Was wusste Bruno Kreisky? Der österreichische Außenminister und der Konflikt in Südtirol

Man stelle sich vor: Ein amtierender Außenminister empfängt mehrmals Anführer einer Untergrundbewegung, die gerade im benachbarten Ausland Sprengstoffattentate vorbereitet – und er trifft sie keineswegs im Verborgenen, sondern in seinem Amtssitz und bei sich zuhause. Abschließend geht’s einmal in eine Gaststätte. All das hat Bruno Kreisky während des Südtirolkonflikts in den frühen 1960er Jahren getan – ausgerechnet jener Kreisky, der 1970 zum langjährigen Bundeskanzler aufrückt. Noch heute wird er vor allem wegen seiner Friedens- und Neutralitätspolitik gewürdigt. Weniger präsent sind dagegen Kreiskys Verbindungen zum Befreiungsausschuss Südtirol (BAS).

Zunächst einmal zu Bruno Kreisky selbst: Er hat die österreichische Nachkriegsgeschichte in einem Ausmaß geprägt, dass von der Ära des „Sonnenkönigs“ die Rede ist. 1971, 1975 und 1979 errang er mit der Sozialdemokratischen Partei Österreichs Mehrheiten. Innenpolitisch führte Kreisky umfangreiche gesellschaftspolitische Reformen durch, etablierte einen Wohlfahrtsstaat und schärfte das Profil Österreichs als internationale Begegnungsstätte.

Erste wichtige Karrierestation war das Außenministerium: Am 1. August 1959, nur zwei Wochen nach seiner Amtsübernahme, traf Kreisky Politiker aus Nord- und Südtirol. Die Südtirolfrage verstand Kreisky nicht als Grenzproblem zwischen Italien und Österreich, sondern als unzureichend gelöste Frage einer gleichberechtigten Mitbestimmung. Sein Ziel war daher Selbstbestimmung im Rahmen einer echten Landesautonomie.

In Südtirol war zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung gefallen, zum Mittel der Gewalt zu greifen. Nach Ende des 2. Weltkriegs hatten sich Österreich und Italien auf eine Autonomie verständigt. Die Umsetzung wurde jedoch verschleppt wurde. Der 1958 gegründete BAS machte zunächst mit zivilem Ungehorsam auf sich aufmerksam. Ende 1958/Anfang 1959 kam man zur Ansicht, dass nur eine härtere Gangart Erfolg versprach, nämlich das „Los von Rom“.

Ab Anfang 1961 setzten erste „demonstrative“ Bombenanschläge ein. In der „Feuernacht“ vom 11. auf den 12. Juni 1961 wurden alleine 37 Strommasten gesprengt. Daraufhin wurden 24.000 Soldaten und 10.000 Carabinieri nach Südtirol verlegt. Es kam zu Massenverhaftungen und Folterungen. Die Gewalt schaukelte sich so weiter hoch: Zwischen 1961 und 1967 starben 15 Militärs, Polizisten und Zöllner. Weiters kamen zwei Zivilisten sowie vier Attentäter ums Leben. 57 Personen wurden verletzt.

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Gesprengter Strommast, Feuernacht 1961 (Quelle: Wikimedia Commons)

Kreisky war von Beginn an bestens über den BAS und dessen Absichten im Bilde. Ein Netzwerk – darunter der aus Tirol stammende Chef des Wiener staatspolizeilichen Büros Oswald Peterlunger – hielt den Außenminister auf dem Laufenden. Wichtigster Informationsbeschaffer war der Nordtiroler SPÖ-Landesrat Rupert Zechtl.

Dafür, dass sich Kreisky die Sache Südtirol auf die Fahnen schrieb, gab es zunächst innenpolitisch motivierte Gründe. Mit dem Aufgreifen des Themas konnten er und die SPÖ ein konservativ-nationales Thema besetzen und gewannen so an Glaubwürdigkeit. Der Einsatz für Südtirol verband sich mit einem damals im Aufwind befindlichen Österreich-Bewusstsein und wirkte als Kristallisationspunkt der Identitätsbildung der jungen Nachkriegsdemokratie.

