Den „dritten Mann“ gab es wirklich

Am 10. März 1950,vor 70 Jahren, hatte „Der dritte Mann“ im Apollo-Kino seine Österreich-Premiere. Mitinspiriert hatte den Film ein Schwarzmarkt-Schieber, der Wien zeitgleich unsicher machte.

Wie ein Generaldirektor soll er ausgesehen haben, der König der Wiener Unterwelt. 70 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod ist er in Vergessenheit geraten: Benno Blum. Wobei der Mann eigentlich Nikolai Borrisow hieß und 1910 in Bessarabien (Rumänien) geboren wurde. Nur wenig ist über sein Vorleben bekannt: Einmal heißt es, Blum sei schon während des 2. Weltkriegs in Deutschland und am Balkan als Schleichhändler aktiv gewesen – bevor es ihn 1947 nach Wien verschlug. Laut anderer Quellen war er hierher als mittelosen Fremdarbeiter gestrandet, so wie viele Hunderttausend anderer Zwangsverschleppte und Kriegsflüchtlinge, die man „Displaced persons“ nannte.

Memorabilia im Dritte Mann-Museum in der Wiener Preßgasse

Wie dem auch sei, Blum schaffte es innerhalb kürzester Zeit zu Reichtum zu kommen und zwar durch großangelegten Zigarettenschmuggel. Stangen amerikanischer und britischer Herkunft waren die Ersatzwährung im zerbombten Wien. Dorthin gelangten sie über verschlungene Wege. Teils wurden die Zigaretten vom Freihäfen Tanger aus per Schiff nach Italien gebracht. Per Bahn ging es weiter an Deckadressen in Budapest.

Mit der Zeit gingen die Schleichhändler dazu über, die Wagons gleich hinter der ungarischen Grenze entleeren zu lassen. Soweit so gut. Für die letzte Etappe nach Wien brauchte eine Übereinkunft mit der sowjetischen Besatzungsmacht. Korrupte Offiziere waren dazu nur allzu bereit. Sie ließen die Ware auf Lastwägen zu entlegenen Treffpunkten in Niederösterreich fahren, wo sie von den Chauffeuren der Banden übernommen wurde. Das funktionierte eine Zeit lang, bis sich der Geheimdienst MGB (später KGB) einschaltete. Man traf eine Abmachung mit einem der Gangster, der gerne Lieferungen der Konkurrenz klaute: Blum.

Seine Bande erhielt das Monopol des Zigarettenschmuggels. Der dadurch für Österreich entstandene Schaden wurde mit insgesamt 100 Millionen Schilling beziffert (heute umgerechnet 81,5 Millionen Euro). Freilich hatte Blum allmonatlich eine spezielle Gegenleistung zu erbringen, nämlich: „Menschenraub“. Denn Österreich war ab Ende der 1940er Jahre Schauplatz eines Schattenkriegs der Spione aus Ost und West.

Ins Visier gerieten nicht so sehr die Agenten beider Seiten, sondern deren „Quellen“. Manche Österreicher hatten sich durch Aussicht auf schnelles Geld als Spitzel anwerben ließen. Viele Verschleppte waren aber auch Opfer von Verwechselungen oder von Denunziationen. Überwiegend traf es antikommunistische osteuropäische Flüchtlinge und Deserteure. Um diese Zielpersonen „überall“ – auch außerhalb des eigenen Machtbereichs – in die Finger zu bekommen, bedienten sich die Sowjets bei Gangstern wie Blum.

Direkt auf Konto der „Benno Blum-Bande“ gingen bis zu 30 Fälle, was Angst und Schrecken verbreitete. Dazu trug die Handschrift der Kidnapper bei. Sie kurvten in schwarzen Chevrolets herum und zögerten nicht, tief in den westlichen Besatzungszonen zuzuschlagen. Alleine zwischen 14. April und 28. Juli 1949 entführten sie in Salzburg vier russische „Displaced persons“.

Aber es gab auch Pannen. So gelang es nicht, eine Top-Zielperson in die Falle zu locken – den Doppelspion Richard Kauder, der im 2. Weltkrieg für die deutsche Abwehr gearbeitet hatte. Am 28. Juli 1949 kam es an der genau an der Grenze zwischen den Besatzungszonen zu einem Zwischenfall. Auf der Donaubrücke bei Urfahr prallte der Entführerwagen gegen einen Lichtmast. Ein Mann sprang heraus und lief hilfesuchend auf den amerikanischen Posten zu. Doch er kam nicht weit: Ein sowjetischer Soldat eröffnete das Feuer und zerrte ihn zurück.

