurch sei Dänemark quasi automatisch »zu einem der Hauptoperationsländer« des vergleichsweise wenig bekannten DDR-Militärnachrichtendiensts geworden (S. 163). Von Interesse aber waren auch linke politische Parteien und Bewegungen, denn die DDR verfolgte strategische Leitlinie, »progressive Kräfte« zu unterstützen (S. 151 f.).

Im Unterschied dazu gehörte Finnland ebenso wie die anderen nordischen Staaten nicht zum primären Operationsgebiet der DDR-Auslandsspionage – und das obwohl dem Land als unmittelbarer Nachbar der Sowjetunion strategische Bedeutung zukam (S. 165). Wie Kimmo Elo darlegt, hat sich aber die Aufarbeitung des Kalten Krieges in Finnland bislang als »schwierig« erwiesen. Es mangelt immer noch an einer »systematischen Einbettung nachrichtendienstlicher Tätigkeiten als Teil der Vergangenheit« (S. 178). Mit den bislang überlieferten Unterlagen der HV A zu Finnland sei »keine große historische Erzählung zu bauen« (S. 180).

Frankreich hingegen befand sich sehr früh im Blickfeld der DDR-Spionage, so Wegener Friis und Martin Göllnitz. Zwar waren die USA und die Bundesrepublik die »Hauptgegner«, aber auch den Mittelmächten Frankreich und Großbritannien kam eine »deutlich höhere Priorität« als den anderen westeuropäischen Ländern zu. Ersichtlich ist das weiter aus den Zielobjekten der HV A im Jahr 1989: Von 1091 Hauptzielen befanden sich 904 in der Bundesrepublik und West-Berlin – im Unterschied dazu 103 in den USA und 16 in Frankreich (S. 181–183).

Während die französischen Streitkräfte nur sporadisch analysiert wurden (S. 194), war die Legalresidentur in Paris in der Nachrichtengewinnung quantitativ recht erfolgreich (S. 210). Die französischen Behörden erschwerten allerdings die Arbeit, indem sie »regelmäßig« DDR-Agenten identifizierten, die teils zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt wurden (S. 221).

Müller-Enbergs und Wegener Friis illustrieren das anhand eines Fallbeispiels, des Falls »Sperber«: Dabei handelte es sich um den IM Rolf Dobbertin, der ab Anfang der 1960er Jahre am Pariser Institut für angewandte Physik des Nationalen Rats für Wissenschaftliche Forschung (C.N.R.S.) beschäftigt war. Er wurde 1979 nach dem Überlaufen des HV-A-Mitarbeiters Werner Stiller verhaftet. Letzterer hatte die Akte »Sperbers« auf Mikrofiches in den Westen geschmuggelt (S. 231–251).

Im Falle Griechenlands, so Wegener Friis, bildeten die schwierige wirtschaftliche und politische Lage des Landes sowie dessen Stellung in der Ost-West-Auseinandersetzung das Hauptinteresse für die DDR-Spionage (S. 253–264). Die wichtigsten Informationen kamen aber von sozialistischen »Bruderstaaten« sowie Quellen in der Bundesrepublik oder westdeutschen Quellen bei der NATO (S. 278).

Und schließlich zeigten die Defizite der Spionageaktivitäten in Großbritannien laut Paul Maddrell, »wie schwach der deutsche kommunistische Staat war« (S. 293). Zwar verfügte die DDR über eine besonders große Botschaft in London, wo selbst der Botschafter ein IM war, aber es wurden vor allem frei verfügbare Veröffentlichungen systematisch ausgewertet. Außerdem war ein bedeutender

Teil der Aktivitäten nicht gegen den britischen Staat gerichtet, sondern gegen Friedensgruppen und Menschenrechtsorganisationen und mit ihnen zusammenarbeitende ostdeutsche Aktivisten. Auf diese Weise wurde der »innere Feind« in der DDR also gleichsam mitbekämpft (S. 279–295). Es überrascht nicht, dass auch hier die ertragreichsten IM zu Großbritannien Bundesbürger waren, darunter die Diplomaten Ludwig Pauli und Hagen Blau (S. 297).

Unter dem Strich handelt es sich bei »DDR-Spionage« um einen wichtigen Forschungsbeitrag, der sich bewusst als »Auftakt« zu mehr wissenschaftlicher Kooperation in Sachen Intelligence Studies versteht. Denn laut den Herausgebern des Bandes ist die Geschichte der DDR-Spionage »nur transnational zu verstehen und zu diskutieren« (S. 9). Insofern darf man auf die weiteren angekündigten Bände, unter anderem zu Argentinien, China und Chile gespannt sein

Mehr Info – diese Rezension ist erschienen in: Militärgeschichtliche Zeitschrift, Band 78, Heft 2 (November 2019), 586-589.