Persönlich zeichnete Kreisky zeitlebens eine besondere Affinität für Heimatlose und Vertriebene aus. Und so begegnete er auch dem BAS mit Sympathie und Verständnis. Kreiskys persönliche Erfahrung von Widerstand, Gefangenschaft und Exil spielte dabei eine zentrale Rolle.

„Es ist gut, wenn es in Südtirol einmal bumst“

Anfang 1960 kam es zu einem ersten persönlichen Treffen mit führenden BAS-Leuten, nämlich Wolfgang Pfaundler und Georg („Jörg“) Klotz. 2002 schilderte Eva Klotz in der Biografie ihres Vaters den umstrittenen Gesprächsverlauf so: „Jörg spricht ganz offen. Kreisky ist nicht weniger deutlich: ‚Zurückschlagen ist die einzige Möglichkeit, um sich Luft zu machen … es ist gut, wenn es in Südtirol einmal bumst, denn nur so wird die Welt auf dieses Problem aufmerksam!‘“

Zehn Monate nach dieser Vorsprache, am 27. November 1960, hatte Kreisky erneut Gäste aus Südtirol: Neben Karl Titscher und Jörg Pircher kam der Gründer des BAS, Sepp Kerschbaumer, in die Privatwohnung des Außenministers. Am Abend bat Kreisky in den Heurigen „Poldi Kurz“. Zu der Runde stießen dann einige der wichtigsten Verbindungsleute des BAS in Österreich – darunter er spätere ORF-Generaldirektor Gerd Bacher sowie der Verleger Fritz Molden.

Über den Inhalt der mehrstündigen Unterhaltung gingen die Meinungen später auseinander. In seinen Memoiren stellte Kreisky die Sache so dar, dass er die Südtiroler vor dem Abgleiten in den Terrorismus bewahren wollte. Nicht ganz so fassten es seine Gesprächspartner auf. Laut dem ehemaligen BAS-Mitglied Josef Fontana soll Kreisky gemeint haben: „Ich sag euch nicht, tut’s etwas, und ich sage euch nicht, tut’s nix, ihr wisst selbst, was zu tun ist.“

Viele Jahrzehnte später, im Jahr 1999, meldete sich Molden in dieser Sache zu Wort. Kreisky habe grundsätzlich gemeint: „Auf a paar Masten mehr oder weniger solls mir net ankommen.“ Rupert Zechtl, damals als einziger Teilnehmer des Treffens noch am Leben, nahm daraufhin Stellung: „Kreisky hat alles gewusst, aber er hat sich nicht eingemengt. Er hat nicht gesagt: Das dürft ihr nicht tun.“

„Hinterland“ Österreich

Tatsächlich war der Einsatz des Außenministers war nur ein Aspekt einer generell starken Unterstützung für den BAS in Österreich. Diese erstreckte sich auf mehrere Gebiete: Politische, finanzielle, materielle Hilfe, aber auch Schutz vor Auslieferung sowie stillschweigende Duldung. Österreich war das strategische „Hinterland“ des BAS. Ohne diesen „Schutzhafen“ wäre die mehrjährige Kampagne in dieser Form nicht möglich gewesen. Kreisky war in diesem Zusammenhang nur ein Akteur unter vielen.

Zunächst einmal verfügte der BAS in Nordtirol über eine eigene Zelle. Diese wurde bis zum Frühjahr 1959 von dem gut vernetzten ehemaligen Widerstandskämpfer und Journalisten Wolfgang Pfaundler aufgebaut. Vertreten waren neben Bacher und Molden der Obmann des Berg-isel-Bundes Eduard Widmoser, der Kaufmann Kurt Welser, das Künstlerehepaar Molling, der Schriftsteller Heinrich Klier sowie der Universitätsassistent Helmut Heuberger. Im Umfeld befand sich der Rechtsextremist Norbert Burger, der innerhalb deutschnationaler Burschenschaften einen eigenen Anhang rekrutierte.