Ein weibliches Opfer erinnerte sich später, wie das Auto in das man sie gezerrt hatte, „in rasendem Tempo“ davonfuhr: „Ich saß, den Mantel von hinten über den Kopf gezogen; eine derbe, fleischige Hand war auf meinen Mund gepresst, meine eigenen Hände wurden wie in einem Schraubstock festgehalten. Dann verspürte ich den widerlich süßen Duft, der jener Hand entströmte.“

Viele der so Verschleppten verschwanden zunächst in einem provisorischen Kellergefängnis in der Plößlgasse Nr 4. Das genaue Schicksal vieler Opfer der Benno Blum-Bande liegt aber Großteils im Dunklen. Insgesamt sollten während des Besatzungsjahrzehnts mehr als 2.200 Österreich aus verschiedensten Gründen in die Mühlen des sowjetischen Repressionsapparats geraten. 150 wurden zum Tod verurteilt, etwa Tausend verbüßten Haftstrafen in der UdSSR.

Heutige Ansicht von Plösslgasse Nr. 4

Blum hingegen war lange Zeit unantastbar: Er wohnte in einer schmalen Wiedener Gasse im sowjetischen Sektor, unweit von seinem Stammlokal, dem Café Papageno. Mit Vorliebe fuhr er in einem Wagen mit verhängten Fenstern. Am Steuer der Limousine saß Blums „Gardist“, Josef Krista, später selbst eine Unterweltgröße. Er machte als „Notwehr-Krista“ von sich reden, weil er es schaffte, für einen Mord 1954 nur wegen „Notwehrüberschreitung“ verurteilt zu werden.

Über die tragische Biographie eines anderen Bandenmitglieds gibt ein dünner Akt im Staatsarchiv Auskunft. Adolf Altmann stammte aus einer jüdischen Familie in Rumänien. 1941 wurde er samt Eltern und seiner Schwester ins Ghetto von Czernowitz deportiert. Innerhalb eines Jahres waren seine Verwandten ermordet oder an Krankheiten gestorben. Altmann selbst wurde 1944 aus einem anderen ukrainischen Arbeitslager befreit.

Im Oktober 1947 flüchtete er wegen „Kontra-Einstellung zum Kommunismus“ nach Wien, wo er „im Auftrage Blums wiederholt nach Ungarn fuhr, um an den von Blum großangelegten Zigarettenschiebungen von Ungarn nach Österreich mitzuwirken“. Wie der Polizeibericht festhält, zählte der Bandenboss „zu den prominentesten Mitgliedern der damaligen Schwarzmarkt-Unterwelt in Österreich“.

Von Blum erfahren haben dürfte auch Graham Greene, als er im Februar und Juni 1948 nach Wien kam. Der Schriftsteller recherchierte die Romanvorlage für „Der dritte Mann“. Greene, der selbst im 2. Weltkrieg beim britischen Geheimdienst gewesen war, konnte dabei auf seine alten Kontakte bauen und erhielt einen intimen Einblick darin, wie es um Situation im Nachkriegs-Wien tatsächlich bestellt war.

Graham Green 1939 (Wikimedia Commons)

Im Zentrum von Greens Interesse stand dabei die Schwarzmarkt-Kriminalität. Sein Roman und der darauf basierende Film drehten sich dann auch um einen charismatischen Schieber. Dieser Harry Lime ist eigentlich Amerikaner und lebt schon länger in Europa. In Wien führt er eine besonders skrupellose Gang an, die mit gepantschtem Penicillin ein Vermögen ergaunert und dabei zahllose Opfer in Kauf nimmt. „Er war so ungefähr der übelste Schieber, der je in dieser Stadt sein schmutziges Geld verdient hat“ – so wird Lime im Roman charakterisiert.

Harry Lime wird in Der dritte Mann von Orson Welles verkörpert

Die Dreharbeiten für „Der dritte Mann“ fanden ab Spätherbst 1948 in Wien statt. Seither ist viel über das reale Vorbild von Lime spekuliert worden. Inspiriert haben dürfte Greene seine Freundschaft mit dem Doppelagenten Kim Philby. Dieser hatte 1934 während des Bürgerkriegs mitgeholfen, Schutzbündler durch die Wiener Kanalisation zu schleusen. So versucht auch Harry Lime durch dieses Labyrinth zu entkommen.

