30 Jahre nach dem Herrhausen-Anschlag: Terror-Spuren nach Österreich

40 km von Wien entfernt, östlich von Hollabrunn findet sich ein Waldstück mit dem Namen „Jesuitenholz“. Das alleine wäre nicht außergewöhnlich. Doch in diesem Fall scheint das Wäldchen im Koordinatensystem des internationalen Terrorismus der 1980er Jahre auf – mit Querverbindungen bis hin zum mysteriösen Attenat auf den „Herrn des Geldes“, Alfred Herrhausen, vor 30 Jahren.

Eine Gruppe dänischer Linksextremisten, die sogenannte Blekingegade-Bande, hat das Jesuitenholz ausgekundschaftet und vielleicht sogar dort Waffen sowie Sprengstoff gebunkert. Fest steht zumindest, dass sich die Gruppe in Frankreich, der Schweiz und in Österreich nach geeigneten Waffenverstecken umsah.

Lokalaugenschein im Jesuitenholz bei Hollabrunn

Ein Mitglied, Torkil Lauesen, tourte mit seiner Partnerin fünf Tage lang durch die drei Länder und schaute sich passende Waldstücke in der Nähe der jeweiligen Hauptstädte an. Der Boden dort durfte nicht zu feucht sein und die Verstecke sollten bei jedem Wetter oder Jahreszeit auffindbar sein. Im „Jesuitenholz“. wurden die beiden Dänen fündig. Das belegt eine Skizze, die Lauesen samt Wegbeschreibung anfertigte. Das Dokument befindet sich im Archiv der Polizei in Kopenhagen. Der dänische Journalist Peter Øvig Knudsen berichtete darüber in seinem zweibändigen Buch Blekingegadebanden (2007).

Das grüne Kreuz – wurden unweit davon in den 1980er Jahren Waffen deponiert?

Die Orientierungspunkte, die der Scout vermerkte, finden sich auch heute noch im „Jesuitenholz“. An einer Kreuzung steht das „grüne Kreuz“, ein Christuskreuz. Ein paar Meter entfernt ist ein markanter Baum direkt zwischen einem Feldweg und einem Wendeplatz. Laut Lauesens Aufzeichnungen war das Waffendepot 75 Meter von dieser Stelle entfernt anzulegen – im Schatten einer Kiefer, die inmitten von Laubholz stehe. Wir wissen nicht, ob an der Stelle tatsächlich jemals Waffen versteckt wurden. Wahrscheinlicher ist, dass es beim bloßen Auskundschaften geblieben ist.

Der Baum zwischen Straße und Wendeplatz soll ein Orientierungspunkt für das Waffenlager gewesen sein

Ein Lager der „Blekingegade-Bande“ wurde aber 1986 entdeckt – im Wald von Fontainebleau nahe von Paris. Darin fanden sich neben Waffen und Sprengstoff auch Handgranaten, von denen einige bei Anschlägen auf NATO-Ziele verwendet worden waren. Ursprünglich stammten die Sprengkörper aus einem Depot der schwedischen Armee, dass die „Blekingegade-Bande“ 1982 beraubt hatte. Die Dänen waren bekannt dafür, aus „internationaler Solidarität“ heraus Banken zu berauben und das Geld dann der Volksbefreiungsfront für Palästina (PFLP) zuzuschanzen. Es blieb nicht nur bei Geld, denn das Waffenversteck bei Paris stand den Palästinensern und ihren Verbündeten offen.

In der Blekingegade Nr. 2 in Kopenhagen hatte die dänische Gruppe damals einen Stützpunkt samt Arsenal

Eben diese Akteure waren seit Ende der 1970er Jahre in einem hochkomplexen Netzwerk miteinander verbunden. Von den Zentralen der PLFP in Damaskus und in Beirut aus agierte ein regelrechtes Terror-„Joint Venture“. Dazu zählten neben Angehörigen der Japanischen Roten Armee auch westdeutsche Linksextremisten, die sich in den Nahen Osten geflüchtet hatten.

Im Gegenzug für Kost und Logis mussten sie sich offenbar ab und zu an Operationen beteiligen. So war es zum Beispiel am 17. Juni 1988, als drei Terroristen eine Bombe vor einem von NATO-Militärs frequentierten Hotel im spanischen Rota installieren wollten. Doch ein Zünder explodierte vorzeitig, woraufhin die Täter vor der Polizei flüchteten. Zurücklassen mussten sie einige der schwedischen Handgranaten aus dem Depot bei Paris.

Eine der der Beteiligten an dem Fehlschlag war die Deutsche Andrea Klump, auch ihr Partner Horst Ludwig Meyer war wohl mit von der Partie. Die beiden flogen 1999 bei einer Personenkontrolle in Wien auf. Meyer zog eine Waffe und wurde erschossen, Klump dagegen verhaftet. Beide hatten seit 1995 als „U-Boote“ bei einem Jusstudenten gelebt, nachdem sie dem Nahen Osten den Rücken gekehrt hatten. Ihre dänischen Pässe auf „Jensen“ und „Prieri“ dürften wohl von der Blekingegade-Bande stammen. Nicht umsonst wurde nach dem Tod Meyers ausgerechnet in Kopenhagen ein Brandanschlag auf die österreichische Botschaft verübt.