Die Kontakte dieser Zelle reichten weiter zu wichtigen Entscheidungsträgern. In Nordtirol stand der BAS – wie es Hans Karl Peterlini ausdrückt – „unter der Schirmherrschaft der Tiroler Landesregierung“. Der wichtigste Ansprechpartner war der Tiroler ÖVP-Obmann und Landesrat, Aloys Oberhammer. Er wusste vom Aufbau des BAS, stellte finanzielle Mittel zur Verfügung und kannte die Attentatspläne. Die Beziehung des BAS zum politischen Establishment in Südtriol waren dagegen komplex: Man achtete seitens des BAS darauf, die Südtiroler Volkspartei nicht zu kompromittieren.

Neben den politischen Kontakten war Österreich als Quelle der für den Untergrundkampf notwendigen Mittel unerlässlich: Die Aufrüstung des BAS vollzog sich über mehrere Jahre – praktisch unter den Augen der österreichischen Staatsmacht. Bis zum Sommer 1961 wurden insgesamt drei bis vier Tonnen Sprengstoff, Hunderte von Sprengkapseln und Zeitzündern sowie mehrere Dutzend Gewehre nach Südtirol geschmuggelt. Aber was wäre das beste Material in den Händen von ungeschulten Kämpfern? Auch in diesem Punkt wurde von Österreich aus mittels Sprengkursen Abhilfe geschaffen. Teilweise fanden diese im benachbarten deutschen Mittenwald statt.

Die Finanzierung des Unternehmens war die strittigste Frage, denn die Mittel flossen anfangs zögerlich. Molden sorgte nicht für mediale Unterstützung, sondern war auch einer der wichtigsten Finanziers. Ungeachtet dessen soll der Südtirolterrorismus laut dem Beteiligten Heinrich Klier „der billigste Freiheitskampf aller Zeiten“ gewesen sein.

Bombenpolitik

Damit zurück zum angeblichen „Einverständnis“ Kreiskys mit den BAS. Dieses muss vor allem im Zusammenhang mit der jeweiligen Entwicklungsstufe des Südtirolkonflikts betrachtet werden: 1959/1960, als die Treffen zwischen dem Außenminister und der BAS-Spitze stattfanden, hatte die Aktivsten mit ihren Plänen noch nicht Ernst gemacht. Aber die Vorbereitungen waren im Gang.

Kreisky wiederum hatte am 21. September 1959 einen ersten diplomatischen Erfolg verzeichnet: Der Leitungsausschuss der UNO-Generalversammlung nahm die Südtirol-Frage auf die Tagesordnung der Debatte im Oktober 1960. Um die große Bühne bei der UNO zu nutzen, kam es darauf an, eine entsprechende Kulisse aufzubauen. Und genau dafür dürften die Anschläge einkalkuliert gewesen sein.

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Kreisky und UN-Generalsekretär Uthant 1962 (Quelle: Wikimedia Commons)

Erfolgversprechende Vorbilder dafür gab es genug: Der Südtirolkonflikt fiel in die Zeit der Entkolonialisierung. An mehreren Fronten war es Befreiungsbewegungen gelungen, überlegene Kräfte zu besiegen. Und zwar indem sie auf asymmetrische Kriegsführung (Guerilla, Terrorismus) setzten und damit die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich lenkten.

In Südtirol war es vergleichsweise lange „zu ruhig“, wie einige der BAS-Strategen bemängelten. Klotz und Pfaundler schwebte ein regelrechter Guerillakrieg vor. Der überzeugte Katholik Kerschbaumer lehnte die Steigerung auf ein Gewaltniveau, das Menschenleben gefährden konnte, ab. Er plädierte für eine Taktik der „Nadelstiche“, die er auch durchsetzen konnte. Der Auftakt erfolgte am 10. Dezember 1960 – Luis Amplatz legte eine Sprengladung in Bozen, die geringen Schaden anrichtete.

Wenige Wochen davor – also noch ganz ohne Begleitmusik durch Attentate – hatte Kreisky einen weiteren Erfolg verbucht. Die UNO-Generalversammlung verabschiedete am 31. Oktober 1960 die erste Südtirolresolution. Darin wurden  Österreich und Italien „dringend“ zu direkten Verhandlungen aufgefordert. Freilich war es nur der Start für einen schwierigen Verhandlungsprozess. Schon bei der Auftaktrunde ging man ergebnislos auseinander. In diese Situation platzte der erste aufsehenerregende Anschlag des BAS. Und zwar gegen den sogenannten Aluminium-Duce in der Nacht vom 29. auf den 30. Jänner 1961. Weitere „Nadelstiche“ folgten. Siehe da, bei einer nächsten bilateralen Verhandlungsrunde ließ Italiens Außenminister Antonio Segni zum ersten Mal Verhandlungsbereitschaft durchblicken.

