Das Geiseldrama von Marchegg & die bislang unbekannte Rolle der Stasi

Vor 44 Jahren wurden russische Juden am Grenzbahnhof Marchegg von palästinensischen Terroristen als Geiseln genommen. Es war eine der schwersten Krisen in der Geschichte der 2. Republik. So viel ist bekannt. Neue Dokumente zeigen: Ausgerechnet das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) durchkreuzte zufälligerweise noch weitergehende Pläne der Terroristen. Zwei von ihnen wurden „abgefangen“. Womit deutlich wird: Das angeblich symbiotische Verhältnis zwischen Ostblock-Staaten und dem „internationalen Terrorismus“ war wesentlich komplizierter.
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Mord per Blasrohr: Die Blutspur der „Roten Hand“

Es ist bis heute einer der spektakulärsten Kriminalfälle in der Geschichte der Schweizer Metropole Genf: Am Donnerstagnachmittag, 19. September 1957, fährt ein Mann den Aufzug zu seiner Wohnung in der Cour de Rive Nr. 16 hoch. Es handelt sich um den 55jährigen Marcel Leopold. Er hat nur mehr wenige Augenblicke zu leben. 

Kaum ist Leopold in der dritten Etage angekommen, trifft ihn ein 15 cm langer Stahlbolzen von der linken Seite her in die Brust. Lunge und Aorta werden durchbohrt, was zu massiven inneren Blutungen führt. Leopold schafft es gerade noch, an der Türe zu klingeln. Als seine Frau öffnet, stammelt er noch, dass er „vergiftet“ worden sei und bricht zusammen. Wenige Sekunden später ist er tot.

Vor 60 Jahren erschütterte eine Serie spektakuläre Mordfälle zahlreiche westeuropäische Länder. Es handelte sich um Auswüchse des Algerienkriegs (1954-1962), die bis nach Österreich ausstrahlten.

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„Am helllichten Tag kann ja nichts passieren“: Das rätselhafte Verschwinden des Heinz Krug

2016 erregten die Journalisten Dan Raviv und Yossi Melman große Aufmerksamkeit: In einem Artikel für eine israelische Tageszeitung meldeten sie, Otto Skorzeny habe einen Auftragsmord für den Nachrichtendienst Mossad verübt. Ausgerechnet Hitlers bevorzugter Kommandosoldat und zeitlebens überzeugter Nationalsozialist habe den deutschen Manager Heinz Krug „verschwinden“ lassen – weil dieser das gegen Israel gerichtete ägyptische Raketenprogramm belieferte. Am 11. September 2017 jährt sich dieser nach wie vor ungeklärte Kriminalfall zum 55. Mal. Ein guter Anlass, der These von Raviv/Melman auf den Grund zu gehen.

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Die Entführung des „Strumpfkönigs“: Der Fall Palmers & ein „Hauch von RAF“ in Österreich

Vor 40 Jahren, im Herbst 1977, verschleppten Terroristen den Industriellen Walter Palmers. Vier Tage lang hielt das Land den Atem an. Anhand von Ermittlungsakten und Zeitzeugeninterviews lässt sich das Gesehen rekonstruieren.

Es geht alles ganz schnell an diesem verregneten Novemberabend: Der 74-jährige Walter Michael Palmers hat gerade seinen VW Golf vor der Villa in der Währinger Hockegasse geparkt. Als er absperren will, wird er von allen Seiten gepackt: „Ich wollte Hilfe rufen, aber ich habe nur mehr ‚Hi…‘ herausgebracht, dann wurde mir der Mund zugehalten“.

Die maskierten Kidnapper setzten ihrem Opfer eine schwarz lackierte Skibrille auf und hieven Palmers auf den Rücksitz eines Peugeots. Kurze Zeit später steigen sie mit ihm in einen VW-Kastenwagen um. Nach „etwa 15 oder 20 Minuten“ Fahrt halten sie erneut. Sie wickeln Palmers in eine Matratze ein, zwei Personen tragen ihn schräg abwärts. Jemand betätigt einen Rollbalken.

Als Palmers die Brille abnimmt, findet er sich in einem Raum wieder, in dem sich ein 1,30 mal 2,30 Meter großer Verschlag befindet – darin eine Campingliege, ein Bestelltisch und ein Kübel für die Notdurft. Die Entführer nennen es „Volksgefängnis“. Fast 100 Stunden muss Palmers hier ausharren.

