Die Killer nicht mehr zurückpfeifen können

Flughafen Schwechat, 27. Dezember 1985: Die drei Männer benahmen sich verdächtig. Sie standen nebeneinander auf der Treppe und zupften nervös an ihrer Kleidung. Einer versuchte eine Handgranate im Ärmel seines Kamelhaarmantels zu verbergen. Der US-Amerikanerin Cora S. fiel das auf, als mit der Rolltreppe an dem Trio vorbeifuhr. Mit ihrem Ehemann, einem in Wien stationierten Diplomaten, war sie an diesem Samstagvormittag auf den Flughafen Schwechat gekommen, um Sohn David zu verabschieden. Nun hieß es rasch handeln – gemeinsam sprachen sie in der Abflughalle den nächstbesten Polizisten an. Doch der verstand kaum Englisch. Er konnte auch niemand verdächtigen im Umkreis entdecken. Gerade als sich der Polizist zu seinem Standort umkehrte, kam es zu mehreren Detonationen. So begann einer der schwersten Terroranschläge in der Geschichte der 2. Republik.

Getroffen wurde der Ostteil des Terminals – um 9.07 Uhr war dort am Schalter 3 und 4 der Checkin für den El-Al-Flug LY 364 nach Tel Aviv voll im Gang. In unmittelbarer Nähe wurden am Schalter 7 und 8 Passagiere für einen Lauda Air-Flug nach Heraklion abgefertigt. Circa 200 Menschen waren vor Ort. Der ungarische Musiker Janos F. stand in der Schlange, um für einen Auftritt am Silvesterabend nach Israel zu fliegen. Da schrie plötzlich eine Frau schrill auf und etwas Metallisches klirrte am Fußboden. Herr F. gab später zu Protokoll:

„Ich drehte mich um und sah in einem Abstand von 2 Metern, insgesamt 3 schwarze Metallkugeln im Durchmesser von 8-10 cm in Richtung Raummitte rollen. Sie hüpften auf dem Boden.“ Der Musiker warf sich so wie die Umstehenden zwischen den Gepäcksstücken und dem in der Halle aufgestellten Christbaum hin: „Als wir am Boden lagen, detonierten nacheinander diese Sprengkörper. Unmittelbar nach diesen Detonationen hörten wir das Feuer mehrerer Maschinenpistolen.“

Der Schauplatz des Anschlags aus Sicht der Terroristen

Die 26jährige Elisabeth Kriegler wurde tödlich getroffen – ebenso wie der burgenländische Lehrer Eckehard Karner (50) und der 25jährige Israeli Ely Jana. Insgesamt mussten 39 Personen im Krankenhaus behandelt werden: Die 19jährige römische Balletteuse Alessandra B. konnte aufgrund eines zerschossenen rechten Unterschenkel nie wieder tanzen. Dem 60jährigen Johann G., der durch eine Kriegsverletzung links gehbehindert war, musste der gesunde rechte Fuß abgenommen werden.

Ein Glück im Unglück war, dass die nervösen Angreifer eine der Handgranaten geworfen hatten, ohne vorher den Splint herauszuziehen. Es waren eben jene drei Männer, die Cora S. kurz zuvor bemerkt hatte – Terroristen der Abu-Nidal-Organisation. Weil der 26jährige Abdel Aziz Merzoughi, der 23jährige Mongi Ben Abdollah Saadaoui und der 25jährige Tawfik Ben Ahmed Chaovali, nicht gleich losgeschlagen hatten, dürfte sie der nachschauende Polizist verpasst haben.

Wären die Terroristen aus ihrer Deckung – einem Stiegenaufgang – ausgebrochen, hätte es noch viel mehr Opfer gegeben. Aber das Abwehrfeuer war so stark, dass ihre Kalaschnikows nur ungezielt über die letzte Treppenkante hochhielten.

Über diese Treppe wollten die Terroristen vorstoßen

Die El-Al-Sicherheitsleute hatten sofort reagiert und zurückgeschossen. Und die österreichische Polizei? Insgesamt waren acht Sicherheitswachebeamte und acht Kriminalbeamte in der Abflughalle postiert. Aber wie sich der damalige Leiter der Schwechater Kriminalabteilung Alfred „Django“ Rupf im Gespräch mit dem Autor erinnerte, war die Ausgangslage trotzdem von Nachteil:

„Der Punkt, wo die El Al abgefertigt wurde, war sehr ungünstig, weil ein Stiegenaufgang in der Nähe war, über den die Terroristen dann auch gekommen sind. Oben war eine Rampe, über die ein Fahrzeug durch die Fassade hätte krachen können. Und es gab eine Empore, von der man aus beobachten konnte, wo die Leute standen. Wir waren damals der Meinung, uniformierte Beamte wären für die Terroristen leicht auszuschalten, weshalb wir Kriminalbeamte in Zivil eingereiht haben. Was wir nicht bedacht haben, die Terroristen haben nur die Uniformierten gesehen und gedacht, es wäre einfach. Das Problem war auch, dass man in der Halle nicht zurückschießen konnte, ohne jemanden zu gefährden.“