Auch wenn eine direkte Kontrolle über die Untergrundbewegung nicht gegeben war, so nutzte die österreichische Seite die BAS-Aktionen für ihren Vorteil. Die bereits erwähnte „Feuernacht“ fand genau 24 Stunden vor dem Beginn einer viertätigen vorbereitenden Verhandlungsrunde vor dem nächsten Außenministertreffen statt. Den Regeln der Diplomatie folgend, distanzierte sich Kreisky. Im Rahmen der Verhandlungen blieb er aber bei einem selbstbewussten Kurs.

Am 28. November 1961 verabschiedete die UNO-Generalversammlung eine zweite Resolution. Diese begnügte sich damit, Österreich und Italien zu weiteren Anstrengungen aufzufordern. Denn das Echo auf die BAS-Anschläge war beschränkt geblieben.

Italien wiederum griff zu einer Doppelstrategie: Zunächst setzte als Reaktion auf den Terrorismus eine massive Repressionswelle ein. Diese führte binnen kurzer Zeit zur Zerschlagung des Südtiroler BAS. Bis 20. Juli 1961 befanden sich 70 Personen in Haft, darunter Kerschbaumer. Es wurden aber auch Zugeständnisse gemacht: Am 1. September 1961, trat zum ersten Mal eine paritätisch besetzte Kommission zusammen, später als „Neunzehnerkommission“ bekannt geworden. Diese prüfte die Südtirolfrage unter allen Gesichtspunkten. Schleppend und immer hart am Scheitern, wurden bis 1964 Lösungsvorschläge ausgearbeitet, die den Grundstock für das spätere Autonomie-„Paket“ bildeten. Das bot den Vorteil, die Frage inneritalienisch zu lösen.

Kreisky erkannte dieses „Doppelspiel“, „nämlich Österreich auszuschalten und direkte Verhandlungen als Niederlage Österreichs darzustellen“. Als Kreisky im Rahmen einer Rede vor der UNO Ende September 1963 Südtirol erneut aufs Tappet brachte, stellte sein italiensicher Amtskollege eine Gegenforderung: Die Attentate müssten aufhören.

Außer Kontrolle

Zu diesem Zeitpunkt war aber längst eine Gewaltspirale in Gang geraten. Zwar waren von ehemals rund 200 BAS-Leuten nur mehr Dutzend aktiver Attentäter übriggeblieben. Aber die Folter, der Freispruch von dafür verantwortlichen Carabinieri und die allgemeine Repression, hatten den BAS radikalisiert. Zu den Mastensprengungen kamen gezielte Attentate gegen Zivilisten hinzu. Das rief eine entsprechende Gegenreaktion hervor: 1961 und 1963 verübten italienische Neofaschisten Vergeltungsschläge in Österreich.

Auf diese Weise wurde der BAS in seinem „Hinterland“ allmählich zur belastenden Hypothek. Und so steigerte sich das Vorgehen der Behörden von Jahr zu Jahr – nachdem der BAS lange Zeit so etwas wie Narrenfreiheit genossen hatte. Ein Faktor, der lange eine effektive Bekämpfung verhinderte, war die Durchlässigkeit der Grenze. Das sollte sich ändern, als sich am 25. Juni 1967 auf der Porzescharte ein besonders schwerer Anschlag mit vier Toten ereignete. Obwohl die Hintergründe bis heute umstritten sind, war für Italien die Täterschaft des BAS erwiesen. Man legte ein Veto gegen weitere Verhandlungen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) mit der österreichischen Bundesregierung ein – „bis sie imstande wird, festzustellen, dass das österreichische Hoheitsgebiet nicht für die Organisation von Terrorakten auf italienischem Hoheitsgebiet und als Zufluchtsstätte für die Terroristen gebraucht werde“.