Klump und Meyer waren lange Zeit der „dritten Generation“ der Roten Armee Fraktion (RAF) zugerechnet worden. Im Unterschied zu den Vorgängern ging man tödlich effizient ans Werk. Ab 1985 beging sie eine Anschlagswelle mit insgesamt sechs Toten. Zu ihren Opfern zählten Topmanager, Industrielle und Diplomaten. Keines dieser Verbrechen konnte bis heute aufgeklärt werden. Die „dritte Generation“ blieb ein Phantom.

Ein Anschlag sticht besonders hervor. Am 30. November 1989 wurde der „Herr des Geldes“, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, bei der Explosion einer Sprengfalle nahe seines Wohnsitzes in Bad Homburg getötet. Und zwar hatte die Detonation von sieben Kilogramm TNT eine Kupferplatte zu einem Sprenggeschoss verformt, das dann mit enormer Geschwindigkeit den gepanzerten Mercedes 500 durchschlug. Diese verheerende Wirkung war zentimetergenau berechnet worden, sodass Herrhausen tödlich verletzt wurde, sein Fahrer aber mit dem Schrecken davonkam.

Die RAF bekannte sich zwar mit einem dünnen Papier zu dem Anschlag. Aber nichts deutet darauf hin, dass die Gruppe alleine dazu in der Lage gewesen wäre. „Herrhausen war sicher nicht die RAF“, lautet der Befund eines deutschen Ex-Terrorfahnders gegenüber dem Autor. Die wahren Täter mit der notwendigen Expertise vermutet der Experte in Damaskus und Beirut, wo die verschiedenen Fäden zusammenliefen.

Dafür spricht, dass acht Tage vor dem Herrhausen-Attentat, am 22. November 1989, der libanesische Präsidenten René Moawad mit derselben ausgefeilten Bombentechnik in Beirut ermordet wurde. Noch 2004 setzte die vom Iran unterstützte Mahdi-Armee solche Sprengfallen gegen gepanzerte US-Militärfahrzeuge im Irak ein. Mehr als 200 Soldaten wurden bei den Anschlägen getötet.

In Westeuropa blieb das Herrhausen-Attentat jedenfalls einzigartig und sorgte bei den Sicherheitsbehörden für viel Kopfzerbrechen. Ex-CIA-Agent Robert Baer schreibt in einem Buch The Perfect Kill (2014), dass man sich vor so einer Attacke mit quasi militärischer Qualität ernsthaft Sorgen selbst um die Sicherheit des US-Präsidenten machte. Die Sprengfalle sei mit einem Scharfschützengewehr gleichzusetzen, dem schlimmsten Alptraum der Personenschützer vom Secret Service.

Klar ist: Der Bombenmechanismus muss mehrfach getestet worden sein, um diese Präzision sicherzustellen. Und diesbezüglich gibt es noch ein weiteres, überraschendes Detail, wie der ehemalige Mitarbeiter des Bundeskriminalamts ausführt: „Am 19. Mai 1989 gab es hier in Wien auf der Autobahn nach Schwechat einen Bombenanschlag, der nur Sachschaden angerichtet hat. Insider sagen, das könnte die Generalprobe für Herrhausen gewesen sein. Denn die Anschläge waren einander sehr ähnlich. Es war ebenfalls ein bewegliches Ziel, es muss auch eine ähnliche Fotozelle gewesen sein. Vielleicht wurde so simuliert, wie der spätere Anschlag funktionieren könnte.“

Im Unterschied zur späteren Herrhausen-Bombe, die sechs Monate später hochging, war die Menge des in Wien eingesetzten Sprengstoffs gering gewesen. Die Fernzündung wurde ausgelöst, als ein Lastwagen die Bombenfalle 300 m nach der Schrägseilbrücke über den Donaukanal passierte. Die Explosion riss ein vier Quadratmeter großes Loch neben der stadtwärts führenden Fahrbahn. Weder gab es eine Bekennung, noch ließ sich die Tat irgendwie zuordnen.

Der Herrhausen-Anschlag ereignete sich von der Uhrzeit her nur fünf Minuten nach jenem in Wien. Das war ein Grund dafür, warum ein Mitglied der deutschen Sonderkommission einen „Testanschlag“ vermutete: „Der Zündmechanismus der späteren Höllenmaschine wurde im Ausland getestet. Man wollte bei dem Anschlag gegen den ‚Herrn des Geldes‘ sichergehen, dass Herrhausens gepanzerter Mercedes in die Bombenfalle fährt.“ Hatte der LKW für das 2,8 Tonnen schwere Auto Herrhausens gestanden?

Bericht im Kurier vom 20.5.1989

Das ist ebenso ungeklärt wie die Spuren, die ins „Jesuitenholz“ führen. Ersichtlich wird aber: Die Terrorgruppen der 1980er Jahre arbeiteten auf verschlungenen Pfaden zusammen. Diese zu entwirren wird die Forschung noch auf absehbare Zeit beschäftigen.

Siehe dazu auch:

Bei der RAF waren sie nicht!“

https://thomas-riegler.net/2019/09/13/bei-der-raf-waren-sie-nicht/

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