Nur ein Polizist in der Lage einzugreifen: „Zuvor war ein verdächtiges Gepäckstück aufgefallen und weil dieser Revierinspektor K. ein Sachkundiges Organ (SKO) war, wurde er zu dieser Stelle gerufen. Gerade in dem Moment, wie er dort angekommen ist, hat der Angriff der Terroristen begonnen.“ Gedeckt hinter einem Pfeiler schoss der Beamte das Magazin seiner FN Browning-Dienstwaffe auf die Angreifer leer.

Dagegen hatten sowohl die Kriminalbeamten als auch die El Al-Sicherheitsleute „nur“ Kleinkaliberpistolen. „Das war eine unzureichende Bewaffnung. Es hat sich gezeigt, dass die Terroristen so in Rage waren, dass sie ihre zahlreichen Verletzungen zunächst gar nicht bemerkt haben. Sie waren ganz einfache Handlanger ohne viel Ausbildung. Sie haben nicht einmal gewusst, wie sie fliehen konnten“, so Rupf.

Das Feuergefecht dauerte 40 bis 60 Sekunden. Dann flohen die Palästinenser. In der Tiefgarage kaperten sie ein schwarzes Taxi, fanden aber die Ausfahrt nicht gleich. Drei Polizeiautos nahmen die Verfolgung auf – den ersten Wagen steuerte der damals 41jährige Gruppeninspektor Peter P. Er war über Funk alarmiert worden, ohne zu wissen, was vor sich ging. Auf dem Weg zur Abflughalle kamen ihm schon die El-Al-Sicherheitsleute entgegen. „Die wollten den Terroristen mit ihren Privatautos nachfahren. Ich habe ihren Chef gekannt. Er ist sofort zu mir reingesprungen und hat gesagt: ‚Go, Go!‘ Wie wir die Rampe hinunterfahren, sehe ich wie ein Fahrzeug vom C-Parkplatz herauskommt und sich querstellt. Der Israeli hat gesagt: ‚This car! This car!‘“

Weil die Auffahrt zur Autobahn bereits gesperrt war, rasten die Terroristen zur Bundesstraße 9 Richtung Fischamend. Die ganze Zeit über wurde wild hin- und hergeschossen. Der israelische Sicherheitsmann feuerte nicht nur seine FN leer, sondern auch P.s Dienstwaffe, inklusive Reservemagazin: „Tatsache ist, dass aus meinem Wagen zusammen 50 Schuss rausgegangen sind. Am Mercedes der Terroristen haben wir später 18 Einschüsse gezählt.“

P. musste im Zick-Zack fahren:

„Das Gute war, die Täter sind alle drei vorne gesessen und waren dementsprechend eingeengt. Außerdem sie nur mehr eine Kalaschnikow. Dafür brauchte sich der Schütze nicht rauszubeugen. Er hat sich einfach umgedreht und durch die kaputte Heckscheibe gefeuert. Mein Glück war, dass die Terroristen nur mehr wenig Munition hatten und deswegen Einzelfeuer abgaben. Ich habe das Mündungsfeuer immer wieder aufblitzen sehen.“

Ungefähr 200 m nach der Kreuzung der Abfahrt A4 mit der B9 kam der Mercedes zum Stillstand. Denn die Terroristen hatten es geschafft, beim Wegfahren die Ölwanne am Randstein aufzureißen. Noch einmal spitzte sich die Situation zu, erzählte P.:

Sie [die Terroristen] sind links und rechts rausgesprungen. Sie sind auf die gegenüberliegende Seite gerannt, haben zwei Fahrzeuge gestoppt und Geiseln genommen. Wir haben ebenfalls angehalten, der Israeli ist raus und war weg. Munition hatte ich keine mehr. Ich habe mich mit meinem Diensthund vorgetastet und gesehen, wie einer der Palästinenser einer Frau das Messer angehalten hat. Der andere hat die Insassen mit der Kalaschnikow bedroht. In der Zwischenzeit ist ein Mann mit einem Sturmgewehr als Verstärkung nachgekommen. Ich habe gesagt: ‚Gib her.‘ Da steigt plötzlich der dritte, schon schwer verletzte Terrorist, aus und kommt auf mich zu. Da er keine aggressive Handlung gesetzt hat, habe ich einen Feuerstoß ins Parkett reingelassen. Daraufhin ist er in die Knie gegangen. Da sehe ich, dass er in der rechten Hand eine Handgranate hält. Einer meiner Kollegen ist sofort nach vorne und hat den Palästinenser mit einem Tritt in die Halsgegend niedergestreckt. Fünf Minuten später war der Mann tot.“

Fünf Minuten später war der Terrorist Merzoughi tot und seine Mitkämpfer ergaben sich.