Um die Figur realitätsnah zu zeichnen, nahm Greene wohl zusätzlich Anleihen bei einem „echten“ Kriminellen wie Blum. Die Gang von Blum sei aber „grauenvoller“ als die fiktive von Lime gewesen, befand das Collier’s Magazine 1950. Blum und seine Kompagnons hätten mit „den Geheimnissen und der schmutzigen Arbeit des Kalten Krieges“ gehandelt: „Spionage, Kidnapping und Tod.“ Fazit der US-Reporter: „Die Geschichte des 3. Manns ist wahr.“

„Die Geschichte des 3. Manns ist wahr– Bildbericht im Collier’s Magazine (Juni 1950)

Auch der damals in Wien stationierte CIA-Agent William Hood meint in seinen Memoiren, dass Blum für Harry Lime Pate gestanden habe. Und ausgerechnet in der berühmten Riesenrad-Szene im Film ist ein kleiner Hinweis versteckt: Lime meint düster, nur so lange sicher zu sein, wie er für die Sowjets „nützlich“ sei. In der Romanfassug sagt Lime an dieser Stelle, dass der „Preis des Lebens“ im sowjetischen Sektor die „Dienstleistung“ sei: „Ich muss ihnen von Zeit zu Zeit eine kleine Information zukommen lassen.“

Wie dem auch sei, so wie Lime hatte auch Blum seine Schuldigkeit bald getan. Die Schlinge zog sich zusammen, als eines seiner Kommandos am 10. Jänner 1950 aufflog. Die zwei Männer und eine Frau hatten es auf einen in Steyr lebenden russischen Deserteur abgesehen gehabt. Blum hatte sie noch bis St. Valentin begleitet. Doch ein wachsamer Kamerad des anvisierten Opfers soll misstrauisch geworden sein, woraufhin das Trio festgenommen wurde.

In dem Auto, mit dem sie nach Steyr gekommen waren, fand man auswechselbare Kennzeichen, Mundknebel und eine Sherry Brandy-Lasche mit Morphiumzusatz. Der Coup trat eine Verhaftungswelle los. Alleine in Wien wurden zahlreiche Banden-Mitglieder in Haft genommen: Neben dem bereits erwähnten Adolf Altmann waren das Herbert Eichhorn, Max Eisenkraft, Hermann Frankl, Karl Holländer, Philipp Mehler, Philipp Oberländer, Josef Wocilka und Karl Wolf.

Noch brisanter aber war, dass zum ersten Mal die Namen der sowjetischen Führungsoffiziere Blums öffentlich wurden. Die MGB-Hauptleute Josef Bielaw und Nikolai Orlow, die zwischenzeitlich an derselben Adresse gewohnt hatten, wo sich eines der „Zentralbüros“ der Benno Blum-Bande befand: Gußhausstraße Nr. 8.

Gußhausstraße 8, heutige Ansicht

Um das Gesicht zu wahren, wurde Blum im Anhaltelager Katzelsdorf bei Wiener Neustadt interniert. Gemeinsam mit zwei Komplizen schaffte er es am 18. Februar 1950 noch einmal zu entkommen und in Wien unterzutauchen. Dort suchten Agenten des amerikanischen Counterintelligence Corps (CIC) fieberhaft nach Blum. Die Operation trug den Namen Snatch/Countersnatch.

Am Nachmittag des 2. April 1950, nur wenige Wochen nachdem „Der dritte Mann“ in den österreichischen Kinos angelaufen war, gab es den entscheidenden Tipp. Quelle soll ein Verwandter Blums gewesen sein. Es hieß, Blum würde an jenem Abend in die Patterewohung in der Thalheimergasse 1-7 kommen, um seine Geliebte zu treffen. Diese 27jährige Margarethe Hochecker, auch die „blonde Grete“ genannt, soll für die Verrechnungsstelle der US-Armee in der Porzellangasse gearbeitet haben. Die Wohnungsinhaberin wiederum war eine gebürtige Russin und mit Blum bekannt: Ihr Schwiegersohn hatte wenige Monate zuvor ein Auto der Bande verkauft, um Spuren zur sowjetischen Besatzungsmacht zu verwischen.

Letzte Station für Benno Blum in der Ottakringer Thalheimergasse

Zwischen 21 Uhr und 22 Uhr schlugen die Agenten Robert Crowell und Frank Otto unterstützt von französischen Militärpolizisten zu. Der „auffallend elegantgekleidete Blum hatte sich gerade erst in der Küche zu einer Tasse Tee Platz hingesetzt. Er löschte das Licht, drückte sich in eine Mauernische und versuchte noch das Fenster zu öffnen. Aber es gab kein Entkommen.

Auf engstem Raum kam es zu einem verzweifelten Handgemenge. Insgesamt sechs Schüsse fielen. Blum brach mehrfach getroffen zusammen. Er starb eine halbe Stunde später in der Unfallstation. Niemand kam, um seine Leiche abzuholen. Ob das auch für Blums Kapital galt, das er in einer Züricher Bank gebunkert hatte, mag bezweifelt werden.

Hinweis: Gekürzte Version ist am 5.3.2020 in Die Presse am Sonntag erschienen https://www.diepresse.com/5777232/bdquoder-dritte-mannldquo-und-die-wiener-unterwelt