Erschienen in: Vice Austria, 3. 9. 2017

Mehr lesen: https://www.vice.com/de_at/article/vbb8my/die-entfuhrung-des-strumpfkonigs-der-fall-palmers-und-ein-hauch-von-raf-in-osterreich

„Schwarzer September“: Der Terrorismus der 1970er Jahre und das Münchner Olympia-Attentat

Vor 45 Jahren, am 5. September 1972, überfielen acht schwer bewaffnete „Fedajin“ (Märtyrer) das Quartier der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf und nahmen elf Geiseln. Zwei der Sportler wurden im Handgemenge ermordet. Die laxen Sicherheitsbestimmungen der „heiteren Spiele“ hatten es den Palästinensern leicht gemacht. Spätabends scheiterte ein dilettantischer Befreiungsversuch der bayrischen Polizei: Am Ende der stundenlangen, chaotischen Schießerei waren neun Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist tot.

Das Münchner Olympia-Attentat war eine Wegscheide in der Entwicklung des modernen Terrorismus. Zuvor hatten nationale Bezüge vorgeherrscht. Man denke an den Nordirland-Konflikt oder das Baskenland. Die Münchner Geiselnahme dagegen wurde transnational vorbereitet und durchgeführt – mit der Intention, weltweite mediale Aufmerksamkeit auf das sogenannte „Palästinenserproblem“ zu lenken. Dabei war die verantwortliche Organisation „Schwarzer September“ mit Akteuren außerhalb des Nahen Ostens verbunden. Unter letzteren sollen sich nicht nur westdeutsche Linksextremisten, sondern auch Neo-Nazis befunden haben.

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De Gaulle muss sterben: Das Attentat von Petit-Clamart

Vor 55 Jahren, am 22. August 1962, wäre Präsident Charles de Gaulle beinahe einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Die Organisation de l’armée secrète (OAS) trachtete ihm nach dem Leben, weil er Algerien in die Unabhängigkeit entlassen wollte. Nur durch Zufall überlebte de Gaulle den Feuerüberfall in einem Pariser Vorort. Die nachfolgende Fahndung nach den OAS-Leuten erstreckte sich bis nach Österreich, wie aus staatspolizeilichen Akten hervorgeht. Die Ereignisse inspirierten Frederick Forsyth zu seinem Bestseller The Day of the Jackal (1971), in dem auch Wien eine Rolle spielt. Und der in Österreich aufgewachsene Fred Zinnemann sollte den Stoff 1973 verfilmen. Eine der ersten Szenen, gleich nach der Rekonstruktion des de Gaulle-Attentats, spielt in der Leopoldstadt – im Schatten des Riesenrads.

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Jagd auf „Mr. Seven“

Über ein Jahrzehnt jagt die Staatspolizei einen gefährlichen „Maulwurf“ in den eigenen Reihen. Dann bietet ein Überläufer Informationen an. Würde „Mr. Seven“ nun enttarnt werden? Neue Dokumente beleuchten einen realen Agentenkrimi aus dem Kalten Krieg.

Bundeskanzler Bruno Kreisky war besorgt. Innerhalb seines engsten Kreises befinde sich ein Spion. Das war die Verständigung, die ihm der schwedische Ministerpräsident Olof Palme zukommen hatte lassen. Und noch mehr: Der Verräter arbeite für die tschechoslowakische Staatssicherheit (Štátna bezpečnosť, StB) – genauso wie der Mann, von dem die Angaben ursprünglich stammten: Jaroslaus Hladik alias Janos Hartl, Deckname „Robek“, hatte sich im Oktober 1973 den schwedischen Behörden gestellt. Polizeichef Carl Person sprach gar von einem „Spitzenagenten des Ostblock in Westeuropa“, der da übergelaufen sei. Ein solcher „Spitzenagent“ war „Robek“ freilich nicht, das sollte sich bald herausstellen. Aber seine Auskünfte in Bezug auf den früheren Einsatzort Österreich wogen schwer. Dort waren in der Vergangenheit bereits mehrere spektakuläre Spionagefälle geplatzt. Immer wieder war die StB darin verwickelt gewesen. Und in Wien wusste man nur allzu gut, dass der von „Robek“ gemeldete „Maulwurf“ tatsächlich existierte. Man nannte ihn „Mr. Seven“ – nach seiner Arbeitsadresse: Herrengasse Nr. 7, Innenministerium.

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Erschienen in: Öffentliche Sicherheit, Nr. 7-8/2017, 41-44.