P.‘s Fazit gegenüber dem Autor:

„Sie brauchen für das Ganze ausgesuchte Leute, die eine gewisse Einstellung zu dem Beruf mitbringen. Nachdenken, was passieren kann, darf man nicht, sondern man muss reagieren, wenn es kracht und scheppert. Dafür sind wir da. Mir persönlich ist das Zimperlein erst am nächsten Tag gekommen, als das Erlebte 100fach vor mir abgelaufen ist. Ich hatte großes Glück und bin dem Tod mehr als einmal von der Schaufel gesprungen.“

Die beiden überlebenden Terroristen wurden am 21. Mai 1987 wegen zu lebenslanger Haft verurteilt. Chaovali kassierte wegen Ausbruchsversuchen noch einmal 19 Jahre. Saadaoui dagegen ging 2008 im Alter von 58 frei. Ein „vierter Mann“, der eigentliche Kopf des Unternehmens, entzog sich dem Zugriff. Ali Ben Bechin Dhakli hatte seine Untergebenen beim Frühstück im „Air Terminal Restaurant“ am Morgen des 27. Dezember 1985 instruiert und sich vor Beginn der Aktion abgesetzt.

Die genauen Hintergründe sind bis heute nicht wirklich geklärt. Am selben Tag des Schwechater Anschlags griff ein weiteres Abu-Nidal-Kommando den Flughafen Rom an. Es gab 16 Tote und 99 Verletzte, darunter viele US-Passagiere. Von daher lag ein Zusammenhang mit den Spannungen zwischen den USA und dem libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi auf der Hand. Letzterer galt als Sponsor von Terroristen wie Abu Nidal, war aber dem österreichischen Altbundeskanzler Bruno Kreisky freundschaftlich verbunden. Wie passte da die Tragödie von Schwechat ins Bild?

Offenbar gab es „hausgemachte“ Gründe: Und zwar hatte Abu Nidal schon 1981 Terror in Österreich verbreitet. Zwei Killer und der „Führungsoffizier“ Bahij Younis konnten verhaftet werden. Vor allem letzteren wollte Abu Nidal freibekommen. Als Geheimverhandlungen Ende 1985 zu nichts führten, drohte er mit Vergeltung.

Das veranlasste Kreisky, sich einzuschalten. Am 12. Dezember 1985, etwas mehr als zwei Wochen vor dem Anschlag in Schwechat, rief er einen Vertrauten an – den damaligen OECD-Botschafter in Paris, Georg Lennkh. Diesen beauftragte er mit einer vertraulichen Mission – nämlich Abu Nidals „Dienstherrn“ Gaddafi um Hilfe zu bitten. Das Treffen fand am 16. Dezember 1985 um 11.15 Uhr statt. Gaddafi versprach, alles zu unternehmen, „was in seiner Macht stehe“. Der Anschlag ereignete sich trotzdem.

Anfang 1986 erhielt Kreisky eine „Botschaft der libysch-arabischen Führung“. Darin stand zu lesen: „Als ihr Gesandter österreichische Informationen überbracht hatte, dass die Gruppe Abu Nidal Anschläge in Wien plant, sind wir unmittelbar danach von dem Ereignis auf dem Wiener Flughafen überrascht worden, bevor ein Kontakt mit ihm zustande gebracht werden konnte.“ Tatsächlich hatten sich die Terroristen vom syrischen Bekaa-Tal aus auf den Weg gemacht. Denn auch das Regime von Hafiz al-Assad zählte damals zu den Unterstützern von Abu Nidal. Gut möglich, dass die Killer nicht mehr zurückzupfeifen waren.

Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, traf man eine Vereinbarung mit Abu Nidal. Bis 1993 stellte die Staatspolizei stellte Angehörigen seiner Organisation eine Wohnung in Wien zur Verfügung, die in Zusammenarbeit mit einem „befreundeten Dienst“ überwacht wurde. Dafür endete die Phase des Nahostterrors in Österreich. Der Anschlag in Schwechat hatte die Wende bedeutet: Davor hatte die auch antisemitisch motivierte Gewalt vor allem jüdische Auswanderer und Synagogenbesucher getroffen.

Nun fühlte sich jeder verletzlich. In der „Kronen Zeitung“ hieß es: „Der Terror kennt keine Grenzen, keine Neutralität, sein Kriegsschauplatz ist überall, sein Opfer kann jeder sein.“ Mit dem Doppelschlag von Schwechat und Rom vor 35 Jahren hatte jener schrankenlose Terrorismus begonnen, mit der wir heute mehr denn je konfrontiert sind.

HINWEIS: Gekürzte Version ist 2015 unter dem Titel Rückpfiff kam zu spät in profil. Nr. 52/2015 erschienen.