Das war ein harter Schlag, denn ein EWG-Assoziierungsabkommen wurde von der seit 1966 im Amt befindlichen ÖVP-Alleinregierung als „lebensnotwendig“ erachtet. Infolgedessen wurde beschlossen, drei Bundesheerbataillone zur Unterstützung von Gendarmerie und Zollwache zu entsenden. Natürlich war es unmöglich, die Grenze abzuriegeln, aber illegale Übertritte wurden erschwert. Noch wirksamer war die Maßnahme auf der symbolischen Ebene – die Soldaten hatten Schießbefehl, was beispielsweise die sogenannten „Pusterer“ als Wendepunkt auffassten.

Dabei hätte Kreisky schon 1964/1965 beinahe eine Lösung zustande gebracht: Ein Regierungswechsel in Italien hatte Handlungsspielraum eröffnet. Man vereinbarte, die nach Abschluss der Neunzehnerkomission noch offenen Punkte einer Expertengruppe vorzulegen. Diese Kooperation mündete schließlich in einen ersten Autonomie-Entwurf. Dieser wurde jedoch von einer Runde von Nord- und Südtiroler Politikern am 8. Jänner 1965 abgelehnt. Mehrere Gründe waren maßgebend: Die Nordtiroler vermissten Absicherung, die Südtiroler waren inhaltlich unzufrieden. Darüber hinaus war das Bestreben der ÖVP ersichtlich, die Initiative von der Bundesregierung auf Länder-Ebene zurückzuholen. Und schließlich gönnte man Kreisky den Triumph aus parteipolitischen Motiven ganz einfach nicht.

Die entscheidenden Verhandlungen fanden nun inneritalienisch zwischen SVP-Obmann Silvius Magnago und Premierminister Aldo Moro statt – ganz ohne Störfeuer durch Attentate. Am 23. November 1969 erfolgte der Durchbruch. Wenige Tage später zog die Regierung in Rom das EWG-Veto zurück. Das Autonomiestatut wurde am schließlich am 10. November 1971 beschlossen und trat 1972 in Kraft. Es sollte bis 1992 dauern, ehe Österreich und Italien eine Streitbeilegungserklärung präsentierten.

Nicht der „Pate“ 

Um abschließend zur Eingangsfrage zurückzukehren: Was wusste Kreisky? Der Außenminister zählte vor dem Lossachlagen des BAS zu den wohl bestinformierten Verantwortungsträgern in Österreich. Die Zusammenkunft mit Kerschbaumer im November 1960 fand sogar zu einem Zeitpunkt statt, wo man noch hätte Einhalt gebieten können. Aber dazu kam es nicht und kurze Zeit später erfolgte das erste BAS-Attentat. Gleichzeitig ist es wichtig festzuhalten, dass Kreisky nicht der alleinige „Pate“ war. Österreich war in operationeller, logistischer und politischer Hinsicht das „Hinterland“ für den BAS. Das stillschweigende Einvernehmen zwischen Kreisky und den Südtiroler Untergrundkämpfern dürfte noch bis nach der „Feuernacht“ angehalten haben – solange jedenfalls, wie sich die Attentate instrumentalisieren ließen. Dieses Fenster schloss sich aber rasch, vor nachdem Italien eine Lösung im Inneren in Gang setzte.

Die unerwartet schnelle Zerschlagung des Südtiroler BAS, dessen Fragmentierung und die Repression schufen ein Klima, in dem sich die Gewalt hochschaukelte. Ein Volksaufstand sollte sich in Südtirol freilich nie entzünden – die Sache des BAS blieb die einer Minderheit. Spätestens ab 1963 schlug der Konflikt auf Österreich selbst zurück, während Italien mit dem Hinweis auf die ungenügende Vorgangsweise gegen die Südtirol-Attentäter stets den Finger in die Wunde legen konnte.

Auch wenn Kreisky und andere Akteure dafür persönlich nicht verantwortlich sind, hatten sie eine Dynamik mit in Gang gesetzt, die sich zunehmend als unkontrollierbar erwies und auf sie zurückfiel. Dass Kreisky der „krönende“ Abschluss seiner Bemühungen verwehrt blieb, war insofern eine bittere, aber folgerichtige Schlusspointe.